Kommentar: Worüber Merkel in Harvard nicht gesprochen hat | Kommentare | DW | 31.05.2019
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Merkels Abgrenzung

Kommentar: Worüber Merkel in Harvard nicht gesprochen hat

Die Ansprache von Bundeskanzlerin Merkel an der Harvard University war ein klarer Appell, den Trumpismus abzulehnen. Am interessantesten war jedoch, was sie alles nicht gesagt hat, meint Michael Knigge.

Die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel (Artikelbild) vor Absolventen der Harvard University kam zu einem günstigen Zeitpunkt: Sie erlaubte ihr, zumindest für einige Stunden dem politischen Chaos in Deutschland nach dem schwachen Abschneiden der Parteien der von ihr geführten Regierungskoalition bei der Europawahl zu entkommen.

Vor allem gab die Rede Merkel aber die Möglichkeit, zu einem kritischen Zeitpunkt in den transatlantischen Beziehungen in den USA zu sprechen - Beziehungen, die seit dem Beginn der Präsidentschaft Donald Trumps schwer belastet sind. In Boston, an der führenden Universität der Vereinigten Staaten, deren enge Verbindungen zu Deutschland weit zurückreichen, konnte Merkel in ihrer Ansprache zudem persönlicher werden, als sie es in der Hauptstadt Washington gekonnt hätte.

Kein Treffen mit Trump - und doch ist er präsent

Dass Merkels Boston-Aufenthalt nicht mit einem Treffen mit dem US-Präsidenten verbunden war, war ebenfalls vorteilhaft. Mit einem solchen Termin hätte die Reise unter gänzlich anderen Vorzeichen gestanden, wäre ihre Rede in Harvard in den Schatten gestellt worden. Aus den beiden jüngsten Besuchen im Weißen Haus sind zudem nur wenige greifbare politische Ergebnisse hervorgegangen, die Atmosphäre zwischen den beiden Spitzenpolitikern hat sich nicht verändert.

Michael Knigge Kommentarbild App

Michael Knigge ist US-Korrespondent der DW

Aber auch ohne ein bilaterales Treffen und ohne eine Erwähnung Trumps war dieser während Merkels Rede präsent.

"Verschleiern Sie Lügen nicht als Wahrheit und Wahrheit nicht als Lügen."

"Reißen Sie Mauern der Unwissenheit und Engstirnigkeit nieder."

Diese deutlichen Zurückweisungen des Trumpismus gehörten, gemeinsam mit den Einblicken in ihr persönliches Leben, zu den stärksten Passagen ihrer Ansprache. "Ich musste mich jeden Tag in letzter Minute von der Freiheit abwenden", beschrieb die Kanzlerin etwa, wie sie als junge Frau in Ostberlin an Berliner Mauer entlangzulaufen pflegte, aber nie auf die andere Seite gelangen konnte.

Interessanter war allerdings, was Merkel nicht sagte.

"Nichts bleibt so, wie es ist."

Während sie die wertebasierte transatlantische Partnerschaft lobte, von der sowohl Deutschland als auch die USA mehr als 70 Jahre lang profitiert hätten, gab sie weder ein Gelübde noch eine Prognose ab, dass diese noch weitere sieben Jahrzehnte Bestand haben werde. Die von Trump regelmäßig angegriffene transatlantische Verteidigungsallianz NATO beispielsweise würdigte sie in ihren Ausführungen keines Wortes.

Dass Merkel an einem Ort wie Harvard nicht ausdrücklich versprochen hat, für die transatlantische Partnerschaft zu kämpfen, ist bezeichnend. "Nichts bleibt für immer gleich" - das Schlüsselthema ihrer Rede - kann demnach aus Sicht Merkels wohl auch für die transatlantische Partnerschaft gelten.

Ähnlich vielsagend war ihre von Herzen kommende Botschaft, die Lösung der großen globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Beseitigung des Hungers und Beseitigung von Krankheiten sei möglich. Da war es wieder, das Merkel'sche "Wir schaffen das". Einen konkreten Fahrplan dafür legte die Kanzlerin indes nicht dar. Von einer Rede vor Universitätsabsolventen kann man das wohl aber auch nicht erwarten.

Bemerkenswert aber ist: Trotz der globalen Themen ihrer Ansprache war das einzige konkrete politische Versprechen, das Merkel abgab, ein nationales: Deutschland werde alles menschlich Mögliche tun, um bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen.

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