Kommentar: Freundschaft auf Basis der Vergangenheit | Kommentare | DW | 27.03.2018
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Standpunkt

Kommentar: Freundschaft auf Basis der Vergangenheit

Bei seinem Antrittsbesuch in Israel blickte Außenminister Heiko Maas vor allem zurück und betonte die historische Verantwortung Deutschlands. Das war richtig, meint Rosalia Romaniec. Aber reicht das auch in Zukunft?

Israel Yad Vashem Besuch Heiko Maas (Getty Images/AFP/M. Kahana)

Heiko Maas im Museum der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem

"Sie haben unsere Herzen erreicht - willkommen, Freund!" - eine solche Begrüßung von Benjamin Netanjahu muss man sich als deutscher Politiker erst einmal verdienen. Heiko Maas hat es mit einem Satz geschafft: "Ich bin in die Politik wegen Auschwitz gekommen." Diese Worte, ausgesprochen von einem deutschen Außenminister 70 Jahre nach der Staatsgründung Israels, waren das richtungsweisende Signal und seine Visitenkarte für den Antrittsbesuch geworden.

Damit gelang es dem 51-jährigen SPD-Politiker unerwartet schnell, die angespannten deutsch-israelischen Beziehungen wieder auf die Ebene einer herzlichen Freundschaft zu heben. Das ist gut. Maas präsentierte sich nicht vorlaut und zeigte keine Ambitionen als möglicher Vermittler in den Konflikten der Region, sondern blieb eher demütig und hörte zu. Von seinem Standpunkt aus gesehen ist es nur folgerichtig, den Blick zunächst weniger nach vorne als vielmehr auf die schaurige Vergangenheit zu richten.

Die eigene Familiengeschichte als Motivation

Das verstand man nicht nur bei seinem Besuch in Yad Vashem, sondern auch im Ancha-Zentrum Jerusalem, wo Holocaust-Überlebende psychologisch betreut werden. Dort beeindruckte der sonst eher verschlossene Heiko Maas mit Offenheit über seine politische Motivation und die Rolle der eigenen Familiengeschichte dabei: "Ich habe darin nach Widerstandskämpfern gegen Hitler gesucht, aber nur Mitläufer gefunden", sagte er vor zwei Dutzend Menschen, deren Schicksale von der Shoa geprägt sind.

Romaniec Rosalia Kommentarbild App

Rosalia Romaniec leitet die Politik-Redaktion

Maas als Vertreter des Landes, das den Holocaust verantwortet, versicherte, dass diese Verantwortung niemals enden werde. Er weiß, dass man genau das in Israel immer wieder hören will. Deshalb war die Entscheidung, beim Antrittsbesuch vor allem die Opfer in den Blick zu nehmen, absolut richtig. Auch deswegen, weil die Sorge aufgrund des steigenden Antisemitismus in Europa gerade massiv wächst, ebenso wie wegen des Einzugs populistischer Parteien in die nationalen Parlamente - nicht zuletzt inzwischen ja auch in Deutschland.

Heiko Maas versprach wiederholt, sich weiter gegen Antisemitismus und Rassismus und für bessere deutsch-israelischen Beziehungen zu engagieren. Was jedoch offen blieb: Wie er dieses Versprechen konkret einlösen will. Wie will er den Spagat schaffen, an dem sein Vorgänger gescheitert ist? Wie will er als Freund Israels die unbequemen Themen ansprechen? Maas hat lediglich eingeräumt, dass beide Länder zwar "ähnliche Zielvorstellungen haben, aber unterschiedliche Wege dahin sehen". Aber für welche genauen Wege er sich einsetzen will, ließ er während der Reise im Unklaren. Zuweilen machte er den Eindruck, dass er selbst noch nach Antworten sucht.

Immer an der Seite Israels

Gegenüber Benjamin Netanjahu erklärte der neue Außenminister, dass "der Platz Deutschlands in all den schwierigen Fragen immer an der Seite Israels sein wird". Ein Versprechen, das Maas' diplomatischen Spielraum sehr schnell einengen und ihn in eine unkomfortable Lage bringen dürfte. Aber darüber scheint sich der neue Chefdiplomat noch keine Sorgen zu machen. Und auch den Fragen der Presse stellte Maas sich nur ungern.

Zu Recht hat er die herzliche Begrüßung in Israel genossen - ein Gefühl, das sich für ihn "wie ein unverdientes Geschenk" anfühlt. Dass der Antrittsbesuch des neuen Außenministers geglückt ist, steht außer Frage. Doch wie nachhaltig sein Erfolg in Israel sein wird, werden erst seine künftigen Reisen zeigen.

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