Kommentar: Eine Kunstscheune für Berlin | Kommentare | DW | 16.11.2019
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Museum der Moderne

Kommentar: Eine Kunstscheune für Berlin

Nun ist es amtlich: der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags hat die umstrittene Finanzierung des in Berlin geplanten Museums der Moderne bestätigt. Ist das eine gute Nachricht? Silke Bartlick bleibt skeptisch.

Ernüchternd, aber keine Überraschung: Am Donnerstag dieser Woche hat der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages grünes Licht für den Bau des umstrittenen Museums der Moderne im Zentrum des Berliner Kulturforums gegeben. Damit wurde ein kulturpolitischer Eklat vermieden. Aber die in den vergangenen Monaten immer lauter formulierten Einwände gegen das Großprojekt bleiben bestehen.

Viel gute Kunst

In der Sammlung der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin befinden sich rund 4000 Werke zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Darunter sind wertvolle eigene Bestände, aber auch die außergewöhnlichen Sammlungen Marx, Pietzsch und Marzona, unter anderem mit Schwerpunkten zum europäischen Surrealismus und dessen Weiterentwicklung in Amerika sowie mit beachtlichen Werkkomplexen von Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Robert Rauschenberg, Cy Twombly und Andy Warhol. Viel gute Kunst also, viel zu viel für die vorhandenen Ausstellungsflächen in Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie. Also begann man, über einen Erweiterungsbau nachzudenken. Ganz dezent auf einem Grundstück am Rande des sogenannten Kulturforums nahe des Potsdamer Platzes.

Berlin | Kulturforum | Potsdamer Straße | Tiergarten (picture-alliance/Bildagentur-online/Schoening)

Das Museum der Moderne soll auf der Freifläche in der Mitte des Kulturforums entstehen.

Im Jahr 2013 sollen die Staatlichen Museen noch mit so einem randständigen Ausstellungsbau für 130 Millionen Euro zufrieden gewesen sein. Doch da hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters längst Größeres vor: Ihr gelang ein beachtlicher Grundstückstausch, womit eine Brache mitten zwischen Hans Scharouns Staatsbibliothek, der Philharmonie, dem Kunstgewerbemuseum, der historischen St. Matthäus-Kirche und der Neuen Nationalgalerie als Baugrund zur Verfügung stand. Hier sollte etwas Außergewöhnliches entstehen, Geld schien keine Rolle zu spielen.

Bartlick-Braden Silke Kommentarbild App

DW-Kulturredakteurin Silke Bartlick

2014 war bereits von 200 Millionen Euro Baukosten die Rede. Auf einen von der Fachwelt empfohlenen städtebaulichen Wettbewerb für das gesamte Kulturforum (das von einer mehrspurigen Straße zerschnitten wird) wurde verzichtet. Dafür bekamen recht bald berühmte Baumeister den Zuschlag für das geplante Museum der Moderne: die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, die es mit der Hamburger Elbphilharmonie zu weltweitem Ruhm gebracht haben. Ihr erster Entwurf für Berlin fiel in der Öffentlichkeit indes krachend durch: Für die langgestreckte Halle, die alsbald als Kulturscheune verspottet wurde, konnte sich kaum jemand begeistern. Zumal offensichtlich war, dass der langgestreckte Bau Sichtachsen versperren und Gebäuden wie der Neuen Nationalgalerie bedrohlich nahe kommen würde.

Neu, größer, teurer

Aber die Kritik stieß weitestgehend auf taube Ohren. Statt das Projekt noch einmal in Frage zu stellen und über andere Bauplätze als den im Zentrum des Kulturforums nachzudenken, wurde Druck gemacht: es müsse schnell gehen, sonst drohe der Verlust der privaten Sammlungen. Also wurde nur eine Überarbeitung des Entwurfs beauftragt. Das Ergebnis ist äußerlich deutlich ansehnlicher und im Inneren großzügig und transparent. Die Sichtachsen versperrt der Bau allerdings immer noch. Und er kostet unverschämt viel Geld, pro Quadratmeter deutlich mehr als etwa die kürzlich fertig gestellten Museen in Mannheim oder Oslo. Die wurden freilich nicht in die Tiefe gebaut, was in Berlin aber aus Platzmangel unabdingbar und wegen des wasserreichen Untergrunds kostenintensiv ist.

Berlin | Museum der Moderne | Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum Entwürfe (Herzog & de Meuron/ Lawrence Weiner/VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

Museum der Moderne - Innenansicht.

Unverhältnismäßig sind die Baukosten, die mittlerweile mit 450 Millionen Euro veranschlagt werden, auch angesichts der Tatsache, dass nach einem kürzlich veröffentlichten Bericht des Bundesrechnungshofs die bereits vorhandenen Kulturbauten in Berlin erhebliche Schäden aufweisen. Die Rede ist von einem aufgelaufenen Unterhaltsstau von mehr als 50 Millionen Euro. Hinzu kommt eine fragile Personalsituation in den Berliner Museen - zu viel Arbeit für zu wenige hochqualifizierte Mitarbeitende. Hier also der Mangel, dort der pure Überfluss! Denn das Museum der Moderne soll kommen, allen Einwänden zum Trotz. 364,2 Millionen Euro sind nach dem aktuellen Beschluss des Haushaltsausschusses bereits jetzt garantiert, über weitere 80 Millionen Euro für Risikokosten und mögliche Steigerungen der Baukosten ist noch zu entscheiden.

Und nun?

Immerhin ist die Bewilligung an eine Bedingung geknüpft: In dichter Folge müssen Zwischenberichte abgeliefert werden. Fürchtet man vielleicht weitere Kostenexplosionen? Wie bei der Elbphilharmonie, dem Flughafen BER oder Berlins anderem Großprojekt, dem Stadtschloss, für das unlängst zusätzlich anfallende 50 Millionen Euro vermeldet wurden? Mehr als die müde Hoffnung, dass das Geld für das Museum der Moderne verantwortungsvoll ausgegeben wird, bleibt kaum. Und die wenig tröstliche Gewissheit, dass am Ende der Steuerzahler draufzahlt. Ob ihm das Ergebnis dann wenigstens gefällt? Und ob das Kulturforum tatsächlich zu der Museumsinsel der Moderne wird, von der Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bereits schwärmt?

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