Kommentar: Mexiko, ein Land zum Verzweifeln | Kommentare | DW | 19.02.2019
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Kommentar: Mexiko, ein Land zum Verzweifeln

Für Journalisten ist Mexiko eines der gefährlichsten Länder der Welt. Sie brauchen internationale Aufmerksamkeit und Solidarität, meint Uta Thofern. Denn ihre Arbeit ist die Grundlage für ein besseres Mexiko.

Mexiko Journalist vor dem Haus erschossen (Getty Images/AFP/Y. Cortez)

Alle diese Journalisten wurden in Mexiko aufgrund ihres Berufs ermordet

Mexiko ist die größte spanischsprachige Demokratie der Welt, ein Land, das die Pressefreiheit in seiner Verfassung garantiert. Aber Mexiko ist eben auch das Land, in dem 2018 nach Afghanistan und Syrien die meisten Journalisten umgebracht wurden - je nach Lesart zwischen neun und zwölf. 

Das erste Opfer in diesem Jahr war Rafael Murúa, ein Radiojournalist aus dem nördlichen Bundesstaat Baja California Sur, ein Touristenparadies. Murúa berichtete über Kultur, aber auch über Menschenrechte und Umweltschutz. Am 20. Januar wurde er tot im Straßengraben aufgefunden. Ein 34 Jahre junger Mann, der sich beim Bürgerfunk engagierte und Direktor seiner Station war. Seine Berichterstattung gefiel nicht jedem, Murúa erhielt Drohungen und wurde deshalb in das staatliche Schutzprogramm für Journalisten und Menschenrechtsaktivisten aufgenommen. Wie so viele andere, die trotzdem starben.

Viele Gesetze, kaum Vertrauen

Murúas Schicksal bewies einmal mehr, dass in Mexiko Gesetze und Regelungen nichts wert sind. Nur allzu oft gilt das Recht des Stärkeren, und wer das ist, hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab. Je nachdem, welches Drogenkartell gerade die Oberhand hat und ob die örtlichen Funktionäre mit diesem oder einem anderen zusammenarbeiten, ist die Situation mehr oder weniger stabil. Wirklich sicher ist nur eines: Dass niemandem zu trauen ist, auch oder gerade den Sicherheitskräften nicht. Eine niederschmetternde Diagnose für ein demokratisches Land.

Thofern Uta Kommentarbild App

Uta Thofern leitet die Lateinamerika-Redaktionen

Journalisten sind in Mexiko so wenig sicher wie alle anderen Bürger auch. 2018 war das blutigste Jahr in der Geschichte des Landes mit mehr als 33.000 Morden, darunter mehr als 130 im Wahlkampf umgebrachten Politikern. Die tödliche Gewalt kann jeden treffen, nicht nur Reiche, Polit-Stars oder berühmte Investigativjournalisten. Im Gegenteil, gerade in ländlichen Gebieten ist die Gefahr am größten. Und dahinter steckt nicht die eine große Terrororganisation oder die eine zentrale Mafiatruppe, sondern es sind viele, die sich gegenseitig bekriegen.

Solidarität ist gefragt

Allzu viele Politiker, allzu viele Polizisten stellen sich lieber unter den Schutz beziehungsweise in den Dienst einer dieser Gruppen, anstatt sie zu bekämpfen. Die wuchernde Korruption ist eines von Mexikos größten Problemen, doch auch sie hat eine Ursache: die riesige soziale Ungleichheit. Armut, Angst und mangelnde Bildung nähren die Korruption, die wiederum zu Straflosigkeit und damit zu einem noch geringeren Vertrauen in die Institutionen des Staates führt.

Dieses Knäuel ist kaum zu durchschauen. Wer an einem der zahllosen miteinander verwirrten Fäden zieht, einen Handlungsstrang nacherzählt und Namen nennt, begibt sich in tödliche Gefahr. Die Wahrheit ist für die gesichtslosen Verbrecher das größte Risiko. Deshalb stehen Journalisten in der vordersten Ziellinie, deshalb ist ihre Aufgabe so wichtig, deshalb muss die Gewalt gegen sie besondere Aufmerksamkeit erfahren. Ihre Arbeit ist die Grundlage für ein besseres Mexiko. Alle, die sich täglich dieser lebensgefährlichen Aufgabe stellen, brauchen Solidarität: international, aber auch untereinander, um trotz des normalen Konkurrenzkampfes füreinander einstehen zu können.

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