Kremltreue Biker unterwegs nach Berlin | Europa | DW | 07.05.2015
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Europa

Kremltreue Biker unterwegs nach Berlin

Mitglieder eines russischen Motorradclubs wollen in Berlin an den Sieg über Nazi-Deutschland vor 70 Jahren erinnern. Willkommen sind sie nicht. Denn die "Nachtwölfe" sind keine gewöhnlichen Rocker.

"Nach Berlin!" Diese Aufschrift kennt in Russland jeder. Im Zweiten Weltkrieg war sie auf sowjetischen Panzern zu sehen, die Richtung Westen rollten. Unter diesem Motto startete am 25. April in Moskau der kremlnahe russische Motorradclub "Die Nachtwölfe" eine Tour durch halb Europa, um an den Sieg über Nazi-Deutschland vor 70 Jahren zu erinnern. Am Samstag (9. Mai) wollen die Männer und Frauen in Lederjacken mit russischen Fahnen medienwirksam durch Berlin brettern. Endstation ist das Ehrenmal für sowjetische Soldaten im Treptower Park. Am Samstag wird in Russland der Tag des Sieges mit einer besonders großen Militärparade in Moskau gefeiert.

Dabei drohte der Plan zu scheitern. Zunächst Polen und dann die Bundesrepublik annullierten Visa für einige der russischen Rocker. Das Auswärtige Amt und das Innenministerium sprachen sich in einer Erklärung gegen "jegliche Instrumentalisierung des unermesslichen Leids der Opfer und des Widerstands gegen die Naziherrschaft" aus. Ein paar Mitglieder der "Nachtwölfe" wurden am Berliner Flughafen abgewiesen. Doch eine kleine Gruppe konnte am Sonntag über Österreich nach Deutschland einreisen. Ihre Zahl dürfte bis Samstag steigen.

Einer wird auf keinen Fall dabei sein: Alexander Saldostanow, Spitzname "Chirurg". Der 52-jährige Vorsitzende des Clubs bekam auch kein Visum. Dabei hat der oberste "Nachtwolf" eine persönliche Beziehung zu Berlin.

Die "Berlin-Moskau-Connection"

Die "Russischen Motorradfahrer", wie sich die Biker seit einiger Zeit nennen, ähneln nur noch äußerlich ihren westlichen Kollegen. Sie verstehen sich als "russische Patrioten" und Helfer des Kremls. Das war nicht immer so.

Russland, St. Petersburg Nachtwölfe Alexander Zaldostanov

Die "Nachtwölfe" in Sankt Petersburg

Die "Nachtwölfe" sind nach eigenen Angaben der größte und älteste Motorradclub Russlands. Seine Geschichte beginnt Ende der 1980er Jahre, als die Sowjetunion kurz vor dem Kollaps steht. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Saldostanow.

Der Arztsohn aus der ukrainischen Provinz ist Mitte zwanzig, als er nach seinem Medizinstudium in Moskau eine Deutsche heiratet und nach West-Berlin zieht. Dort lernt der leidenschaftliche Motorradfahrer im berüchtigten Rockerclub Hells Angels neue Leute kennen - und arbeitet als Türsteher. Nach westlichem Vorbild gründet Saldostanow 1989 die "Nachtwölfe". Sie düsen nachts durch Moskau, prügeln sich und treten bei Rockkonzerten als inoffizieller Sicherheitsdienst auf.

Bike-Show wird politisch

Nach dem Zerfall der Sowjetunion baut Saldostanow seinen Club zu einem mächtigen Netzwerk aus, mit Vertretungen in allen ehemaligen Sowjetrepubliken. Mitte der 1990er Jahre entdecken die "Nachtwölfe" das Showbusiness. Sie veranstalten jedes Jahr mehrtägige "Bike-Shows" mit bis ins Detail durchdachten Bühnenvorstellungen, aufwendigen Licht- und Toneffekten und Rockmusik. Es gibt eine eigene Theatergruppe. Zehntausende kommen, um sich das anzuschauen.

Nach und nach bekommen solche Veranstaltungen einen patriotischen und antiwestlichen Grundton. Im Mittelpunkt steht immer stärker der sowjetische Sieg gegen Nazi-Deutschland. Auch der damalige Sowjetführer Stalin wird von den Bikern im Einklang mit staatlichen russischen Medien glorifiziert.

Flagge zeigen in Sewastopol

Seit 2009 wird die Hauptshow in Sewastopol auf der ukrainischen Halbinsel Krim organisiert, dem Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte. 2010 nimmt auch Wladimir Putin, damals Ministerpräsident, zum ersten Mal daran teil. Der Kremlchef zeigt sich auf einem Motorrad, allerdings mit drei Rädern. "Danke für die Einladung, Brüder", sagt Putin. Die Menge jubelt.

Auch 2012 reist Putin zu Saldostanow auf die Krim. Ein Jahr später verleiht Präsident Putin dem obersten "Nachtwolf" einen Ehrenorden "für patriotische Arbeit mit der Jugend". "Ich schätze Putin sehr", sagt Saldostanow neulich in einem Interview für das Moskauer Nachrichtenmagazin "New Times". "Er ist ein Präsident, auf den mein Land lange gewartet hat." Er werde alles tun, um Putins Zeit an der Macht zu verlängern und ihn zu beschützen.

Russland Motorradclub Nachtwölfe Auszeichnung für Saldastanow von Putin

Putin zeichnet "Nachtwolf" Saldostanow aus (2013)

Auszeichnungen für Krim-Einsatz

Bei der russischen Annexion der Krim spielen Saldostanows "Nachtwölfe" offenbar eine wichtige Rolle: In einem Dokumentarfilm des russischen Fernsehens, der Anfang März ausgestrahlt wurde, brüsten sich einige Mitglieder des Clubs, "einen Krieg" zwischen Russland und der Ukraine verhindert zu haben. In Jalta entführen die ukrainischen "Nachtwölfe" am 5. März 2014 den Generaloberst der ukrainischen Armee Michailo Kowal: In seinem Koffer habe er angeblich einen Schießbefehl aus Kiew für eine Einheit ukrainischer Grenztruppen mitgebracht. Kowal wird nach Simferopol gebracht und erst Stunden später freigelassen.

Im Grunde handeln die "Nachtwölfe" wie eine Sondereinheit der russischen Spezialkräfte, die zu jenem Zeitpunkt auf der Krim sind. Die USA und Kanada führen Sanktionen gegen die "Nachtwölfe" ein. In Russland werden sie geehrt: Einige Mitglieder werden mit Medaillen "für den Krim-Einsatz" ausgezeichnet.

Bei seinem Auftritt auf dem Rotem Platz in Moskau nach der Krim-Annexion im März 2014 sagt Saldostanow, er halte die ganze Ukraine für einen Teil "der russischen Welt". Der Westen solle sich da heraushalten.

Schlägertrupps gegen die Opposition

Inzwischen kämpfen manche "Nachtwölfe" in der Ostukraine auf der Seite der prorussischen Separatisten. Der Anführer selbst greift nicht zu den Waffen, sondern hat eine andere Aufgabe. Im Januar 2015 gründet Saldostanow eine Bewegung namens "Antimaidan", ein Gegenstück zu den prowestlichen Demonstrationen im ukrainischen Kiew. Das Hauptziel der muskelbepackten jungen Männer bestehe darin, einen Aufstand wie den in der Ukraine zu verhindern.

"Die Angst ist das einzige, was sie zwingen kann, ihre Pläne aufzugeben", droht Saldostanow in einem Zeitungsinterview den Putin-Gegnern. Er meint die Angst zu sterben. Andere Mitbegründer des "Antimaidan" machen es noch deutlicher: Sei seien bereit, nicht nur mit den Fäusten, sondern auch mit Waffen gegen die Opposition vorzugehen.

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