Kohleausstieg: Geld an RWE statt weiter Braunkohle? | Wissen & Umwelt | DW | 14.09.2018
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Kohleausstieg: Geld an RWE statt weiter Braunkohle?

Strom aus Kohle ist eigentlich viel zu teuer. Er kostet die Volkswirtschaft drei Mal mehr als Wind- und Sonnenstrom. Ein schneller Kohleausstieg wäre somit viel günstiger als gedacht - selbst bei einer Zahlung an RWE.

Deutschland Tagebau Hambach Manheim (DW/G. Rueter)

Ortseingang Manheim beim Braunkohletagebau Hambach. Auch unter diesem Dorf will RWE noch Braunkohle fördern.

Vielen galt Strom aus Stein- und Braunkohle bisher als günstige Energie. Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) ist diese Annahme aber eindeutig falsch.

Neben den reinen Erzeugungskosten müssen nämlich auch die gesellschaftlichen Kosten in der Betrachtung berücksichtigt werden. Diese sind laut UBA bei der Kohleverstromung besonders hoch.

Teuer wird Strom aus Kohle vor allem durch die Umweltkosten, durch das Klimagas CO2 und durch gesundheitsschädliche Luftschadstoffe wie Feinstaub, Schwefeldioxid und Amoniak. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes entstanden so allein im Jahr 2016 gesellschaftliche Mehrkosten durch den Strom aus Kohle in Höhe von rund 46 Milliarden Euro.

Bezahlt werden diese Mehrkosten jedoch nicht über die Stromrechnung. Sie sind versteckt und werden von den Bürgern an anderen Stellen bezahlt, durch höhere Kosten für die Gesundheit, höhere Beiträge für die Krankenkassen und über Steuern. Ein geordneter Kohleausstieg spart deshalb aus Sicht der Umweltbehörde Milliarden. Im direkten Vergleich der Energieträger ist somit Strom aus Wind- und Solarenergie in der Gesamtbetrachtung schon heute die günstigste Energie und drei Mal günstiger als Strom aus Kohlekraft.

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Infografik Kohlestrom teurer als gedacht DE

Mehr Kostentransparenz durch Kohleausstieg?

Bisher spielten Gesundheits- und Umweltschäden in der deutschen Debatte über Stromkosten kaum eine Rolle. Nach Einschätzung der UBA-Expertin Astrid Matthey könnte sich das nun ändern. Durch die Diskussion um den Kohleausstieg "könnte jetzt mehr Transparenz zu den Umweltfolgen fossiler Energien entstehen. Bisher geht es aus unserer Sicht vor allem unter, weil die Umweltkosten von fossilen Energieträgern nur unzureichend auf den Kontoauszügen von Unternehmen und Bürgern erscheinen", sagt Matthey gegenüber der DW. 

Laut Energiexperte Oliver Krischer von der grünen Fraktion im Bundestag liefe schon heute kein einziges Braunkohlekraftwerk mehr, wenn alle Folgekosten für diese Kraftwerke berücksichtigt würden.

"Alle diese Kraftwerke wären auf einen Schlag unwirtschaftlich. Die Folgen des CO2-Ausstoßes für die Klimakrise, die Gesundheitsschäden durch Quecksilber, Feinstaub und Stickoxide, die Umweltschäden durch das Abholzen von Wäldern und das Abpumpen von Grundwasser sowie die Kosten kaputter Häuser und Straßen durch Bergschäden werden einfach auf die Allgemeinheit abgewälzt und tauchen in der Kostenbilanz des Braunkohlestroms nicht auf. Nur deshalb ist Braunkohlestrom an der Börse billig. Die Zeche zahlen wir alle", sagt Krischer gegenüber der DW.

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Tagebau Hambach und Hambacher Forst (Michael Goergens)

Braunkohletagebau von RWE: Links der Rand des Hambacher Waldes, hinten ein bis zu 450 Meter tiefes Loch.

Christoph Kost vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, bestätigt die Einschätzung von Krischer. Würden die Umwelt- und Gesundheitskosten auf die Energieträger entsprechend umgelegt, "würden Kohlekraftwerke nicht mehr eingesetzt". Durch die günstig gewordene Photovoltaik "würden sich sogar Batteriespeicher lohnen."

In der Kohlekommission der Bundesregierung werden derzeit auch die Umweltkosten bei der Energieerzeugung diskutiert. Mit Rücksicht auf die Arbeit der Kommission halten sich Bundesumweltministerium und Bundeswirtschaftsministerium mit Stellungnahmen zurück.

Das NRW-Wirtschaftsministerium betont gegenüber der DW, dass neben den Umweltkosten auch die Beschäftigungseffekte in die volkswirtschaftliche Gesamtbetrachtung einzubeziehen seien. Darüber hinaus seien zur Sicherung der Energieversorgung zudem "leistungsfähige Speicher nötig".

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Batteriespeicher Fraunhofer IFF Im Innern des Speichers (Viktoria Kühne/Fraunhofer IFF)

Batteriespeicher in Kombination mit Photovoltaik sind in der Gesamtbetrachtung schon günstiger als Kohlekraft.

Kohlekonzerne beim Kohleausstieg entschädigen?

Die Zahlen des Umweltbundesamtes sind den Experten in Unternehmen und Parteizentralen bekannt. Der Energiekonzern RWE will sich zu den Umweltkosten durch Kohlestrom gegenüber der DW nicht äußern, betont aber zugleich, dass der Konzern Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung unternimmt, für eine "weitere Reduktion von Kraftwerksemissionen." 

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag von NRW, Marc Herter betont gegenüber der DW die Bedeutung der Kohlekommission, "damit die Energiewende ökonomisch und sozial ein Exportschlager wird". Herter rät "ambitionierte Klimaschutzpolitik mit einem sehr soliden Strukturwandel zu verbinden." Und zudem "die Menschen in den betroffenen Regionen mit einzubeziehen."

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Deutschland Tagebau Hambach Waldspaziergang (DW/G. Rueter)

Protestplakat für eine andere Sicht an einem Baumhaus im Hambacher Wald.

Lorenz Gösta Beutin, Wirtschafts-, Energie- und Umweltexperte der Linken Fraktion im Bundestag, fordert wie die Grünen "die wahren Kosten der schmutzigen Kohle" nicht mehr zu kaschieren. Er mahnt die "Offenlegung von Umweltkosten" and und möchte "die Energiekonzerne nicht aus ihrer Verantwortung für die Schäden an Natur und Mensch entlassen".

Die Idee, Energiekonzerne für nicht produzierten Kohlestrom im Zuge des Kohleausstiegs zu entschädigen, wie es zum Beispiel die Energieökonomin Claudia Kemfert vorschlägt, lehnt seine Partei ab. "Das wäre ein Treppenwitz der Geschichte: Konzerne verdienen Jahrzehnte eine goldenen Nase am fossil-atomaren Geschäft, welches gleichzeitig die externen Kosten auf Andere verlagert hat."

Sie jetzt noch von der Gesellschaft "großzügig zu alimentieren, wenn dieses absurde und zerstörerische Geschäft beendet wird", gehe nicht. "No way!", betont Beutin gegenüber der DW.  

Energieökonomin Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) äußert sich hier im DW-Interview auch zu Entschädigungszahlungen an RWE für Kohleausstieg. 

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Kampf um den Hambacher Forst: Gespräch mit Claudia Kemfert (DIW)

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