Kommentar: Die moralisch bankrotte Papstkirche | Kommentare | DW | 26.08.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Missbrauchsskandal

Kommentar: Die moralisch bankrotte Papstkirche

Der Papst-Besuch in Irland ist vom Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche bestimmt worden. Unser Gastkommentator Alexander Görlach ist sich sicher: In ihrer heutigen Form hat diese Kirche keine Zukunft.

Papst Franziskus in Irland (picture-alliance/dpa/PA Wire/N. Carson)

Gegenwind für Papst Franziskus

Mein erster Besuch in Boston war im Jahr 2002, kurz nachdem der Missbrauch im katholischsten Zipfel der USA und seine Jahrzehnte lange Vertuschung bekannt geworden waren. Ich war ein junger Hospitant im ZDF-Studio in New York, aus der Nachrichtenredaktion des Mainzer Senders für zwei Monate entsandt. Das Sendezentrum steht nahe der schönen Stadt Mainz auf dem Lerchenberg wie ein mittelalterliches Kloster: hoch, gut einsichtig, imposant. Es zieht die Umliegenden zur Arbeit an, wie es die Klöster des Mittelalters taten. Mainz ist ein katholisches Pflaster. Die Vorstellung, einmal über den Missbrauch unzähliger Kinder durch Priester berichten zu müssen, lag mir mehr als fern. Bis zu meinem Eintreffen in Boston war es sogar mehr als surreal. Dort sprach ich unter anderem mit Mitchell Garabedian, dem Opfer-Anwalt, der in ruhiger und aufgeklärter Weise seine Sicht auf die Dinge darlegte.

Entsetzen auf allen Kontinenten

Dem Missbrauchsskandal in Boston wurde mit dem Film "Spotlight” im Jahr 2015 ein Denkmal gesetzt. Auch Mitchell Garabedian wurde darin verkörpert. Als ich ihm aus Anlass einer Podiumsdiskussion an der Law School der Harvard Universität in Cambridge in der Nähe von Boston wieder begegnete, konnte er sich nicht mehr an unser Interview 14 Jahre zuvor erinnern. Dem polnischen Papst folgte seitdem ein deutscher und ein argentinischer. Das Pontifikat aller drei Kirchenoberhäupter wurde von den Missbrauchsskandalen überschattet. Nach den Enthüllungen in Boston gab es ebensolche in Australien, Irland, Deutschland, auf den Philippinen und in Tansania. Auf allen Kontinenten. In der gesamten christlichen Welt. Das Entsetzen, der Unglauben, die Enttäuschung, der Schmerz, die Wut - diese Emotionen werden von den Gläubigen überall auf der Erde geteilt. 

Prof. Dr. Dr. Alexander Görlach (Harvard University/D. Elmes)

Es kommentiert: Prof. Dr. Dr. Alexander Görlach

Es ist ein Skandal, der die Gläubigen vereint, einander näher- und gegen den Klerus aufbringt. Gleichzeitig treibt er die Menschen zu hunderttausenden aus der katholischen Kirche. Die diabolische Praxis, mit der die Diener des Herrn ihre sexuellen Spiele sakral aufluden, übersteigt alles, was sich eine gute katholische Seele denken kann. Es ist daher verständlich, warum einige Gläubige hier Satan selbst am Werk sehen. Die Wahrheit scheint doch aber viel eher die zu sein, dass hier ein System, das ausgelebter Sexualität mit Ausnahme einiger, weniger geregelter Fälle negativ gegenüber steht, dass eine Struktur, in der Seilschaften und Männerbünde zur Natur der Sache gehören, zu schlimmsten Exzessen geführt hat. Die zölibatäre Papstkirche ist moralisch bankrott, sie hat sich selbst abgeschafft. Wir erleben den größten Schicksalsmoment der Kirche seit der Reformation. Man kann sich im Moment nichts denken, was ihren totalen Untergang noch verhindern könnte.  

Eine Nachricht wie eine Bombe

Denn nun ist Papst Franziskus selbst in den Mittelpunkt der Vorwürfe geraten. Der ehemalige Botschafter des Heiligen Stuhles in den Vereinigten Staaten, Erzbischof Carlo Maria Vigano, beschuldigt ihn öffentlich, bereits 2013 von den Vorwürfen gegen den ehemaligen Erzbischof von Washington, Theodor McCarrick, gewusst zu haben. Diese Nachricht schlägt ein wie eine Bombe an dem Tag, an dem Franziskus seine Reise nach Irland beendet, auf der er sich mit Missbrauchsopfern getroffen und um Vergebung für das Leid, das seine Kirche Menschen zugefügt hat, gebeten hatte. Das katholische Irland hat aufgrund des Skandals ein neues Kapitel in seinem Verhältnis zur römischen Zentralgewalt aufgeschlagen.

Der jüngste Missbrauchsskandal im US-Bundesstaat Pennsylvania ist nicht der letzte, so wie der in Boston im Jahr 2002 nicht der erste war. Er war nur der erste, der ans Licht kam. Davor liegen viele Jahrzehnte, Jahrhunderte, in deren Dunkel, in das Dunkel von Sakristeien und Pfarrhäusern, keine kritische Öffentlichkeit ihr Licht warf. In diesen Zeiten war die Kirche so mächtig, dass sich ihr bei der Zerstörung der Seelen - zu deren Heil sie sich eigentlich gesandt sieht - keiner in den Weg stellen konnte. Jetzt ist die Zeit der Unterscheidung, von der der Herr im Matthäus-Evangelium spricht: das Unkraut muss ausgerissen werden, ohne den Weizen in Mitleidenschaft zu ziehen. Ob das in einer Kirche, in der es bis zum Papst hinauf Komplizenschaft geben soll, noch gelingen kann, ist mehr als fraglich. Der Herr der Kirche steht jedenfalls auf der Seite der Schwachen und nicht auf der Seite des Klerus.

 

Alexander Görlach ist Affiliate Advisor im "In Defense of Democracy”-Programm der F. D. Roosevelt Stiftung am Adams House der Harvard Universität, Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs, Senior Research Associate an der Universität von Cambridge, am Institute for Religion and Intentional Studies, und Honorarprofessor für Ethik und Theologie an der Leuphana Universität in Lüneburg. Der promovierte Linguist und Theologe arbeitet zu Narrativen von Identität, Politik und Religion, liberale Demokratie, sowie zu Säkularismus, Pluralismus und Kosmopolitismus. Er ist unter anderem Kommentator für die New York Times und die Neue Zürcher Zeitung. Ferner ist er der Gründer des Debatten-Magazins The European, das er von 2009 bis 2015 auch als Chefredakteur verantwortet hat.

Die Redaktion empfiehlt