Kommentar: Der Kampf um den Hambacher Forst ist eine Grundsatzfrage | Kommentare | DW | 17.09.2018
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Energiepolitik

Kommentar: Der Kampf um den Hambacher Forst ist eine Grundsatzfrage

Was ist uns wichtiger: kurzfristiger Profit oder langfristiges Wohlergehen? Um genau diese Entscheidung geht es in Hambach und sie wird die Zukunft der Energiegewinnung in Deutschland prägen, meint Sonya Diehn.

Vielleicht haben Sie mitbekommen, was sich im Hambacher Forst abspielt, nur 50 Kilometer vom DW-Funkhaus in Bonn entfernt.

Wenn ja, dann wissen Sie, dass die Polizei seit einigen Tagen daran arbeitet, eine Truppe von Demonstranten zu vertreiben, die seit sechs Jahren dort Bäume besetzt. Was Sie aber vielleicht nicht aus den Medienberichten erfahren haben, ist die tiefe Bedeutung, die das Ergebnis dieser Auseinandersetzung haben wird - für die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland, aber auch für den Klimaschutz weltweit.

Der deutsche Energiekonzern RWE betreibt drei Braunkohletagebaue im Westen Deutschlands, Hambach ist der größte von ihnen. Mit steigendem Profit hat RWE diesen Tagebau seit der Öffnung 1978 kontinuierlich erweitert. Wird im bisherigen Umfang weiter gefördert, reicht die Kohle dort noch für rund 40 Jahre. Am Rande der schon jetzt riesigen Grube stehen noch einige Hundert Hektar Wald - ein winziges Überbleibsel des einst stolzen Hambacher Forstes.

Leben im Wald seit sechs Jahren

Seit 2012 leben Aktivisten dort in selbst gebauten Baumhäusern. Das Land gehört zwar RWE und damit hat das Unternehmen das Recht, auch die Bäume zu fällen - aber genau das wollen die Aktivisten verhindern. Dieser Zeitpunkt scheint nun gekommen.

Mann in Baumhaus im Hambacher Forst (Foto: Reuters)

Aktivisten leben seit mehreren Jahren in Baumhäusern im Hambacher Forst

Der Zeitpunkt der ab Mitte Oktober geplanten Rodung irritiert viele Beobachter auch außerhalb der Aktivisten-Szene. Immerhin hat Deutschland erst vor wenigen Monaten eine spezielle Kommission gebildet, die bis Ende dieses Jahres eine Empfehlung geben soll, wann der Kohleabbau in Deutschland spätestens auslaufen soll. Braunkohle ist schließlich der schmutzigste fossile Brennstoff überhaupt - und Deutschland, das schon früh als Vorbild beim Übergang zu erneuerbaren Energien galt, weiß, dass der Verzicht auf Kohle sein muss, um das Klima langfristig zu schützen.

Kommentarbild Sonya Diehn

Sonya Diehn ist Teamchefin der Redaktion Umwelt

Aber Deutschland ist schizophren, wenn es um das Thema Energie geht. Deutschland hatte früher ambitionierte Ziele, die Emissionen zu reduzieren und war in den vergangenen Jahrzehnten fest entschlossen, den eigenen Energiemix auf erneuerbare Alternativen umzustellen.

Aber vor allem in den vergangenen Jahren hat die Bundesregierung der Kohlelobby nachgegeben und den Kohleausstieg abgebrochen. Das macht jedoch keinen Sinn, wenn es stimmt, dass der Kohleausstieg unvermeidbar ist und erneuerbare Energien bald die billigste Stromquelle sein werden. Hinzu kommt: Sollte RWE das Hambacher Revier weiter ausbeuten und seine Braunkohle in Kraftwerken verbrennen, würde dies das gesamte Budget für die erlaubten CO2-Emissionen Deutschlands sprengen.

Entscheidender Wendepunkt

Der Kampf im Hambacher Forst dreht sich also um eine Grundfrage: Was ist wichtiger - kurzfristiger Profit oder langfristiges Wohlergehen?

Die Entscheidung wird die Energiezukunft Deutschlands prägen: Wenn der Wald abgeholzt und die Kohle verbrannt wird, ist das ein deutliches Zeichen, dass das bisherige "buisness as usual" weiter fortgesetzt wird - Deutschland wird die Emissionswerte überschreiten und selbst einen deutlichen Beitrag zum Klimawandel leisten. Wenn der Wald aber stehen bleibt und damit die Kohle im Boden, könnte das einen echten Wendepunkt in Deutschlands Energiegeschichte bedeuten.

Die Aktivisten in den Baumhäusern haben sich also einen mächtigen Gegner ausgesucht: die Gewohnheit. Die Baumbesetzer sind überwiegend friedliche und idealistische Menschen, die für das eintreten, was sie für richtig halten. Sie lieben die Natur und betonen, wie biologisch vielfältig dieser Teil des Waldes ist. Der Hambacher Forst ist wertvoll, weil er eine stille Erinnerung an die alten Wälder ist, die einst in Deutschland und großen Teilen Europas standen.

Intakte Natur oder Klimakatastrophe?

Was schätzen wir als Gesellschaft also mehr und was wollen wir in Zukunft haben: eine intakte Natur und Nachhaltigkeit - oder Gewinne aus fossilen Brennstoffen und die damit einhergehende Klimakatastrophe? Das ist der Kern des Streits.

Unterstützer von RWE argumentieren, dass einige tausend Arbeitsplätze verloren gehen, wenn die Kohle nicht abgebaut werden kann. Aber wie viele Arbeitsplätze, wie viele Milliarden Euro, wie viele Leben werden verloren gehen, wenn der Klimawandel unvermindert weitergeht? Der diesjährige Extrem-Sommer in Europa mit Ernteverlusten von rund einem Drittel alleine in Deutschland ist nur ein Vorgeschmack auf das, was passieren wird, wenn sich nichts ändert.

Andere weisen darauf hin, dass die Aktivisten Privateigentum von RWE betreten und illegal besetzen. Aber nur weil etwas illegal ist, heißt das nicht, dass es moralisch falsch ist. Noch bis 1964 war die Rassentrennung in den USA Gesetz. Wenn sich niemand dagegen gewehrt hätte, gäbe es sie wohl heute noch.

Eine Sache ist nicht automatisch richtig, nur weil sie legal ist. Moralisch korrekt wäre es, wenn die deutsche Regierung intervenieren und RWE daran hindern würde, den Hambacher Forst zu zerstören und die Braunkohle zu verstromen. Das wäre ein Signal an die Welt! Es ist nämlich höchste Zeit, sich gegen die Vorherrschaft fossiler Brennstoffe zu wehren und unsere Energiewirtschaft endlich in eine nachhaltige Zukunft zu führen.

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