Kommentar: Deutschlands laxer Kampf gegen das Coronavirus | Kommentare | DW | 18.03.2020
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Coronakrise

Kommentar: Deutschlands laxer Kampf gegen das Coronavirus

Deutschland tut zu spät zu wenig, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bekämpfen. Durch den mangelnden Führungswillen Angela Merkels wurde Zeit vertan, um die Nation auf das Problem einzuschwören, meint Cristina Burack.

Wenn die Corona-Pandemie vorbei ist - und irgendwann wird es soweit sein - werden die einzelnen Staaten zurückblicken und hochrechnen, wie viele Todesfälle wohl hätten vermieden werden können, wenn früher und effizienter gehandelt worden wäre. Wieviele Großeltern hätten gerettet werden können? Mütter und Väter? Geliebte Menschen mit Herzleiden oder Asthma?

Ich frage mich insbesondere, wie Deutschland dann denken wird, weil ich als US-Amerikanerin hier lebe. Aber ich frage mich das vor allem, weil gegenwärtig Chancen ungenutzt bleiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei der Reaktion auf den Ausbruch des Virus bisher zu wenig Führung gezeigt. Dabei hat Deutschland doch die erschreckende Ausbreitung des Virus in seinen europäischen Nachbarstaaten miterlebt, konnte so einen Blick in seine mögliche Zukunft werfen. Dennoch hat es ein wertvolles Zeitfenster vertan, um nicht in die gleiche Situation zu geraten.

Keine Ausnahme von der Regel des Virus

Deutschland hat bisher weit weniger Coronavirus-Todesfälle zu beklagen als seine Nachbarn. Forscher warnen jedoch davor, dass es noch viel mehr aktive Infektionen geben wird als die knapp 10.000 derzeit bestätigten Fälle, da die Symptome erst mit 14 Tagen Verzögerung auftreten können. Die Zahlen werden deshalb noch stark steigen.

DW MA-Bild Cristina Burack (DW/P. Böll)

DW-Redakteurin Cristina Burack

Deutschland verfügt zwar über ein robustes Gesundheitssystem, aber es besteht das gleiche Risiko wie in Italien: die Überlastung der medizinischen Dienste durch zu viele Krankheitsfälle auf einmal, weil die Ausbreitung des Virus nicht rechtzeitig verlangsamt wurde. Das Chaos, das in deutschen Krankenhäusern und Testzentren bereits jetzt herrscht, da die Zahlen noch relativ niedrig sind, lässt nichts Gutes ahnen.

Deutschland hatte seinen ersten Corona-Fall am 27. Januar, doch Merkels erste Pressekonferenz zum Virus fand erst am 11. März statt. Italien hatte da bereits seit zwei Tagen das öffentliche Leben heruntergefahren. Angela Merkel warnte davor, dass bis zu 70 Prozent der Menschen infiziert werden könnten und forderte soziale Distanz. Am vergangenen Montag kündigte sie dann angesichts weiter steigender Zahlen eine Reihe Einschränkungen an, die mit den Chefs der 16 Bundesländer vereinbart wurden, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Der deutsche Föderalismus als Hindernis

Aber diese Maßnahmen sind schwach im Vergleich zu denen der Nachbarländer, die vielfach bereits Ausgangssperren verhängt haben. So, wie sie seit heute auch in Belgien gilt. Merkel forderte die Deutschen zwar auf, zu Hause zu bleiben. Aber durchgesetzt wird dies nicht. Und alle Appelle an das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen scheitern, wie vielerorts zu sehen ist. 

Lassen Sie mich aber eines klarstellen - ich fordere nicht die Einführung des Ausnahmezustands. Vielleicht ist die schrittweise Verschärfung der Einschränkungen sogar notwendig, um ihre Akzeptanz zu sichern - gerade in einem Land mit einer starken libertären Tendenz.

Auch die föderale Struktur Deutschlands ist ein Hindernis für ein koordiniertes Krisenmanagement. Viele Befugnisse liegen bei den 16 Bundesländern, was die Möglichkeit einschränkt, bundesweit Dinge durchzusetzen. Aber auch wenn Merkel die Macht fehlt, um so kraftvoll wie der Präsident eines zentralisierten Staates wie Frankreich zu handeln, sind Handeln und Führen nicht dasselbe.

Deutschland braucht proaktive Führung

Angela Merkel ist dafür gelobt worden, dass sie ihr Markenzeichen beibehält: Ruhe zu bewahren und mit Vernunft auf wissenschaftliche Fakten zu reagieren. Das ist prinzipiell gut. Aber im Moment braucht Deutschland mehr als nur rationales Reagieren, es braucht proaktive Führung. Es wäre mutiger von Merkel gewesen, ihr typisches 'Warten, bis es keine andere Möglichkeit gibt, und dann das Unvermeidliche ankündigen' zu brechen und stattdessen gleich weitergehende Maßnahmen wie eine zweiwöchige Ausgangssperre zu verhängen. Wären solche Schritte bereits früher eingeleitet worden, würde sich Deutschlands Risiko eines Albtraumszenarios nach italienischem Vorbild verringern. Wenn das Land wartet, bis solche Maßnahmen unumgänglich sind, wird es zu spät sein.

Das einzige, worauf Merkel schnell reagierte war die Schließung der Grenzen zu verschiedenen Nachbarländern. Und das widerspricht ihrer Grundforderung nach Solidarität innerhalb der EU. Ohnehin stellen viele Gesundheitsexperten die Wirksamkeit solcher Maßnahmen in Frage: Die Übertragung des Coronavirus findet längst innerhalb des Landes statt - zwischen Kollegen, Nachbarn und Freunden. Es ist der Ein-Meter-Abstand, der durchgesetzt werden muss, nicht die Schließung der Grenzen.

Eine vertane Chance

Angesichts einer beispiellosen Krise fehlt Deutschland im Augenblick meiner Meinung nach das Gefühl von nationaler Geschlossenheit. Die allgemeine Stimmung liegt irgendwo zwischen Paranoia, vorsätzlicher Ignoranz, Wunschdenken und Fatalismus. Ein bisschen mehr untypische Emotion von Merkel hätte diese Geschlossenheit vielleicht erzeugen können. Die außergewöhnlichen Zeiten hätten jedenfalls sicherlich einen neuen Tonfall der sonst so stoischen Kanzlerin gerechtfertigt. Stattdessen hat sich Merkel davor gescheut, vorausschauend zu führen. Sie hat damit eine Chance vertan, die Corona-Krise einzudämmen.

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