″Franziskus, gib die Vertuschung zu, bitte!″ | Europa | DW | 25.08.2018
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Papstbesuch in Irland

"Franziskus, gib die Vertuschung zu, bitte!"

In Irland kämpft die katholische Kirche nach langjährigen Missbrauchsskandalen mit ihrem Niedergang. Der Besuch von Papst Franziskus auf der Insel ist eine äußerst heikle Mission. Aus Dublin berichtet Ralf Sotscheck.

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Papst will in Irland auch Missbrauchsopfer treffen

Irland ist im Papstfieber. Franziskus ist zum Weltfamilientreffen auf der Grünen Insel angekommen. In Dublin sind weite Teile der Innenstadt gesperrt, zur päpstlichen Messe im Phoenix Park, dem größten Stadtpark Europas, werden am Sonntag 600.000 Menschen erwartet.

Doch obwohl Hunderttausende angereist sind, ist Irland längst nicht mehr die katholische Festung im Atlantik, die es einmal war. Die jüngsten Berichte über die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche im US-Bundesstaat Pennsylvania, aber natürlich auch in Irland selbst, liegen wie ein dunkler Schatten über dem Weltfamilientreffen, das bereits am Dienstag im Dubliner Konferenzzentrum begann.

"Der Papst tut sein Bestes, um die Kontroversen anzusprechen, die seine Kirche immer wieder beschäftigen", sagt die Katholikin Milena Pereira. Die 20-jährige Katholikin, die aus Portugal angereist ist, hofft auf Reformen. Der Papst werde Gleichgesinnte für hohe Positionen ernennen, und sie werden langsam Fortschritte erzielen. "Wenn Franziskus noch fünf Jahre im Amt ist, wird unsere Kirche anders aussehen", glaubt Pereira.

Leidensweg der Kinder

Noch 1979 hatte die katholische Kirche die Grüne Insel fest im Griff. Damals kam Johannes Paul II. nach Irland, und anderthalb Millionen Menschen strömten zur Messe in den Phoenix Park. Proteste gegen den Papstbesuch wären damals ein Sakrileg gewesen.

Heute gibt es diese Proteste sehr wohl. Der Dubliner Stadtverordnete Mannix Flynn ließ zum Beispiel im Dubliner Vergnügungsviertel "Temple Bar" eine Kunstinstallation in Form eines Notsignals errichten. Auf neun Holztafeln wird der Leidensweg von Kindern dargestellt, die Opfer von Vergewaltigungen durch Pfarrer geworden sind. Flynn war selbst eines dieser Kinder, er wurde als Elfjähriger zum ersten Mal vergewaltigt. "Wir wollen keine Gebete oder Mitleid", sagt er. "Wir wollen, dass die Verantwortlichen für die Vertuschung verhaftet und vor Gericht gestellt werden."

Der Niedergang der katholischen Kirche in Irland begann in den 90er Jahren, als die ersten Missbrauchsskandale mit Beteiligung katholischer Priester ans Licht kamen. Es fing zunächst recht harmlos an: 1992 wurde bekannt, dass der Bischof von Galway, Eamon Casey, einen 17-jährigen Sohn hatte. Im Zuge des Skandals trat Casey von seinem Amt zurück und ging als Missionar nach Südamerika.

Irischer Bishhof Diarmuid Martin zu Missbrauchsfällen (picture-alliance/empics/J. Behal)

Dublins Erzbischof Diarmuid Martin bei einer Stellungnahme zum Missbrauchsskandal im März 2010

Gläubige wenden sich ab

Doch dann erschütterten immer mehr Nachrichten über sexuellen Missbrauch in katholischen Schulen, Heimen und anderen Einrichtungen die irische Öffentlichkeit. Endgültig wendeten sich viele von der Kirche ab, als ein Untersuchungsbericht feststellte, dass die Kirchenoberen diese Pfarrer gedeckt und in andere Diözesen versetzt hatten, wo sie weiteren Schaden anrichten konnten. Zwischen 2005 und 2011 sank die Zahl der Gläubigen um 20 Prozent.

Nicht nur als moralische Instanz, auch als politische Kraft hat die katholische Kirche seitdem stark an Einfluss verloren. So war Irland im Mai 2015 das erste Land der Welt, das die gleichgeschlechtliche Ehe trotz des vehementen Widerstands der Kirche per Referendum legalisierte - und zwar mit überwältigender Mehrheit. Dabei war Homosexualität erst 1993 entkriminalisiert worden.

Innerhalb einer Generation hat sich die Insel von einem streng konservativen zu einem äußerst liberalen Land gewandelt. Die Kirche will das offenbar nicht wahr haben: Fünf Fotos von gleichgeschlechtlichen Paaren wurden im Januar aus der Broschüre für das Weltfamilientreffen entfernt.

Irland Referendum Homo-Ehe (picture-alliance/dpa/A. Crawley)

Irisches Wunder: Verfechter der Homo-Ehe feiern ihren Sieg nach dem Referendum im Mai 2015

"Kulturelle Katholiken"

Im Mai 2018 fiel auch die letzte katholische Bastion, das Abtreibungsverbot, mit überraschender Zweidrittelmehrheit. Die Iren seien nur noch "kulturelle Katholiken", und nicht mehr "Katholiken aus Überzeugung", bedauerte der Bischof von Kilmore, Leo O'Reilly, nach dem Volksentscheid. Irland sei nun "missionarisches Gebiet". Er bedauerte, dass Franziskus ein völlig anderes Land vorfinde als Papst Johannes Paul II. im Jahr 1979. 

Colm O'Gorman, Geschäftsführer der irischen Sektion von Amnesty International, war zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt. Er war Messdiener und sang jeden Sonntag im Kirchenchor. "Die Kirche war ein zentraler Fixpunkt in meinem Leben", sagt er. "Ich durfte nicht mit, um den Papst zu sehen, aber meine ältere Schwester und mein äterer Bruder gingen zur Messe in den Phoenix Park. Ich habe sie sehr beneidet."

Colm O'Gorman (picture-alliance/empics/N. Carson)

Colm O'Gorman

O'Gorman schaute sich den Papstbesuch im Fernsehen an, und er war voller Freude, als Johannes Paul II. vor 300.000 jungen Menschen im westirischen Galway sagte: "Ihr jungen Menschen von Irland, ich liebe euch." Ein Jahr später wurde O'Gorman zum ersten Mal von einem Pfarrer vergewaltigt.

"Der Priester war erst vier Monate vor dem Papstbesuch in sein Amt eingeweiht worden, obwohl die Kirche wusste, dass er ein Kinderschänder war", sagt er. "Trotzdem ernannten sie ihn zum Priester, und er konnte jahrelang ungestraft sein Unwesen treiben." O'Gorman ist daran fast zugrunde gegangen. "Sag die Wahrheit", verlangt er nun von Papst Franziskus. "Gib die Vertuschung zu. Bitte."

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