Korruption, Skandale und ein Todesfall: Moldaus Sowjet-Hotel
4. Dezember 2025
Hammerschläge hallen in den frühen Abendstunden durch die Straßen Chisinaus, unterbrochen vom zischenden Geräusch eines Schweißgeräts. Das gleißend weiße Licht der Schweißflamme wirft flackernde Schatten. Die Männer, die in der Abenddämmerung hämmern, flexen und schweißen, sind im Namen der Stadtbehörde hier, sie bauen einen Zaun rund um das ehemalige National-Hotel im Zentrum der Hauptstadt der Republik Moldau.
Anfang November ist in dem Gebäude ein 13-jähriges Mädchen in den Tod gestürzt. Es ist ein trauriger Tiefpunkt in der langen Geschichte des Verfalls des Gebäudes.
Das National-Hotel war ab den 1970er Jahren das Vorzeige-Hotel der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Hier begegneten sich ausländische Touristen und die Elite der Sowjetunion. Doch in den vergangenen Jahren lockte das baufällige Gebäude nur noch Obdachlose und Teenager auf der Suche nach einem Abenteuer an.
Offiziell ist der Zugang verboten, Schilder auf Russisch und Rumänisch warnen vor dem Betreten der Ruine, Fenster und Türen in Richtung Straße sind verrammelt. Doch das hat in der Vergangenheit kaum jemanden abgehalten. In Zukunft sollen Überwachungskameras und der neue Zaun verhindern, dass Menschen in das Gebäude eindringen.
Der Tod des Mädchens hat eine Debatte neu entflammt, die schon seit Jahren vor sich hinköchelt. Was soll mit dem alten National-Hotel passieren? Was so banal klingt, kratzt an den großen Fragen: Wer hat wirklich die Macht im Land? Wohin will sich Moldau entwickeln? Und wie umgehen mit der Sowjetvergangenheit - abreißen oder bewahren? Es geht um Korruption, Verantwortung und viel Geld.
Symbol der Korruption
2006 wurde das National-Hotel privatisiert. Statt es an einen renommierten Bieter zu verkaufen, ging das Gebäude damals an eine erst im selben Jahr gegründete Firma mit äußerst geringem Stammkapital. Vertraglich wurde festgeschrieben, dass das Unternehmen in den nächsten Jahren 33 Millionen Dollar (etwa 28 Millionen Euro) in das Gebäude investiert - passiert ist: nichts.
Immer wieder wechselte das Gebäude seitdem den Besitzer, wanderte durch die Hände verschiedener Geschäftsleute, ein illustres Who-is-who moldauischer Politiker, Oligarchen und verurteilter Betrüger. In diesen Jahren verfällt das berühmte Hotel im Herzen Chisinaus. Einst eines der Wahrzeichen der Stadt, ist es heute beinahe eine Ruine, ein Betonskelett, die Fenster eingeschlagen, alles an Wert geklaut.
Kritiker werfen den Besitzern vor, das historische Gebäude absichtlich verfallen zu lassen, um eine Abrissgenehmigung zu bekommen. Die Lage mitten im Zentrum ist begehrt, durch einen Neubau mit Bürogebäuden oder Luxuswohnungen könnte man viel Geld verdienen. 2021 wird die Abrissgenehmigung auf einmal erteilt.
Der stellvertretende Bürgermeister Victor Chironda kritisiert die Abrisspläne öffentlich und macht auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam. Kurz darauf wird er entlassen. Der Abrissplan löst einen öffentlichen Aufschrei in Chisinau aus, Bürger starten eine Petition, schreiben offene Briefe.
Unter dem öffentlichen Druck hebt das Rathaus die Abrissgenehmigung wieder auf. Spätestens jetzt ist das Gebäude für viele Moldauer zum Symbol der Korruption im Land geworden.
Ikone der Sowjetmoderne
Auch Olga Cobuscean ist damals von den Abrissplänen entsetzt. "Das hätte bedeutet, einen wichtigen Zeitzeugen einfach verschwinden zu lassen. Ich habe die Entwürfe für den Ersatzneubau gesehen und dachte: Das ist auf jeden Fall nicht die Lösung."
Cobuscean ist Architektin, sie arbeitet an der Universität Hannover in der Abteilung für städtebauliches Entwerfen. Sie ist in Moldau geboren und aufgewachsen, kennt das frühere National-Hotel aus ihrer Kindheit. Schon damals stand es leer und Jugendliche schlichen sich hinein, um den Blick vom Dach auf die Stadt zu genießen, erzählt Cobuscean: "Ein Gefühl der Freiheit."
Die 28-Jährige spricht mit viel Leidenschaft über das Gebäude, beschreibt es als "Ikone" der Sowjetmoderne. "Es ist eines der schönsten und prägnantesten Beispiele. Im Vergleich zu anderen Gebäuden aus der Zeit ist es sehr filigran und fein."
Für Cobuscean ist das ehemalige National-Hotel mehr als nur ein Gebäude. An ihm zeige sich die Suche des jungen Landes nach seiner Identität. "Die Frage nach Moldaus Identität ist sehr schwierig, weil das Land immer wieder unter verschiedenen Herrschaften war: dem Osmanischen Reich, Rumänien, der Sowjetunion. Das sind sehr unterschiedliche Kulturen und Einflüsse. Dadurch hatte Moldau nie so richtig die Chance, eine eigene Tradition oder Geschichte zu entwickeln."
Das National-Hotel zeige den inneren Konflikt des Landes. "Einerseits gibt es diese Machtkämpfe um den Besitz, von oben herab. Andererseits gibt es immer wieder Menschen, die zusammen versuchen, diesen Ort für die Gemeinschaft schön zu machen."
Tradition - aber modern interpretiert
In ihrer Masterarbeit an der ETH Zürich setzte sich Cobuscean intensiv mit dem ehemaligen National-Hotel auseinander und entwarf eine Idee, wie das Gebäude aussehen könnte. Nach sechs Jahren Architekturstudium in Deutschland und der Schweiz wollte Cobuscean eine engere Bindung mit ihrem Heimatland aufbauen. "Ich wollte mein Wissen vor Ort anwenden und auf eine gewisse Art wieder nach Hause bringen."
Das Gebiet um das National-Hotel herum ist bereits stark nachverdichtet, ein weiteres Wohnhaus würde ihrer Meinung nach keinen Sinn machen. Was die Stadt tatsächlich brauche: Platz. Die ersten drei Etagen sollten deshalb vollständig entkernt werden. Davor Brunnen, Gemeinschaftsgärten, Pergolas mit Weinreben. "Dinge, die für Moldau traditionell sind - aber modern interpretiert", sagt Cobuscean.
Die Architektin will das Gebäude neu gestalten, das Historische erhalten, dabei aber nicht in der Vergangenheit stecken bleiben. Es soll ein Zentrum zum Wissensaustausch werden, Workshops und Events sollen hier stattfinden. In den oberen Etagen könnte wieder ein Hotel Platz finden, Restaurants, Büros oder Co-Working-Plätze. Das ist Cobusceans Mittelweg zwischen zwei Fronten, die verhärtet scheinen.
Auf der einen Seite sind da diejenigen, die das Gebäude hässlich finden und abreißen wollen. Für sie ist es ein Teil der Sowjet-Vergangenheit, die es zu überwinden gilt. Auf der anderen Seite stehen die, die es renovieren und wieder so aufbauen wollen, wie es einst war.
Zerrissen zwischen Russland und Europa
Die Frage um die Zukunft des ehemaligen National-Hotels zeigt die Zerrissenheit der Moldauer Bevölkerung. Das merke man bei jeder Wahl, sagt Cobuscean. Immer ginge es um die Frage: Wird Moldau jetzt pro-russisch oder pro-europäisch?
"Es gibt zwar eine Mehrheit, aber keine Einigkeit. Wir entscheiden uns für das eine oder für das andere und die anderen müssen dann damit leben." Das dürfe mit dem National-Hotel nicht geschehen: "Dieser Ort könnte ein experimentelles, visionäres Beispiel sein, wie man mit der Architektur dieser Zeit umgehen kann."
In der Schweiz ist Olga Cobusceans Entwurf inzwischen preisgekrönt. Nun kämpft sie dafür, auch in Moldau ein breiteres Publikum zu erreichen. Seit einem Jahr engagiert sie sich in der Nichtregierungsorganisation Save Chisinau. Der Verein versucht, das Leben in der Hauptstadt zu verbessern und die Stadt mehr nach den Bedürfnissen seiner Bewohner zu gestalten.
Nachdem die Debatte um das National-Hotel in den vergangenen Wochen hochgekocht ist, hat Cobuscean ihre Entwürfe an verschiedene Moldauer Institutionen geschickt. "Das große Dilemma ist, dass niemand für das Gebäude Verantwortung übernehmen möchte."
Das könnte sich bald ändern: Da der aktuelle Besitzer wegen verschiedener Anklagen vor Gericht steht, ist das Gebäude derzeit beschlagnahmt. Was mit dem ehemaligen Hotel passiert, bleibt bis zum Ende des Prozesses unklar - aber bei einer Verurteilung könnte es in den Staatsbesitz übergehen. Vielleicht endet dann die Geschichte des Verfalls des Gebäudes und es beginnt tatsächlich ein neues Kapitel.