Kosovo: Frauenhäuser als Zufluchtsort | Europa | DW | 08.09.2021
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Kosovo

Kosovo: Frauenhäuser als Zufluchtsort

Gewalt gegen Frauen ist im Kosovo fast alltäglich. Lasche Ermittlungen und milde Urteile, sollte es doch zu einer Anklage kommen, sind kaum eine Abschreckung. Hilfe finden Frauen oft erst durch NGOs in Frauenhäusern.

Protest gegen Gewalt gegen Frauen im Kosovo

Protest gegen Gewalt gegen Frauen im Kosovo

Allein in diesem Jahr sind in der kleinen Republik Kosovo schon drei Frauen getötet worden und 1063 Fälle von häuslicher Gewalt gegen Frauen angezeigt wurden. In der kosovarisch patriarchalischen, traditionellen Gesellschaft kann man jedoch davon ausgehen, dass die Dunkelziffer bei diesen Straftaten sehr hoch ist.

Die Projektkoordinatorin des Kosovo Frauen Netzwerkes zu geschlechtsspezifischer Gewalt, Erza Kurti erklärt, dass die Istanbul Konvention des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, die 2014 in Kraft trat, erst letztes Jahr in die Verfassung des Kosovo aufgenommen wurde. Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass dieses Reglement auch in allen Polizeistationen oder Ortsbehörden bekannt ist. Unter anderem sind in der Konvention auch Vorgaben zur Bereitstellung von Wohnraum für unmittelbar von Gewalt bedrohten Frauen geregelt, die aber im Kosovo nicht immer umgesetzt werden.

Symbolbild I Trauer

Oft gibt es keinen Zufluchtsort nach Gewalterfahrungen

"Das Kosovo stagniert bei der Rehabilitation und Wiedereingliederung von Frauen, die Gewalt erlebt haben, so dass viele von ihnen zum Täter zurückkehren müssen. Unsere Organisation hat Empfehlungen gemacht, wie zum Beispiel Polizisten, Staatsanwälte, Opferanwälte, Beamte des Zentrums für Sozialarbeit, Richter und andere im Umgang mit Betroffenen von Gewalt zu schulen", sagt Erza Kurti.

Häusliche Gewalt in allen gesellschaftlichen Schichten

Häusliche Gewalt zu erfahren hängt nicht vom Bildungsstandard der Frauen ab oder ist auf das kosovarische Bildungssystem zurückzuführen, sondern vielmehr auf die traditionellen albanischen Gesellschaftswerte. So wurde zum Beispiel Luljeta Aliu, die in der Schweiz aufgewachsen ist und an der Universität in Zürich beschäftigt war, sechs Jahre lang von ihrem Mann misshandelt. Die Übergriffe verstärkten sich als ihre Kinder geboren wurden und sie 2011 und ins Kosovo zurückkehrte. Schließlich fürchtete sie sogar um ihr Leben und zeigte die Übergriffe bei der Polizei an.

"Meine Gewalterfahrungen begannen sehr früh in Form von psychischer und auch wirtschaftlicher Gewalt, die bedeutete, dass ich überhaupt keinen Zugang zum Familieneinkommen hatte. Später wurde ich mit körperlicher Gewalt bestraft. Ich weiß, ich hätte es früher melden sollen, aber ich habe das nicht gemacht. Wenn im Kosovo eine Frau ihren Mann anzeigt, ist das hier eine besonders ernste Angelegenheit, weil es komplett gegen die gesellschaftlichen Konventionen verstößt. Der Fehler und die Schuld werden immer erst mal bei den Frauen gesehen, wenn sie sich beschweren", sagt Luljeta Aliu.

Erste Erfolge durch Gesetzesänderung

Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen hat Luljeta sich aktiv engagiert, um eine Verbesserung der Situation der Frauen zu erreichen. 2018 hat sie ihre Organisation "Inject - Justice and Equality Initiative" gegründet, um sich auf diese Weise für eine Verbesserung des Schutzes von Frauen, vor allem auch in rechtlichen Aspekten, einzusetzen.

Kosovo | Luljeta Aliu

Luljeta Aliu will Frauen vor allem juristisch unterstützen

Der erste Erfolg dieser Organisation war eine Gesetzesinitiative mit Empfehlungen zur Änderung und Ergänzung des Familiengesetzes, das im Januar 2019 in Kraft getreten ist. Luljetas Engagement hat zur Überarbeitung mehrerer Artikel geführt, in denen Frauen im Kosovo rechtlich diskriminiert wurden. Geändert wurden 13 Artikel des Familiengesetzes, das Frauen nun Zugang zum ehelichen Vermögen sowie Unterhalt garantiert und auch die rechtliche Gleichstellung festschreibt. Zudem unterstützt Luljeta mit ihrer Organisation Frauen mit Beratungsangeboten bis hin zu juristischem Beistand.

"Frauen haben einen deutlich erschwerten Zugang zu Polizei und Justiz und erleben einen großen Mangel an Professionalität sowie extreme Diskriminierung von Behördenseite. Eine Frau zu sein, ist ein Hindernis bei der Suche nach Gerechtigkeit und Schutz", fasst Luljeta Aliu zusammen.

Schutz für maximal sechs Monate

Im ganzen Kosovo gibt es nur acht Frauenhäuser, die von Nichtregierungsorganisationen betrieben werden. Das Frauenhaus "Center for the Protection of Women and Children" in Pristina wird von Direktorin Zana Asllani geleitet. "In dem Heim gibt es verschiedene Dienstleistungen für Betroffene von Gewalterfahrungen. Neben einem sicheren Ort und der Gewährung von Schutz als Hauptaufgabe bieten wir Rehabilitations- und Reintegrationsprogramme für Opfer häuslicher Gewalt an. Wir haben eine Kapazität von 25 Betten, die von 24 Stunden bis zu sechs Monaten eine Unterkunft sichern", sagt Zana Asllani.

Im Durchschnitt werden innerhalb eines Jahres allein in dem Frauenhaus in Pristina etwa 120-140 Frauen, Mädchen und Kinder, die von häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen und bedroht sind, untergebracht.

Die Finanzierung der Frauenhäuser ist problematisch. Das zuständige Ministerium für Arbeit und Soziales beteiligt sich allenfalls mit 50 Prozent der notwendigen Finanzmittel. Der Rest muss mit Spenden finanziert werden. Durch die mangelhafte Unterstützung des zuständigen Ministeriums kommt es vor, dass die Angestellten - gerade zu Beginn eines Jahres - bis zu drei Monate ohne Bezahlung arbeiten müssen.

Dabei leisten diese Häuser einen umfassenden und wichtigen Beitrag, um die Opfer von Gewalt wieder ins Leben zu integrieren. Neben der sicheren Unterbringung und Betreuung erfolgt hier bei Bedarf auch die Versorgung mit Kleidung, psychosoziale Beratungen, Gesundheitsdienstleistungen oder Rechtschutzberatungen.

Abhängigkeit von der Familie reduzieren

Die Frauenrechtsaktivistin Erza Kurti sieht in den Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten von Frauen ein weiteres dringendes Handlungsfeld zur Verbesserung ihrer Situation. Die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen mit guten Jobs reduziert die Abhängigkeit vom Familienverbund. In diesem Zusammenhang steht auch ihre Forderung nach Bereitstellung von permanentem und kostenlosen Wohnraum für Opfer von Gewalt.

Kosovo das jüngste Land Europas hat erst seit zwei Jahren den Opferschutz in die eigene Gesetzgebung integriert. Gesetze zu formulieren ist ein vergleichsweise schnelles und einfaches Unterfangen - Verhalten zu ändern, Bewusstsein zu schaffen jedoch ein langwieriger Prozess, der die volle Unterstützung der Behörden braucht. Hunderte Jahre gelebtes Patriarchat steckt immer noch tief in den Köpfen der männlichen Bevölkerung des Kosovo.

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