Kommentar: Keine Frage der Kultur | Kommentare | DW | 25.11.2018
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Gewalt gegen Frauen

Kommentar: Keine Frage der Kultur

Der 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Viele Deutsche echauffieren sich da gerne über Unterdrückung in anderen Ländern. Wir sollten erst mal vor der eigenen Tür kehren, meint Beate Hinrichs.

Jens Spahn weiß es ganz genau: "Ehrenmord. Zwangsheirat." Das fällt dem Gesundheitsminister zum Thema Migration ein, jüngst beim Schaulaufen als Kandidat für den CDU-Parteivorsitz. Gewalt in der Partnerschaft, Männergewalt gegen Frauen - allein ein Migrantenproblem. Oder?

Spahn hätte seiner Kabinettskollegin Franziska Giffey zuhören sollen. Gerade hat die Familienministerin die Zahlen häuslicher Gewalt als "schockierend" bezeichnet: Fast 140.000 Opfer sind im vergangenen Jahr von der Polizei registriert geworden, 82 Prozent davon Frauen. 147 von ihnen haben nicht überlebt - im Schnitt alle zweieinhalb Tage stirbt eine Frau durch einen gewalttätigen Ehemann, Lebensgefährten oder Ex-Partner.

Die Dunkelziffer betroffener Frauen ist hoch: Jede vierte erlebt mindestens einmal im Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt durch den Partner - das hat eine Studie im Auftrag des Familienministeriums schon 2004 belegt. Ebenso wie die Tatsache, dass häusliche Gewalt in allen Schichten, Alters- und Bevölkerungsgruppen vorkommt. Ja, die jüngsten Zahlen sind schockierend - aber kein bisschen neu.

Patriarchale Gewalt gibt es überall

Die Frauenhäuser sind voll. Tausende Schutzsuchende müssen jedes Jahr abgewiesen werden - weil die Plätze nicht ausreichen, weil sie nicht barrierefrei sind, weil die Finanzierung nicht gesichert ist. Die Bundesrepublik verletzt permanent die Europarats-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, die sie selber ratifiziert hat.

Deutschland Beate Hinrichs (Ikhlas Abbis)

DW-Redakteurin Beate Hinrichs

Und, ja, in die Frauenhäuser flüchten überdurchschnittlich viele Betroffene mit Migrationshintergrund. Warum? Unter anderem, weil sie weniger Einkommen haben und weniger unterstützende Netzwerke.

Und, ja, Frauen mit Migrationshintergrund erleiden öfter Partnergewalt - statt jede vierte ist es rund jede dritte Frau. Auch das belegt die Studie des Familienministeriums. Liegt es an der ethnischen Herkunft, gar am Islam? Vergewaltigt ein Mann aus Aachen eine Frau, weil er ein Arschloch ist - ein Mann aus Aleppo aber, weil er Muslim ist? Nichts dergleichen.

Männer teilen Tritte, Schläge, Demütigungen eher aus, wenn sie arbeitslos sind, wenn das Geld vorne und hinten nicht reicht, wenn die Wohnung klein ist und die Zukunftsaussichten mäßig sind. Unter solchen Bedingungen leben Einwanderer öfter als die Durchschnittsbevölkerung. Das entschuldigt die Täter nicht - niemals! Aber es erklärt, dass die Gründe keine kulturellen sind. Fakt ist: Patriarchale Gewalt gibt es überall - und bei gleichen Lebensbedingungen kommt sie etwa gleich oft vor.

"Ehrenmord" gegen "Familiendrama"

Und die "Ehrenmorde"? Sind schwerwiegende Verbrechen. Aber extrem selten, wie eine Studie des Max-Planck-Instituts zeigt: Sie verzeichnet pro Jahr etwa zwölf solche Tötungen, die aus Gründen der "Ehre" oder schlicht aus Eifersucht oder Rache begangen werden - von insgesamt 700 Tötungsdelikten pro Jahr in Deutschland.

Fakten, die unsere Medien ignorieren: Denn wenn ein Türke in Deutschland seine Frau umbringt, heißt die fette Schlagzeile "Ehrenmord". Ist der Täter Deutscher, gibt es (wenn überhaupt) eine kleine Meldung unter der Überschrift "Familiendrama". Statt beides zu nennen, was es ist: häusliche Gewalt. Männergewalt gegen Frauen.

Aber es ist ja so viel bequemer, die Täter als "die anderen" zu definieren, die nicht "zu uns" gehören - statt uns einzugestehen, dass der Gewalttäter auch der nette deutsche Nachbar sein kann, "einer von uns". Und dass wir beim Gewaltschutz gewaltig hinterherhinken. Und den Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen noch lange brauchen werden.

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