Kommentar: Der Brandstifter Tönnies als Feuerwehrmann? | Kommentare | DW | 23.06.2020
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Corona-Krise

Kommentar: Der Brandstifter Tönnies als Feuerwehrmann?

Corona-Lockdown in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf wegen eines einzigen Unternehmens: Auch wenn es sich um Europas größten Fleischkonzern handelt, kann das nicht ohne Konsequenzen bleiben, meint Miodrag Soric.

Deutschland | Rund 400 Corona-Infektionen in Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück (picture-alliance/dpa/D. Inderlied)

Clemens Tönnies, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Fleischkonzerns mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück

Soweit hätte es nicht kommen müssen: der Kreis Gütersloh und der Nachbarkreis Warendorf im Lockdown! Nicht nur Kindergärten und Schulen bleiben geschlossen, sondern auch alle Kneipen, Museen, Fitnessstudios und Kinos. Nur noch zwei Menschen aus unterschiedlichen Haushalten dürfen sich in der Öffentlichkeit treffen. Das gesellschaftliche Leben einer ganzen Region stirbt erneut ab.

Und mehr noch: Menschen, die aus der Region Gütersloh kommen, werden in anderen Gegenden Deutschlands stigmatisiert und geschnitten. In Bayern und Mecklenburg-Vorpommern werden sie gebeten, die Urlaubsgebiete zu verlassen. Kein Wunder: Über 1500 Corona-Infizierte in einem vergleichsweisen kleinen Gebiet machen anderen Angst. Da hilft es nur wenig, dass die übergroße Zahl von ihnen Werksarbeiter der Großschlachterei Tönnies sind.

Lascher Laschet

Zu Recht vermuten viele, dass die Pandemie längst übergesprungen ist auf die Nachbarn der Tönnies-Arbeiter. In welchem Umfang, sollen jetzt noch mehr Tests zeigen. Damit das Virus nicht noch weiter um sich greift, hat Ministerpräsident Armin Laschet die Notbremse gezogen und den Lockdown verordnet. Viel zu spät. Und auch zu lasch, wie die bayerische Landesregierung kritisiert. Denn die Menschen könnten die Region Gütersloh unkontrolliert verlassen.

Soric Miodrag Kommentarbild App

DW-Chefkorrespondent Miodrag Soric

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hätte schon viel früher eine klare Entscheidung treffen sollen. Offenbar nahm er viel zu viel Rücksicht auf die wirtschaftlichen Interessen in der Region. Und gab sich gegenüber seinem wirtschaftsfreundlichen Koalitionspartner FDP zu nachgiebig. Die Liberalen, so scheint es, haben in der Corona Krise mehr das Wohlbefinden der Unternehmer im Blick als das der einfachen Menschen.

Armin Laschet hat die Corona-Krise nicht genutzt, um als führungsstarker Politiker Profil zu gewinnen. Im Gegenteil: Er zögert, verhaspelt sich, beschuldigt gar die Werksarbeiter aus Bulgarien oder Rumänien, das Virus eingeschleppt zu haben - ohne das belegen zu können. Das zeigt, wie abgehoben der Ministerpräsident ist: Er scheint nicht zu wissen, wie mies die Werksarbeiter von Tönnies tatsächlich bezahlt werden. Die haben nämlich gar nicht das Geld, um für ein verlängertes Wochenende in die Heimat zu fliegen, sich dort anzustecken und mit dem Virus dann nach Deutschland zurückzukehren.

Sklavenarbeit

Vielmehr kamen die Ost- und Südosteuropäer gesund nach Deutschland, leisten hier für kleines Geld Sklavenarbeit, wie ein katholischer Priester vor Ort richtig sagt. Und werden von sogenannten Subunternehmern untergebracht in Quartieren, die im Regelfall viel zu eng sind. Oder in abbruchreifen Häusern, die so voller Schimmel sind, dass die Arbeiter geradezu zwangsläufig krank werden.

Eine rumänische Arbeiterin, die schon seit Jahren bei Tönnies tätig ist, hat im Frühjahr beim Hantieren mit dem Fleischermesser ein Auge verloren: Tönnies hatte, weil aufgrund der Corona-bedingten Einreisesperren die Arbeitskräfte knapp wurden, einfach die Geschwindigkeit des Fließbandes erhöht. Genau solche Dinge müssten Landesbehörden eigentlich unterbinden. Doch statt sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der ausländischen Beschäftigten einzusetzen, schiebt ihnen die Landespolitik - aber auch ein Teil der Anwohner im Kreis Gütersloh - nun auch noch die Verantwortung für den Corona-Ausbruch zu. Ein beschämender Vorgang.

Kein Geheimnis

Und das umso mehr, als es kein Geheimnis ist oder je war, wie es in der deutschen Fleischindustrie zugeht: Dutzende von Berichten der Gewerkschaften oder Bürgerinitiativen, die seit Jahren vorliegen, sprechen eine deutliche Sprache. In der Vergangenheit fanden sich nur wenige Aufrechte, die einen Kampf gegen die Großindustrie und die mit ihr verbandelte Politik führten. Sie können der Pandemie, dem drohenden Überspringen des Virus auf die übrige Bevölkerung nun sogar etwas Gutes abgewinnen: Denn spätestens jetzt kann niemand mehr wegsehen. Der öffentliche Druck und die Angst der Wähler zwingen die Politik zum Handeln.

Deshalb wird diese Krise der Fleischindustrie auch anders ausgehen als all die anderen davor. Selbst Unternehmenschef Tönnies muss einräumen, dass es nicht mehr wie in der Vergangenheit weitergehen kann. Dass ausgerechnet er und sein Management, die diese Krise in erster Linie zu verantworten haben, sich nun als Erneuerer geben und dabei doch nur an ihrer Macht festhalten wollen, ist ein Skandal. Da gebärdet sich der Brandstifter als Feuerwehrmann, der Ausbeuter als menschenfreundliche Führungskraft. Wie viel Geld braucht es eigentlich, um das eigene Gewissen zum Schweigen zu bringen?

Das dürfen Sie nicht zulassen, Herr Ministerpräsident. Handeln Sie, und bitte handeln Sie schnell!    

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