Kommentar: Deutscher Perfektionismus - Das war einmal! | Kommentare | DW | 16.11.2018
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Hessische Landtagswahl

Kommentar: Deutscher Perfektionismus - Das war einmal!

Das ging gerade nochmal gut: Das Ergebnis der Landtagswahl in Hessen muss trotz Fehlern beim Auszählen nicht korrigiert werden. Aber die Panne zeigt: Deutschland wird ein ganz normales Land, meint Jens Thurau.

Wo nur genau ist das, was hier geschildert wird, tatsächlich geschehen? Just am Tag der Wahl ist das zentrale Computerprogramm für die Auszählung der Stimmen - sagen  wir - etwas flügellahm. Es gibt Berichte, wonach nur zwei von 40 Computern wirklich funktionierten in der größten Stadt des Landes - ausgerechnet dort! Außerdem heißt es, es seien Ergebnisse verschiedener Parteien vertauscht, Zahlen verdreht und einige Stapel mit Stimmzetteln auch ganz vergessen worden. Bei der Wahl sollten die Bürger auch gleich noch über mehrere Verfassungsänderungen abstimmen: Dumm nur, dass die Stimmzettel dafür denen der Parlamentswahl täuschend ähnlich sahen. Auch da kam es zu Verwechslungen. Und dann wird mitgeteilt, es sei durchaus üblich, bei Problemen bei der Stimmenauszählung das Ergebnis -  festhalten! - von den Wahlhelfern vor Ort auch mal schätzen zu lassen. Wie bitte? Na, wo sind wir denn hier? In Hessen, konkret in der internationalen Messe- und Bankenmetropole Frankfurt am Main!

Das Klischee von den italienischen Verhältnissen

Für solche Zustände hatten die Deutschen lange ein geflügeltes Wort, das zumeist nur leise geraunt wurde, damit man nicht als allzu arrogant galt. "Italienische Verhältnisse" nannte man das. Die Geschichte ging ungefähr so: Die haben ja ein wunderschönes Land mit reicher Kultur und tollen Stränden da in Südeuropa. Aber organisieren können sie leider nichts und schaffen permanent ein herrliches Chaos: in der Verwaltung, in der Politik - überall. Wir Deutschen dagegen…

Thurau Jens Kommentarbild App

Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Nur so ein flüchtiger Eindruck aus dem November 2018: Seit März hat dieses Land eine Regierung, von der keiner weiß, ob die daran beteiligten Parteien überhaupt zusammen regieren mögen. Allein die Regierungsbildung hat schon ein halbes Jahr gedauert. Und dort, wo diese Regierung vor sich hin wurstelt, in Berlin, gibt es jetzt noch diese Meldung: Seit Jahren wird an einem "Ergänzungsbau" des Bundestages gewerkelt, dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Schon vor fünf Jahren sollte der 200-Millionen-Euro-Bau, den die Berliner als ewige Baustelle kennen, eigentlich fertig sein. Doch jetzt gibt es Berichte, wonach die Bodenplatte des Gebäudes schlicht kaputt ist - Wasser dringt ein, schon ziemlich lange. Die zuständigen Politiker im Bundestag überlegen, dass noch nicht einmal bezogene Gebäude am besten gleich wieder abreißen zu lassen, bevor ein "zweiter Flughafen" entsteht. Die zuständige Behörde dementiert das empört.

Ach ja, der Flughafen Berlin-Brandenburg: Auch so eine ewige Baustelle. Nach wie vor ist unklar, wie und wann das von Anfang an falsch konzipierte Mega-Bauwerk eigentlich in Betrieb gehen soll. Die Berliner nehmen das alles längst mit großer Gelassenheit hin. Keiner wagt mehr, von "italienischen Verhältnissen " zu sprechen.

Gut geschätzt! Keine Änderungen beim Ergebnis

Zurück nach Hessen: Vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung für das Image Deutschlands als Großmacht im Organisieren und Funktionieren: Denn die Auszählungs-Pannen, heißt es jetzt, haben am Endergebnis, das in der Wahlnacht verkündet wurde, überhaupt nichts geändert. Gerade nochmal davon gekommen!

Mein Tipp: Für den Moment - sagen wir: einige Jahre lang - wären auch die Deutschen mal ganz gut beraten, sich um die Basis der Dinge zu kümmern. Früher hätte man gesagt: Macht einfach einmal eure Hausaufgaben: Stimmen richtig zählen, vielleicht auch zweimal. Häuser richtig bauen, beginnend beim Fundament. Regieren, ohne ständig aufgeregt und beleidigt zu sein. Und dann, wenn alles stimmt, gerne wieder aufblicken und gucken, was die Italiener so machen.

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