Kratzer in der Glitzerwelt: Dubai und die Krise | Nahost | DW | 04.01.2010
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Nahost

Kratzer in der Glitzerwelt: Dubai und die Krise

Dubai, die Glitzermetropole am Golf, steckt in der Krise. Das zumindest liest man täglich in der Zeitung. Doch von all dem merkt man in Dubai selbst so ziemlich nichts. Oder doch? Auf der Suche nach der Krise am Golf.

Mann im arabischen Gewand vor der Skyline (Foto: Anna Kuhn-Osius)

Zwischen Tradition und Moderne: Die Vereinigten Arabischen Emirate

"Welche Krise meinst du?" Abdullah grinst breit und rückt sich seine Sonnenbrille zurecht. Dubai habe keine Probleme, sagt der junge Araber selbstbewusst - und steuert seinen dicken Geländewagen in das Parkhaus der Dubai-Mall, eines der größten Einkaufszentren der Stadt. Abdullah geht shoppen. Von wegen Krise!

Eislaufen bei 35 Grad im Schatten

Konsum statt Krise in einem der größten Einkaufszentren der Welt (Foto: ako)

Konsum statt Krise in einem der größten Einkaufszentren der Welt

Die Dubai Mall: Luxus, Kaufrausch und Konsumtempel auf zig Etagen. Designer neben Massenmode, arabische Gewänder neben bauchfreien Tops. Eine Frau in Burka isst Burger. Menschen aller Nationen schieben sich durch die Gänge mit dem Marmorfußboden. Ein kleiner arabischer Junge starrt begeistert auf die Haie im riesigen Aquarium. Ein paar Araber üben sich im Eislaufen auf der Schlittschuhbahn. Dubai hat Geld für all das, was eigentlich niemand braucht. Immer noch.

Mohammed aus dem Libanon ist verwundert. "Ich dachte hier ist Krise", sagt er. "Davon reden im Ausland doch alle. Aber die Malls sind ja voll – und die Leute offensichtlich glücklich…"

Keine Schlange mehr vor dem Louis Vuitton

In der Dubai Mall (Foto: ako)

In der Dubai Mall

Antoinetta widerspricht. Sie steht mit Ehemann und Kleinkind vor dem H&M und sortiert die Einkaufstaschen. "Die Malls sehen zwar voll aus, aber die Leute machen doch nur Window-Shopping", sagt sie. "Vor allem die teuren Läden sind längst nicht mehr so gut besucht. Eigentlich war immer eine lange Schlange vor dem Louis Vuitton, das ist jetzt vorbei."

So gesehen würde die Krise in Dubai das Leben ein bisschen leichter machen: Keine Warteschlangen mehr vor den Designershops, weniger Staus auf den Strassen. Vielleicht hat auch die Skihalle bei 35 Grad im Schatten ein paar weniger Gäste. Auch so kann Krise aussehen.

Doch es gibt wirklich Kratzer in der Glitzerwelt. Natürlich nicht erwünscht, natürlich nicht offiziell. Nur halblaut räumt der Verkäufer im Herren-Ausstatter-Laden ein: "Vorher haben wir am Tag umgerechnet rund 5000 Euro eingenommen. Jetzt ist es nur noch die Hälfte. Das ist schon schwierig."

Abu Dhabi kennt keine Krise

Schild in Dubai (Foto: ako)

Ein bisschen verrückt ist Dubai an vielen Stellen schon

Nur topgestylte Araberin aus Abu D lächelt: Die Krise ist zwar hier in der Wirtschaft, aber nicht generell bei den Menschen in den Emiraten", ruft sie und verschwindet in der Menge. "Ich geh jedenfalls mehr shoppen als vorher!"

Kein Wunder: Das große Nachbaremirat Abu Dhabi kennt keine Krise. Abu Dhabi hat Ölreserven für noch mindestens 100 Jahre. Dubai hat kein Öl mehr. Abu Dhabi hat Geld. Dubai ist pleite. Abu Dhabi hat die Macht. Dubai braucht Hilfe. Gerade hat Abu Dhabi dem krisengeschüttelten Dubai mit 10 Milliarden Dollar unter die Arme gegriffen. Die Gegenleitung ist klar: Mehr Einfluss für Abu Dhabi! Das Emirat gilt schon lange als der großen Wüsten-Bruder, der in den letzten Jahren immer ein wenig eifersüchtig auf die kleine berühmte und überaus agile Schwester Dubai geschielt hat.

"Dubai hat vor 20 Jahren die Entwicklung für die ganze Region vorgegeben und hat sei Potenzial großartig ausgeschöpft", erklärt Rainer Herrmann, FAZ-Korrespondent in Abu Dhabi. "Aber Abu Dhabi hat mehr Ressourcen und jetzt auch den Willen, die Führungsrolle in der Region zu übernehmen. Abu Dhabi wird die Entwicklung in der Region vorgeben."

Nachhaltigkeit versus Protz?

Autobahn von Dubai nach Abu Dhabi (Foto:ako)

Autobahn von Dubai nach Abu Dhabi

Wer auf der Autobahn von Dubai nach Abu D unterwegs ist, merkt die Grenze zwischen den beiden Emiraten sofort: Schlagartig verwandelt sich die Wüstenlandschaft in einen Palmenhain. Abu D setzt auf grün, auf neue Energien, hat nachhaltiger geplant, vorsichtiger gewirtschaftet, weniger spekuliert. Dubais Strategie ist stattdessen seit Jahrzehnten immer gleich: Höher-schneller-weiter.

Groß-Baustelle am Golf

Krise hin oder her: Eigentlich scheint Dubai nach wie vor zu boomen. Die ganze Stadt ist eine Baustelle. 20 Jahre alte Häuser werden wieder abgerissen, weil sie zu alt wirken - ersetzt durch immer höhere Glasbauten. In wenigen Tagen wird Bursh Duabi eröffnet, das höchste Hochhaus der Welt.

Das höchste Hochhaus der Welt, der Bursh Dubai (Foto: ako)

Das höchste Hochhaus der Welt, der Bursh Dubai, wird im Januar 2010 eröffnet

Dubai wirkt wie ein gigantisches Glas-Raumschiff, gestrandet in der Wüste, schillernd, blendend, künstlich. Hinter der Fassade ist nichts. Hotels mit Dekorationen aus reinem Gold, künstliche Inseln, auf denen komplette Viertel entstehen. Alles ist groß, gläsern und grell. Das einzige, was Dubai nicht hat bei all den Mega-Bauten, ist Substanz, sagt Architekt Uwe Fogber: "Städtebaulich ist Dubai eine Katastrophe. Die Gebäude, die wir in Dubai bewundern dürfen, sind sicherlich mit einer kurzen Halbwertszeit ausgestattet, das heißt, wir werden sicherlich in der nächsten Zeit auch wieder Abrisse erleben in Dubai."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, in welcher Krise Dubai wirklich steckt.

Dubai will historisch werden

Im Norden von Dubai wird tatsächlich schon abgerissen. Dort entstehen statt der Wolkenkratzer jetzt geduckte, urarabische Häuschen. Stück für Stück hat die Stadtverwaltung von Dubai die alten Häuser zusammentragen lassen und baut sie wieder auf, in einem riesigen Freilichtmuseum. Ganze Gebiete sollen nachgebaut werden, um zu zeigen, wie Dubai damals aussah - vor nicht mal 40 Jahren: Ein Dorf am Rand der Wüste, mit ein paar Fischern und Kamelhirten. Diese Seite von Dubai dürfe nicht vergessen werden, sagt Achmed, der im Freilichtmuseum arbeitet. Er will, dass Dubai wieder ein Gesicht bekommt, eine Identität.

Identitäts-Krise!

Burger King in Dubai (Foto: ako)

Burger King in Dubai

Das ist die Krise, in der Dubai wirklich steckt: Die Suche nach Identität, nach Einzigartigkeit. Nach dem, was Dubai von seinen Vorbildern, Städten wie Los Angeles oder Las Vegas, eigentlich unterscheidet. Das was Dubai wirklich verloren gegangen ist bei dem schnellen Wachstum, das, was viel schwerer wiegt als all das verzockte Geld, ist die verlorene Suche nach sich selbst. Wer bin ich? Wo komme ich her? Was macht mich einzigartig? Diese Fragen hat sich Dubai nie gestellt. Zwischen Touristenbespaßung, Techno im Taxi und Jingle Bells im Aufzug ist eines verloren gegangen: Stille.

Fremd in der Heimat

Ganim, ein Bewohner im Altenheim in Dubai (Foto: ako)

Ganim, ein Bewohner im Altenheim in Dubai

Immer, wenn der Muezzin ruft, schaut Gamin rüber zu den Hochhäusern. Der alte Beduine lebt im Altenheim. Dorthin haben sie ihn gebracht, damals, als sie ihm seine Wüste nahmen und doch Hochhäuser bauten. Der alte Beduine versteht sein Land nicht mehr. Er ist fremd in seiner Heimat geworden, sagt Heimleiter Mohammed. "Die alten Menschen in Dubai sind orientierungslos zwischen all den Hochhäusern und modernen Dingen, es hat sich ja alles verändert. Sie fühlen sich verloren."

Ganim spricht kaum noch. Das Heimgebäude betritt er nur zum Essen. Er mag es nicht, wenn er den Himmel nicht sehen kann. Draußen, vor dem Altenheim haben seine Pfleger ihm ein Zelt gebaut, ein bisschen so wie damals in der Wüste. Dort schläft der altre Beduine.

Alte Menschen findet man kaum noch

Alter Mann im Altenheim in Dubai (Foto: ako)

Alter Mann im Altenheim in Dubai

Die Krise in Dubai? Für die Heimbewohner sind es vor allem die Menschen, die in der Krise sind. Alte Einheimische sucht man in der Stadt vergebens. Für sie gibt es keinen Platz in dieser neuen Welt. Heimleiter Mohammed will das ändern: Er fährt mit den Bewohnern im Rollstuhl zu den Wolkenkratzern. Dann fahren sie mit den anten Beduinen in die 89.Etage. "Unsere Bewohner sind zwar alt, aber doch nicht zurückgeblieben", sagt Mohammed. "Sie sollen sehen, was draußen passiert."

Wenn Ganim, der alte Beduine, nicht in seinem Zelt sitzt, ist auch er draußen unterwegs. Dann irrt er auch dem Parkplatz von dem Altenheim, zwischen den dicken Geländewagen. Er sucht. Was er sucht. Sein Pfleger Ali zuckt mit den schultern: "Er hat sich selbst verloren", sagt er. "Damals, da hatten wir nichts, aber wir waren doch glücklich. Heute haben wir alles, aber glücklich - das sind wir nicht."

Eine der Hauptstrassen in Dubai (Foto: ako)

Eine der Hauptstrassen in Dubai

"Insha'Allah"

Die jungen Scheichs machen sich keine Gedanken über die Sorgen der alten. Hauptsache, das Geld ist da, um nachher mit dem Sportwagen noch ein paar Wettrennen in der Wüste zu fahren. Überhaupt: Die Ausländer scheinen sich um Dubai mehr Sorgen zu machen als die Inländer. Die Ausländer treffen sich in Meetings und beraten Strategien gegen die Krise. Die Inländer gehen shoppen.

Die Ausländer sprechen von Neudefinierung, Umstrukturierung und Marktanpassung. Die Inländer sagen "Insha'Allah", das heißt "so Gott will".

Gastarbeiter in der Krise

Übrig bleibt vor der riesigen Mall Radscha aus Sri Lanka mit seinem Taxi. Und er ist einer der ersten, der die finanzielle Krise wirklich spürt: "Ich lebe hier mit sechs Leuten auf einem Zimmer, mit einer Toilette. Wir kommen alle aus Indien oder Sri Lanka, wir sind hier zum arbeiten und schicken das Geld zu unseren Familien nach Hause. So schlimm wie jetzt war es noch nie. Vorher hab ich vielleicht acht Trips an einem Tag gefahren, heute sind es ein bis zwei. Das ist die Krise. Es ist wirklich schwierig."

Ob Dubai aus der Krise wieder herauskommt, in der es offiziell noch immer nicht stecken mag? Da lächelt auch Radscha: "Insha'Allah", sagt er. Denn das ist hier schon international.

Autorin: Anna Kuhn-Osius

Redaktion: Thomas Latschan

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