Kommentar: Ein Triumph für Frauen und für Irland | Kommentare | DW | 26.05.2018
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Abtreibungsreferendum

Kommentar: Ein Triumph für Frauen und für Irland

Irland hat mit überwältigender Mehrheit beschlossen, das Abtreibungsverbot aus der Verfassung zu streichen. Das Ergebnis ist ein Sieg für die Frauen, für Irland und ein Erfolg gegen den Populismus, meint Barbara Wesel.

Es ist ein so überzeugender Sieg, dass Aktivistinnen in Irland die Freudentränen übers Gesicht laufen. Nach ein paar angespannten letzten Tagen, wo der Ausgang des Referendums auf der Kippe zu stehen schien, wurde es ein Erdrutschergebnis. Eine überwältigende Mehrheit der Iren stimmte dafür, das quasi totale Abtreibungsverbot aus der Verfassung zu streichen. Und damit fiel die letzte Bastion eines Unterdrückungssystems, das Frauen in Irland jahrhundertelang unterjocht hatte.

Sie haben erreicht, was im Rest Europas längst Normalität ist: das Recht von Frauen selbst zu entscheiden, ob sie sich fähig fühlen, ein Kind zu haben oder nicht. Und das Recht auf medizinische Hilfe im eigenen Land bei Problemschwangerschaften, ohne den Zwang nach Großbritannien reisen zu müssen, wie es über hunderttausend Irinnen in den letzten Jahren getan haben.

Ein finsteres System der Unterdrückung

Mit diesem Referendum hat die katholische Kirche in Irland ihre letzte Schlacht verloren. Während der vergangenen zwei Jahrzehnte, als immer mehr Missbrauchsfälle von Priestern und Ordensleuten aufgedeckt wurden, wandten sich mehr und mehr Iren von der Kirche und ihrer Lehre ab. Der Schrecken in den katholischen Kinderheimen kam ans Licht, wo kleine Jungen und Mädchen misshandelt und zerbrochen wurden. Eine Untersuchungskommission deckte die Praktiken in den unsäglichen "Magdalene Laundries" auf, jenen Heimen, in denen unverheiratete schwangere Mädchen eingesperrt und ausgebeutet wurden, und wo man ihnen die Neugeborenen wegnahm.

Das ganze System von Unterdrückung und Missbrauch war durch die katholische Kirche betrieben worden. Es richtete sich vor allem, wenn auch nicht nur, gegen Frauen. Aber Schritt für Schritt verlor die Kirche ihren Status im Gefüge des irischen Staats und in der Gesellschaft. Der Kampf um das Abtreibungsverbot war ihre letzte Schlacht, und sie wagte kaum noch, sich zu engagieren. Der Klerus weiß längst, dass er die Gewalt über Moral und Gesetz im Land verloren hat.

Barbara Wesel Porträt (Georg Matthes)

Barbara Wesel ist DW-Korrespondentin in Brüssel

Eine stille Revolution

Der irische Premier nannte das Ergebnis dieses Referendums eine "stille Revolution". Aber sie ist schon lange im Gange in diesem Irland, das in den letzten Jahren viele alte Zwänge und Moralvorstellungen überwunden hat. Nach der überraschenden Abstimmung zur Einführung der Schwulenehe vor drei Jahren haben die Bürger Irlands jetzt auch die Frauen von jahrhundertealter Missachtung  und Missbrauch befreit. Der drakonische Verfassungszusatz zum Abtreibungsverbot war erst in den achtziger Jahren eingeführt worden,  aber seitdem hat sich das Land grundlegend verändert. Es ist offener geworden, liberaler und vielfältiger, und es hat endlich auch den Frauen des Landes das Recht zur Selbstbestimmung verliehen.

Der Sieg ist deshalb noch größer, weil Irland nicht gespalten ist, sondern in dieser Frage überwiegend einig scheint. Und weil auch irische Männer in großer Zahl für die Rechte ihrer Ehefrauen, Freundinnen, Nachbarinnen oder Kolleginnen gestimmt haben. Vielleicht war es der Tod von Savita Halappananavar, der den Wandel beschleunigt hat. Sie starb 2012 in einem irischen Krankenhaus an den Folgen einer Blutvergiftung. Zuvor hatten sich Ärzte geweigert, während einer beginnenden Fehlgeburt den Fötus abzutreiben, solange die Herztöne noch nachweisbar waren. Der Fall wurde zu einem internationalen Skandal und mobilisierte die irischen Frauen. Über Jahre arbeiteten sie an einer Kampagne zur Änderung der Verfassung und stießen gleichzeitig eine öffentliche Debatte über Sexualität, Gewalt gegen Frauen und bis dahin unaussprechliche Themen in Irland an.

Am Ende erreicht die Mobilisierung sogar Tausende Iren im Exil, die von Kanada, Australien und dem Rest der Welt aus nach Hause flogen, um an dem Referendum teilzunehmen. Die Frauen vom Druck des fast vollständigen Abtreibungsverbotes zu befreien, war ein Ziel, das eine große Mehrheit aller Iren teilte. Und sie wurden von einem Premierminister unterstützt, der seine politische Zukunft mit dem Referendum verband. Ein Politiker, der selbst das neue, aufgeschlossene Irland verkörpert.

Ein Sieg auch gegen den Populismus

Trotz des Verbots von Anzeigen aus dem Ausland erschienen sie schließlich doch auf Internetplattformen. Zugleich strömte Geld zur Unterstützung der Nein-Kampagne und Anti-Abtreibungs-Aktivisten vor allem aus den USA ins Land. Es gab deutliche Einmischungsversuche von außen, und dabei wurden ähnlich verlogene und irreführende Argumente wie schon beim Brexit oder der Trump-Wahl benutzt. Es wurde Misstrauen gegen Politiker und das "Establishment" geschürt, Vertreterinnen von Frauenrechten denunziert.

Man muss das Referendum in Irland im Zusammenhang sehen mit weltweiten Rückschlägen bei den Menschenrechten - als Folge von Propaganda und Populismus. Insofern reicht seine Wirkung weit über Irland hinaus und ist eine Ermutigung für Frauen etwa in Polen oder den USA, wo ihre Rechte eingeschränkt werden sollen. Aber das Ergebnis ist auch ein Ansporn für alle, die sich vom scheinbar unaufhaltsamen Vorrücken des Populismus entmutigt fühlen. Er kann besiegt werden, wenn Frauen und Männer mit aller Kraft kämpfen, wie sie es in Irland getan haben. 

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