Kommentar: Die Einschläge kommen näher | Fußball | DW | 17.09.2015
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Fußball

Kommentar: Die Einschläge kommen näher

Die FIFA setzt ihren Generalsekretär vor die Tür: Jerome Valcke muss gehen, weil eine "Reihe von Vorwürfen" im Raum stehen. Valckes Rauswurf bringt aber auch Joseph Blatter in Erklärungsnot, meint Joscha Weber.

Blatter und Valcke (Foto: Reuters)

Enge Vertraute, seit 2003 Weggefährten: Blatter (l.) und Valcke. Kann der wirklich etwas hinter Blatters Rücken tun?

Wenn der Gegner anrennt und stürmt, sein Pressing-Spiel aufzieht, die eigene Mannschaft immer stärker unter Druck gerät und das nächste Tor nur noch eine Frage der Zeit ist, dann ist oft jedes Mittel recht: Ein taktisches Foulspiel, um dem Gegner den Wind aus den Segeln zu nehmen, oder ein Befreiungsschlag, also ein blindes Ball-heraus-Bolzen ohne konkretes Ziel. Beides sind nicht gerade angesehene Mittel im Profifußball, manchmal aber durchaus absichtlich gewählte Optionen, um der Bedrängnis des Kontrahenten zumindest für eine kurze Zeit zu entgehen.

Wenn Blatter Valcke opfert, steht ihm das Wasser bis zum Hals

Bei der FIFA scheint man aktuell genau diese Taktik anzuwenden: Präsident Joseph Blatter trennt sich von seinem engsten Vertrauten Jerome Valcke. Der Generalsekretär werde "bis auf Weiteres von all seinen Aufgaben entbunden", hieß es in einer dünnen Mitteilung der FIFA, die von "Vorwürfen Kenntnis erhalten" habe, "die den Generalsekretär betreffen". Valcke muss nach gewohnt verlässlichen Informationen der "Süddeutschen Zeitung" gehen, weil er sich am Verkauf von WM-Tickets bereichert haben soll. Die mit dem Ticketverkauf beauftragte Schweizer Marketingagentur JB Sports Marketing habe schwere Vorwürfe gegen die Fifa-Spitze erhoben. Valcke wäre, wenn sich die Vorwürfe bestätigen, bei weitem nicht der erste Top-Funktionär der FIFA, der sich auf diesem Wege die Taschen zusätzlich füllt. Aber Valcke ist der bislang Hochrangigste. Und deshalb wird es für (Noch-)FIFA-Boss Blatter dieses Mal richtig ungemütlich.

Joscha Weber (Foto: DW)

DW-Sportredakteur Joscha Weber

Denn wenn nach zahlreichen Vertrauten nun auch noch seine rechte Hand korrupt ist, kann der Chef des Weltfußballs nicht wie bisher stets behaupten, von all dem nichts gewusst zu haben. Blatter und Valcke sind seit langem Weggefährten, sie arbeiten eng zusammen. 2003 holte Blatter Valcke zur FIFA, machte ihn 2007 zum Generalsekretär, obwohl er noch im Vorjahr achtkantig aus der FIFA flog, nachdem ein New Yorker Gericht ihn für schuldig befunden hatte, den FIFA-Partner Mastercard in Verhandlungen übergangen zu haben. Egal ob bei öffentlichen Auftritten oder bei FIFA-Kongressen: Valcke wich kaum von Blatters Seite und beide spielten sich gern verbal die Bälle zu. Wenn Blatter nun also Valcke opfert, steht ihm das Wasser bis zum Hals.

Wird die WM einfach an den Meistbietenden verschachert?

Denn auch als im Juni Vorwürfe laut wurden, dass Valcke eine dubiose Überweisung von zehn Millionen Dollar an den in den USA angeklagten Ex-Funktionär Jack Warner getätigt haben soll, hielt Blatter zu seinem Generalsekretär. Nun ist die Sachlage anders: Der 54-Jährige Valcke soll sich nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" eine "diskrete Gewinnbeteiligung" zugesichert haben. Und: Valcke soll vor der offiziellen Vergabe-Entscheidung mehrmals angekündigt haben, dass die Fußball-WM 2022 fest an Katar zugesagt sei, wie mehrere Zeugen laut "SZ" sagten.

Sepp Blatter wird bei Pressekonferenz mit Geldscheinen beworfen (Foto: Reuters)

Den einen fliegt das Geld einfach so zu, andere müssen dafür arbeiten. Die FIFA hat da ihre eigenen Gesetze.

Durch die Valcke-Suspendierung könnte nun endlich das ganze Ausmaß der Korruption im Weltfußballverband ans Tageslicht kommen. Und dafür ist es höchste Zeit. Millionen Fans wollen wissen, ob Weltmeisterschaften wirklich von gierigen Funktionären unter der Hand an den Meistbietenden verschachert werden und warum die Tickets für das größte Sportereignis so teuer sind. Der Fall Valcke deutet in eine klare Richtung: Die FIFA ist bis an ihre Spitze korrupt und moralisch verdorben. Sie gehört ausgewechselt, nein, besser: lebenslang gesperrt.

Blatter entblößt seine Abwehr

Mit Valckes Rauswurf entblößt Sepp Blatter seine Abwehr. Er opfert seinen wichtigsten Mann, vermutlich weil er nicht anders kann. Seine vielzitierte FIFA-Familie steht unter Dauerfeuer, die Einschläge kommen ihrem Präsidenten immer näher. Das Pressing-Spiel gegen Blatter geht jetzt erst richtig los.

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