Kommentar: Von der Hysterie zur Normalität | Sport | DW | 08.01.2014
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Sport

Kommentar: Von der Hysterie zur Normalität

Nach seinem Coming-out erhält Thomas Hitzlsperger viele Sympathiebekundungen. Zu recht, sein Schritt war mutig. Jetzt ist die Fußball-Welt in der Pflicht, meint DW-Sportredakteur Joscha Weber.

DW-Sportredakteur Joscha Weber

DW-Sportredakteur Joscha Weber

Die richtige Reaktion wäre wohl ein Achselzucken. Ein Fußballer sagt, dass er Männer liebt. Ja und? Das ist sein gutes Recht und etwas ganz Normales heutzutage. Politiker, Künstler, Modeschöpfer, Schauspieler, Sänger und ja, auch Sportler leben öffentlich sichtbar als Homosexuelle. Der Anteil der Schwulen und Lesben an der Gesamtbevölkerung in Deutschland soll je nach Studie zwischen vier und 17 Prozent liegen. Warum ist das Coming-out von Thomas Hitzlsperger also eine so spektakuläre Nachricht in Deutschland? Weil zumindest im Fußball die Öffentlichkeit immer noch ziemlich verkrampft mit dem Thema Homosexualität umgeht.

Von einem "Tabubruch" ist überall die Rede, ein bekennender Schwuler in der letzten Bastion der Männlichkeit, im Fußball - eigentlich undenkbar. Zum Tabubruch gehört ganz offensichtlich die Tatsache, dass vorher etwas tabuisiert worden ist. Öffentlich Schwulsein und erfolgreich Fußball spielen galt vielen als unvereinbar. Jetzt ist es an der Zeit, das Gegenteil zu beweisen.

Ein Schritt mit Vorbildcharakter?

Hitzlspergers Entschluss, nun an die Öffentlichkeit zu gehen, ist vor diesem Hintergrund mutig, ein Meilenstein im tendenziell homophoben Fußball. Hitzlsperger ist ein reflektierter, intelligenter Mensch, der sich gegen Ausgrenzung, Antisemitismus und Rassismus einsetzt, kein gewöhnlicher Fußballer. Der Schritt zum Coming-out fiel ihm nicht leicht, sechs Jahre lang hat er mit sich gerungen, ob er der Welt erzählen will und kann, dass er homosexuell ist.

Thomas Hitzlsperger als Spieler des VfB Stuttgart beim Schuss (Foto: Getty)

Satter Schuss und im Zweikampf kompromisslos: Hitzlsperger widerlegt viele Vorurteile

Seine Vorsicht kam nicht von ungefähr. Schließlich witzelten seine Mannschaftskameraden abfällig über Schwule, und prominente Verantwortliche des Fußballs wie Ligapräsident Reinhard Rauball warnten die Profis eindringlich vor den Folgen eines Coming-outs. Es ist wohl kein Zufall, dass Thomas Hitzlsperger erst kurz nach seiner aktiven Karriere den Schritt an die Öffentlichkeit wagt. Er muss Anfeindungen aus den Fankurven, aus deren Anonymität seit Jahrzehnten gegen Schwule gebrüllt wird, nicht fürchten, braucht sich keine Gedanken mehr um unreife Kommentare von Teamkollegen zu machen, muss nicht um seine Sponsoren bangen. Der erste aktive Profifußballer, der sich outet, wird dies leider müssen - und sollte dennoch jetzt den Schritt gehen.

Eine gesellschaftliche Aufgabe

Im gewaltigen medialen Nachhall des Hitzlsperger-Coming-outs bietet sich die Chance, die Dinge zu verändern. Jetzt und nachhaltig. Der Zuspruch für Thomas Hitzlsperger in den sozialen Netzwerken ist überwältigend, viele Fans scheinen darauf gewartet zu haben, dass ein mutiger Profi endlich den Schritt nach vorne wagt. Es gilt, all jene Horror-Szenarien zu widerlegen, dass ein bekennender schwuler Bundesligaspieler innerhalb kürzester Zeit seinen Job verliere.

Dies ist aber nicht die Aufgabe eines einzelnen aktiven Profikickers. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe der Fußballwelt und der Medien. Das Umfeld muss nun ebenso Farbe bekennen, wie es Thomas Hitzlsperger getan hat. Die Fans auf den Stehplatztribünen sollten das Mitsingen stupider homophober Gesänge verweigern, stattdessen Zeichen setzen mit ermunternden Plakaten und Choreografien. Die Verantwortlichen sollten ermutigen statt zu warnen. Und die Journalisten sollten hysterische Reflexe vermeiden, nun wild über kommende Coming-outs zu spekulieren. Hitzlsperger hat es gewagt, über seinen Schatten zu springen. Die Fußball-Welt sollte dies auch tun.

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