Kommentar: Olympia-Chef Bach, nicht von dieser Welt? | Kommentare | DW | 24.03.2020
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Nach Olympia-Verschiebung

Kommentar: Olympia-Chef Bach, nicht von dieser Welt?

IOC-Präsident Thomas Bach hat sich in der Coronakrise verhalten wie jemand, der nicht das Zeug hat, Verantwortung zu tragen. Nun sind die Spiele in Japan verschoben. Marko Langer kommentiert.

Dieses Thema ist groß. So groß, dass man mindestens einen Titan braucht, um es in den Griff zu bekommen. Nehmen wir also Oliver Kahn, der zwar nicht als Olympischer Athlet in die Sportgeschichte einging, seinen Sportfans neben vielen Torwart-Paraden auch diesen schönen Spruch schenkte: "Eier, wir brauchen Eier." Und Kahn fügte vor der TV-Kamera noch hinzu: "Sie wissen, was das heißt!"

Was das mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und seinem Präsidenten Thomas Bach zu tun hat? Nun, man könnte die Informations- und Entscheidungspolitik Bachs in den vergangenen Tagen, als es um die zwangsläufige Verschiebung des Olympischen Spiele in Tokio ging, recht platt als Rumgeeiere klassifizieren. Aber das ist nicht der Punkt. 

"With no balls" 

In der Serie "Game of thrones", die ja fast so groß ist wie unser Thema, also wie die Olympischen Spiele, gibt es ein schönes Zitat: "He’s the toughest man with no balls I’ve ever met!" A man without balls - muss man das übersetzen? Oli Kahn würde sagen: "Sie wissen, was das heißt!"

IOC-Präsident Bach hat sich am Tag, als die Entscheidung über die Verschiebung der Spiele fiel, zunächst nicht einmal blicken lassen. Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe musste ihm, nach offizieller Lesart, in einer Telefonkonferenz den Vorschlag machen, die Spiele zu verschieben. Bach sei zu "100 Prozent einverstanden gewesen", hieß es. Und in Tokio saß später der Chef des Organisationskomitees in einem fensterlosen Konferenzraum und erläuterte den Journalisten die Entscheidung. 

Gerade andere Sorgen

DW-Redakteur Marko Langer vermisst u.a. Präsenz von IOC-Präsident Thomas Bach

DW-Redakteur Marko Langer vermisst u.a. Präsenz von IOC-Präsident Thomas Bach

Eine Ausnahmesituation mit einer weltweiten Seuche ist die Zeit, in der sich "Leader" beweisen können. In der Menschen darauf bauen, dass zum Beispiel eine Bundeskanzlerin oder ein Staatspräsident kluge Entscheidungen treffen. In der Welt des Sports brauchte es aber erst eine Vielzahl von Athleten, die das IOC darauf aufmerksam machten, dass sie jetzt überhaupt nicht mehr trainieren können und gerade andere Sorgen haben. Es brauchte die Ankündigung Kanadas, dass man keinesfalls in diesem Jahr an den Spielen teilnehmen werde. Es brauchte den Hinweis der Leichtathleten um deren Präsidenten Sebastian Coe, dass sie bereit seien, den Termin im Sommer 2021 freizumachen. Da sollte eigentlich die WM der Leichtathleten stattfinden. 

Bedenkzeit? Schnell vorbei 

Und Bach? Der weltweit vernetzte, einflussreiche Strippenzieher. Dauerkarteninhaber von Ehrenlogen und Wandelhallen, in denen man auch Wladimir Putin und Kim Yong-Un trifft. Demokratie? Ach Gottchen. Die Welt der Ringe steht bei Demokraten gerade nicht besonders hoch im Kurs. Die Spiele in Japan, in einem Land mit einem demokratisch gewählten Parlament, wären daher wichtig gewesen. Nicht nur für die Japaner, die sich nach positiven Nachrichten sehnen. Sondern auch für das IOC.

Er werde den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Sachen Corona folgen, sagte Präsident Bach jüngst in der ARD. Sicher wusste er, dass sich die WHO wochenlang gewunden hatte, bevor sie von einer Pandemie sprach. Und nun, unmittelbar vor der japanischen Entscheidung, war von vier Wochen "Bedenkzeit" die Rede. Alles hinfällig. 

Olympische Spiele - das ist nicht nur ein sportliches Großereignis. Olympische Spiele sind, von den vielfach beschriebenen wirtschaftlichen Implikationen abgesehen, vielleicht das symbolträchtigste Ereignis auf Erden. Und sicher wäre es schön, wenn wir alle irgendwann in einigen Monaten aufatmen könnten, weil die Welt die Pandemie überstanden hat.  

Menschen auf Krankenhausfluren

Doch wenn ein IOC-Präsident allen Ernstes in Zeiten, in denen nahezu auf der ganzen Welt  lebensbedrohlich kranke Menschen teilweise auf Krankenhausfluren liegen, an der Symbolik seiner Show festhalten wollte, muss man urteilen: Dieser IOC-Präsident Thomas Bach ist ein Mann nicht von dieser Welt. Gewiss, mit dem ist nicht zu spaßen, das weiß man nicht nur im gläsernen IOC-Palast am Genfersee in Lausanne. Und auch wenn ihm diese Zeilen hier herzlich egal sein dürften, möchte man ihm nach dieser von Tokio ausgehenden Entscheidung zurufen: "He’s the toughest man with no balls I’ve ever met!"

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