Kommentar: Der Fall Pell und der Fall der Kirche | Kommentare | DW | 13.03.2019
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Katholische Kirche

Kommentar: Der Fall Pell und der Fall der Kirche

Papst Franziskus hat den Kardinal aus Australien zu einem der wichtigsten Männer im Vatikan gemacht. Das Urteil und die mehrjährige Haftstrafe für Pell ist ein Fanal für die Kirche, meint Christoph Strack.

Vatikan-Missbrauchskonferenz Papst Franziskus (AP)

Wurde vor genau sechs Jahren ins Amt gewählt: Papst Franziskus

Die frühere Nummer drei des Vatikan, der mächtige Finanzchef, muss für sechs Jahre ins Gefängnis - damit erreicht der weltweite Skandal um sexuelle Gewalt durch Männer der Kirche an Minderjährigen eine neue Dimension. Beendet ist der Fall Pell damit noch nicht, denn seine Anwälte haben Berufung eingelegt. Aber bis auf weiteres muss der Geistliche mit Haft und Schuld leben. So, wie seine Opfer mit der erlittenen Gewalt leben müssen. Opfer, welche die Kirche lange Zeit überhaupt nicht gesehen hat, nicht sehen wollte.

Das Vorgehen der Justiz gegen Kardinal Pell hat Kirche und Gesellschaft in Australien erschüttert und gespalten. Für die einen war die Verurteilung überfällig, für die anderen ist Pell der Sündenbock einer großen Abrechnung mit der Kirche. Aber wenn kirchliche Stimmen aus römischer Ferne die Vorwürfe als "absolut unglaubhaft" abstempeln, ist das lächerlich, nein zynisch. Das ist die kirchliche Arroganz früherer Jahrzehnte. In denen es übrigens gegen Pell in seinem Heimatland schon mehrfach Missbrauchsvorwürfe gab.

Keine Angst vor dem Revisionsverfahren

Australien ist ein Rechtsstaat. Nun nannte der Richter das Vorgehen Pells beim Missbrauch "kaltschnäuzig" und "atemberaubend arrogant". Der Jurist wirkte nicht so, als ob ihn das anstehende Revisionsverfahren beunruhigt. Wie gut, dass ziviles Recht seine bewährten Verfahren hat.

Deutsche Welle Strack Christoph Portrait (DW/B. Geilert)

Christoph Strack ist DW-Religionsexperte

Der Fall Pell zeigt, welche Dimension, welche Erschütterung der Missbrauchsskandal für die Weltkirche inzwischen darstellt. Das Kardinalskollegium zählt derzeit 122 Männer, die im Falle eines Konklaves zur Papstwahl berechtigt sind. Binnen weniger Tage sind nun zwei davon verurteilt worden: Pell sitzt als Missbrauchs-Täter im Gefängnis, der Lyoner Erzbischof Philippe Barbarin wurde wegen Vertuschung von Missbrauch zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Schwer zu ertragen, dass sie mit in ein Konklave ziehen würden. Barbarin kündigte bereits seinen Rücktritt als Erzbischof an. Bei Pell will der Vatikan das Revisionsverfahren abwarten, hat aber bereits ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet.

Papst Johannes Paul II. (1978-2005) machte George Pell zum Erzbischof und Kardinal, Papst Benedikt (2005-2013) band ihn in wichtige römische Vorgänge ein, Papst Franziskus beförderte ihn 2014 zum Finanzchef. Das lässt ein strukturelles, sehr grundsätzliches Problem erkennen. Wie im System Männerkirche Bedenken außen vor blieben. Das gewohnte klerikale Denken, mit dem man dann aus Rom selbst australische Rechtsprechung abstempeln kann.

Das Strafmaß gegen Pell wurde am sechsten Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus verkündet. Er kam "vom Ende der Welt", beeindruckt als Seelsorger, irritiert des öfteren mit theologischen Aussagen. Er mischt die Kirche auf, verunsichert sie, revitalisiert sie. Vielleicht ahnt er es: Angesichts der Krise der Kirche geht es längst nicht mehr nur um mehr Beteiligung der Frauen, um den Zölibat oder die überholte kirchliche Sexualmoral. Eine Institution, die ihre Glaubwürdigkeit so brutal zerstört, stellt sich Gott suchenden religiösen Menschen in den Weg, lässt sie zweifeln und verzweifeln. Das wird zur existenziellen Frage für die Kirche - auch wenn da noch Gesang klingt und Weihrauch duftet. Aber die Bedeutung ist dahin.

Die Kirche reformiert sich im Zusammenbruch

Wenn von der Basis der kritische Einwurf kommt, die katholische Kirche brauche eine Reformation, erwidern Kirchenvertreter gerne, die Kirche reformiere sich stets aus sich selbst heraus. "Ecclesia semper reformanda" heißt das im großen Kirchensprech. Vielleicht geschieht nach mehr als 150 Jahren klerikaler Zentrierung und Überhöhung durch die kaum mehr zu überbietenden Fällen Pell und Barbarin auf zynische Art genau das: Die Kirche reformiert sich im Zusammenbruch. Man mag es kaum für möglich halten, aber will es hoffen.

Und für die Täter des Missbrauchs gilt: Da an die über Jahrhunderte in Kirchen beschworenen Qualen im ewigen Höllenfeuer ja nicht einmal mehr Priester und Bischöfe selbst glauben - sonst sollten sie solche widerlichen Taten eigentlich nicht begehen können - ist es gut, wenn die Täter im Talar nun dem ganz gewöhnlichen irdischen Strafvollzug anheim fallen. Der ist zwar vergleichsweise human. Aber wenigstens soviel Gerechtigkeit muss sein.

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