Kommentar: Zu Hause ist es am schönsten | Kommentare | DW | 07.06.2020
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Tourismus

Kommentar: Zu Hause ist es am schönsten

Da Tourismus Spaß gemacht und sich zu einem großen Geschäft entwickelt hat, glaubten wir, dass seine Vorteile die Probleme überwiegen. Aber die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass wir irrten, meint Kevin Cote.

Ausschnitt aus einem Filmplakat zum 'Zauberer von Oz von 1939

Ausschnitt aus einem Filmplakat zum 'Zauberer von Oz" von 1939

Jetzt, da sich die Welt langsam wieder für Reisende öffnet, lohnt es sich daran zu erinnern, dass wir eine in der Menschheitsgeschichte beispiellose Periode hinter uns lassen: Noch nie zuvor war es so vielen Menschen verboten, so viele Orte zu besuchen - und das alles gleichzeitig.

7,86 Billionen Euro hat die Reise- und Tourismusindustrie im vergangenen Jahr weltweit umgesetzt, 330 Millionen Arbeitsplätze hängen von ihr ab. Und 1,4 Milliarden Menschen sind im vergangenen Jahr international gereist. Sie, wir alle müssen uns jetzt die Frage stellen: Werden die Dinge jemals zur Normalität zurückkehren? Und wie wird diese "neue Normalität" aussehen?

Seit langem unter Beschuss

Die Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen sagt inzwischen, dass die Zahl der internationalen Reisen in diesem Jahr um bis zu 80 Prozent sinken könnte. Damit stellt sich im Gegenzug die große Frage, ob es vielleicht doch nicht so schlimm ist, wenn täglich etwa drei Millionen Menschen weniger um die Welt reisen. Könnte das nicht sogar eine gute Sache sein?

Deutsche Welle Kevin Cote Portrait (DW/R. Oberhammer)

Kevin Cote ist DW-Wirtschaftsredakteur

Die Tourismusindustrie steht seit langem wegen ihrer enorm negativen Auswirkungen auf die Umwelt unter Beschuss. Außerdem für die Art und Weise, wie sie Kultur zur Ware macht und die Einheimischen von den Orten vertreibt, an denen sie seit Generationen gelebt haben, und die Seelen derer raubt, die bleiben.

Dann kam COVID-19. Und plötzlich stellt sich heraus, dass der Tourismus doch nicht nur gut fürs Geschäft ist. Denn chinesische Touristen, in deren Heimat der Ausbruch nach Expertenmeinung seinen Ursprung hat, sorgten dafür, dass das Virus innerhalb weniger Wochen eine Pandemie auslöste.

Der größte Bock in der Geschichte der Globalisierung

So betrachtet erweisen sich Reisen und Tourismus als der größte Bock in der Geschichte der Globalisierung. Dennoch werden die meisten von uns weiterhin daran glauben, dass Tourismus eine gute Sache ist - trotz der überwältigenden Beweise, die dagegen sprechen.

Wie Dorothy am Anfang des Films 'Der Zauberer von Oz' aus dem Jahr 1939 glauben wir weiterhin, dass Glück bedeutet, an weit entfernte exotische Orte zu reisen, wo der Himmel blau ist und Träume wahr werden. Wir glauben das, obwohl es in den seltensten Fällen das ist, was wir auf Reisen erleben.

Tödliche Dynamik

Wir reisen also an immer neue Orte - auf der Suche nach mehr Glück und noch größerer Erfüllung. Das ist die tödliche Dynamik, die den Tourismus weltweit vorantreibt. Wenn wir daraus nicht ausbrechen, kann der Tourismus niemals nachhaltig, sicher oder wirtschaftlich werden.

Wenn Europa in diesem Sommer seine Tourismusindustrie wiederbelebt, werden viele von uns mit längeren Wartezeiten auf Flughäfen, höheren Preisen für Transport und Unterkünfte, reduzierten Dienstleistungen und eingeschränktem Zugang zu Stränden und kulturellen Attraktionen konfrontiert sein.

Mehr Genuss mit weniger Touristen

Viele andere werden angesichts dieser Aussichten ihre Urlaubspläne einschränken. Das bedeutet, dass wir mehr Zeit zu Hause und in unseren Heimatorten verbringen werden. Und für diejenigen von uns, die wie ich in Großstädten leben, werden mit weniger Touristen weitaus mehr von unseren Städten genießen können.

Als Dorothy im 'Zauberer von Oz' schließlich in Kansas aus ihrem Traum erwacht, ist sie im Besitz einer Weisheit, die uns auch helfen könnte, realistischere Erwartungen an den Tourismus zu formulieren - auch wenn wir weiterhin auf Reisen gehen wollen: "Es ist nirgendwo so schön wie zu Hause."

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