Kommentar: Ein populistisches Urteil | Asien | DW | 13.09.2013
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Asien

Kommentar: Ein populistisches Urteil

In Indien sind vier Vergewaltiger einer jungen Studentin zum Tode verurteilt worden. Ein kurzsichtiges Urteil, durch das Indien Gefahr laufe, einen falschen Weg einzuschlagen, meint Grahame Lucas in seinem Kommentar.

Die Täter erwartet der Tod durch den Strang. Ein Gericht in Neu Delhi verurteilte die vier Männer zur Höchststrafe, nachdem sie schuldig befunden wurden, im vergangenen Dezember eine junge Studentin vergewaltigt und brutal zusammengeschlagen zu haben. Das Opfer starb zwei Wochen später im Krankenhaus. Die Tat löste weltweit Entsetzen aus.

Grahame Lucas ist der Leiter der Süd-und Südost-Asien Programme der Deutschen Welle

Grahame Lucas ist der Leiter der Süd-und Südost-Asien Programme der Deutschen Welle

Die indische Gesellschaft führt seither intensive Debatten über die alltägliche Gewalt gegen Frauen. Immer mehr Vergewaltigungsfälle kamen ans Licht - seit Anfang des Jahres sollen es über 1000 allein in der Hauptstadt Neu Delhi gewesen sein. Tausende empörte Menschen, vor allem Frauen, gingen auf die Straße. Es wurde heftig demonstriert.

In dieser öffentlichen Stimmung war das Todesurteil wahrscheinlich unausweichlich. Der Richterspruch entsprach populistischen Forderungen von Seiten der Politik und einer aufgebrachten Öffentlichkeit.

Gewalttätige Übergriffe sind Teil des Alltags für viele Frauen in der stark patriarchalischen Gesellschaft Indiens. Häufig müssen sie Belästigungen, Erniedrigungen, Vergewaltigungen bis hin zu Säureattacken über sich ergehen lassen, ohne sich wehren zu können. Gerichtsverfahren dauern Jahre, viele Vergewaltigungsfälle werden nie verhandelt. Die Polizei sieht in weiten Landesteilen Vergewaltigungen als eine Art Kavaliersdelikt an. Junge Frauen, die Anzeige erstatten, werden oft abgewiesen. Gerichte nehmen die Fälle selten auf oder die Verfahren dauern so lange, dass die Belastungszeugen nicht mehr gefunden werden können. Keine einzige politische Partei hat Maßnahmen zugunsten von Frauen im Grundsatzprogramm, obwohl nächstes Jahr landesweit gewählt wird.

Dass überhaupt in Indien öffentlich über die Rechte und die Sicherheit von Frauen diskutiert wird, ist positiv. Doch nun läuft Indien Gefahr, den falschen Weg einzuschlagen. Politiker haben auf die aufgebrachte Stimmung in der Öffentlichkeit zunächst mit Gesetzesverschärfungen reagiert. Künftig ist die Todesstrafe für Vergewaltigungen mit Todesfolge vorgeschrieben. Schnellgerichte wurden eingeführt, um die Angeklagten schnell aburteilen zu können.

Dabei scheint Indien etwas zu vergessen: Die Todesstrafe verhindert kein Verbrechen. Das ist durch die kriminologische Forschung eindeutig belegt. Darüber hinaus stellt die Todesstrafe das Prinzip der Rache in den Mittelpunkt nach dem Motto "Auge für Auge, Zahn für Zahn". Das mag kurzfristig die Rachegelüste von Angehörigen der Opfer und vieler Frauen, die sich solidarisch erklären, befriedigen. Aber langfristig ist die Todesstrafe kontraproduktiv. Sie löst die Probleme der Frauen in Indien nicht. Im Gegenteil, sie vertieft eher die Gräben in der Gesellschaft.

Was das Land braucht, ist eine sachliche und konsequente Debatte über männliche Einstellungen sowie die Rolle und Rechte der Frauen. Diese Debatte muss ohne Hass und übertriebene Emotionen geführt werden. Das ist eine riesige Herausforderung.

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