Kommentar: Tiefe Sehnsucht nach Eindeutigkeit | Kommentare | DW | 08.07.2018
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Gesellschaft

Kommentar: Tiefe Sehnsucht nach Eindeutigkeit

Die ganze Welt scheint die Rettung der thailändischen Jungs aus der Höhle zu verfolgen. Dieser Fokus sagt viel über den Zustand einer Zeit, die im Zynismus zu versinken droht, schreibt DW-Chefredakteurin Ines Pohl.

Was macht diese zwölf Jungs und ihren Trainer so besonders, dass Millionen von Menschen an ihren Smartphones und vor ihren Fernsehapparaten die Rettung verfolgen? Sich mit Eltern und Rettungskräften solidarisieren im Kampf gegen die Zeit und weitere Regenfälle? Ist es besser, das Risiko einer Rettung einzugehen oder die Trockenzeit abzuwarten? Aber kann man so lange in einer Höhle überleben? Selbst wenn es Versorgung von außen gibt?

Ines Pohl Kommentarbild App (DW/P. Böll)

DW-Chefredakteurin Ines Pohl

Ganz nah dabei

Natürlich sind es die Bilder, die uns anrühren. Die Fotos und Filmclips von den Rettungskräften der Außenwelt überliefert, die uns das Gefühl geben, ganz nah dabei zu sein. Welches Herz lässt sich nicht berühren von den Briefen, die die Jungs für ihre Eltern schreiben, in denen sie ihre Liebe bekunden, aber auch den ersten Wunsch in der Freiheit. Ein ordentliches Barbecue wünscht sich einer der jungen Fußballspieler, die mit ihrem Trainer seit fast zwei Wochen in der teilweise überfluteten Höhle feststecken. Und schreibt das auf einen Zettel.

Es ist die Unschuld, die anrührt. Aber es ist auch mehr.

Echtzeit-Katastrophenberichterstattung

Denn auch die Jungs und Mädchen, die sich in den Ruinen von zerbombten Häusern verstecken, sind unschuldig. Die syrischen Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind, weil ihre Eltern ein besseres Leben suchten, können auch nichts für ihr Schicksal. Genauso wenig wie die Kinder, die von mordenden Banden zu Soldaten ohne Gewissen gemacht werden.

Manche sagen, in dieser Mega-Aufmerksamkeit steckt eine gute Portion Voyeurismus, weil man dank der modernen Medien und der Reporterscharen aus der ganzen Welt ja fast live dabei sein kann in diesem Kampf ums Überleben. Die Echtzeit-Katastrophenberichterstattung bedient ganz bestimmt auch niedere Instinkte.

Aber das reicht nicht als Erklärung.

Es ist die schlichte Tatsache, dass es in diesem Kampf nur Gewinner geben kann. Diese Situation lässt keinen Platz für Zynismus. Es ist kein Raum für die Metaebene des "Wir können die aber doch nicht alle aufnehmen". Niemand behauptet, die Eltern seien doch in Wirklichkeit Wirtschaftsflüchtlinge und deshalb irgendwie selbst schuld an dem Unheil, das ihren Kindern auf einer solchen Flucht über das Mittelmeer widerfahren kann.

Hier, bei diesen zwölf Jungs, dieser eingeschlossenen Fußballmannschaft, gibt es nur einen Feind: das Wasser.

Es ist diese Eindeutigkeit, hinter der sich die ganze Welt versammeln kann. Diese Eindeutigkeit, die keinen Platz lässt für den Zynismus der Frage, wer am Ende mehr Recht hat auf ein gutes Leben.

Ich wünsche mir, dass diese bangen Stunden des Hoffens, der Sympathie, der Zugewandtheit etwas öffnen, das über das bloße mediale Ereignis hinausweist. Und dass nach einem hoffentlich guten Ende mehr bleibt als ein gutes Gefühl. Sondern die Erkenntnis, dass es am Ende immer um den einen einzelnen Menschen geht, der sich sein Schicksal nicht ausgesucht hat.

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