Kongo: Virtueller Gipfel gegen reale Probleme | Afrika | DW | 07.10.2020
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Afrika

Kongo: Virtueller Gipfel gegen reale Probleme

Die Staatschefs des Kongo und seiner Nachbarländer haben sich heute zu einer Videokonferenz getroffen. Vor allem die Sicherheitslage stand im Mittelpunkt. Viele Bewohner im krisengeschüttelten Ostkongo sind skeptisch.

Videokonferenz Félix Tshisekedi Paul Kagame Yoweri Museven

Kongos Präsident Félix Tshisekedi bei der Videokonferenz

Wenn Kongos Präsident Félix Tshisekedi sich auf den Weg in den umkämpften Osten seines Landes macht - mehr als 2000 Kilometer von der Hauptstadt Kinshasa entfernt - bleibt der Spott nicht aus. Der kam diesmal etwa von Fred Bauma, einem Aktivisten aus der Zivilgesellschaft. "Kurz gesagt, der Präsident kommt nach Goma, um einen Aufruf per Video zu verbreiten?", fragte er ironisch auf Twitter.

Hintergrund des Tweets: Ein mehrfach verschobenes Treffen Tshisekedis mit den Staatschefs der Nachbarländer Uganda, Ruanda und Angola. Es fand am Mittwoch (07.10.) anders als ursprünglich vorgesehen per Videokonferenz statt. Der offizielle Grund: Sicherheitsbedenken der Teilnehmer und die latente Gefahr durch das Coronavirus.

Nur ein "Fantasiespiel"?

Zu besprechen hatten die Staatschefs einigies: Es ging um das wirtschaftliche Zusammenwachsen der Region, um den Umgang mit der Pandemie - und nicht zuletzt um die Kämpfe in Kongos Ostprovinzen und die regelmäßigen Massaker an der Zivilbevölkerung in der Region Beni im Nordkivu.

"Wir sind Fantasiespiele gewöhnt und all diese Verhandlungen, die nichts bringen. Wir fordern, dass 'vor dem Gipfel' nicht gleich 'nach dem Gipfel' sein wird", sagte Vascos Saasita, Einwohner von Goma, schon vor Beginn des Treffens der DW. Am Montag, als sich der Präsident von Tausenden Anhängern bejubeln ließ, töteten Angreifer elf Menschen im Dorf Mamove, rund 40 Kilometer außerhalb von Beni.

Paul Kagame, Ruandas Präsident, bei der Videokonferen

Wegen der Corona-Pandemie waren die Staatschefs nur virtuell dabei

Die Identität der Täter war zunächst unklar, die Rede war aber von Milizen der ADF - also von jenen Rebellen, die einst aus Uganda in den Kongo kamen, und denen die kongolesische Armee - gemeinsam mit der UN-Friedensmission MONUSCO - seit 2013 den Kampf angesagt hat. Doch auch nach Beginn der jüngsten Militäroffensive im Oktober 2019 verzeichnete der Bezirk Beni laut lokalen Schätzungen fast 1000 Tote.

Umso dringender forderten die Menschen in der Region, Tshisekedi solle sich auch auf den Weg nach Beni und in die angrenzenden Gebiete der Provinz Ituri machen. "Wir hoffen, dass es eine Lösung gibt und dass die Beschwerden der Bevölkerung erhört werden", sagte Philemon Kitenge in Beni. "Er ist der oberste Befehlshaber, und er hat das letzte Wort: Er kann den Soldaten sagen: Macht euch auf den Weg und kämpft gegen den Feind, gegen die ADF und die verschiedenen bewaffneten Gruppen."

Angespannte Beziehungen zu den Nachbarstaaten

Doch die Gespräche mit Vertretern der Zivilgesellschaft führte Tshisekedi am Dienstag aus sichererer Entfernung in Goma. Unterdessen flammten in Mugunga, einem Außenbezirk der Stadt, neue Proteste auf - nachdem eine Frau ermordet und eine weitere verschleppt wurde, ist die Bevölkerung in Aufruhr. Die Appelle des Bürgermeisters dazu: Man solle "niemand töten oder entführen, solange der Präsident in der Stadt ist".

Am Nachmittag endete der Gipfel mit einer knappen gemeinsamen Erklärung. Darin bekräftigten die vier Staatschefs einmal mehr ihre Absicht, gemeinsam gegen die "negativen Kräfte und die bewaffneten Gruppen" in der Region vorzugehen. Man werde alles dafür tun, die "vorhandenen Mechanismen" zu stärken, um deren Finanzierung zu stoppen und den illegalen Handel lahmzulegen. Ob darauf Taten folgen, bleibt abzuwarten.

Soldaten der kongolesischen Armee

Kongos Armee kämpft schon seit Jahren gegen die ADF-Miliz

Die Beziehungen zwischen den Nachbarstaaten sind angespannt wie eh und je. Burundi hatte sich zuvor aus der Runde abgemeldet und forderte, zunächst bilaterale Gespräche mit Kongo zu führen. Das sei symptomatisch für die schwache Machtbasis des Präsidenten, sagte Gesine Ames vom Ökumenischen Netz Zentralafrika der DW: "Tshisekedi ist ein Präsident ohne ausreichende Macht. Er besitzt keinen ausreichenden Einfluss auf die Schlüsselinstitutionen im Land - das Parlament, das Militär und die Justiz. Um von dieser Schwäche abzulenken, sucht er vermehrt Allianzen, vor allem in den Nachbarstaaten des Kongo." Doch gerade diese politische Schwäche führe dazu, dass die bewaffneten Konflikte neu aufflammten.

So bleibt Tshisekedi, der 2019 als Hoffnungsträger im Präsidenten-Amt gestartet war, in seinem zweiten Regierungsjahr vor allem eines: Die Rückbesinnung auf andere Länder außerhalb der Region. Dort immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer: Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Kelly Craft, nannte die friedliche Konfliktlösung im Kongo eine "Priorität" und kündigte an, die UN bei der besseren Ausstattung der MONUSCO weiter zu unterstützen. Und Mike Hammer, US-Botschafter im Kongo? Der schaffte es Anfang der Woche sogar bis nach Beni, um den Menschen dort seine Unterstützung zuzusichern.

Mitarbeit: John Kanyunyu

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