Kommentar: Das große Britannien wird ganz klein | Europa | DW | 31.01.2020
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Brexit

Kommentar: Das große Britannien wird ganz klein

Endlich ist es soweit: Der lang ersehnte Brexit ist da. Die Scheidungsverhandlungen mit der EU waren mühsam. Aber das war erst das Vorspiel. Die wahren Probleme fangen jetzt erst an, meint Rob Mudge.

Am Morgen des 23. Juni 2016, habe ich mich selbst gezwungen, auf mein News-Junkie-Morgenritual zu verzichten: Mein Newsfeed blieb ungeöffnet, und ich fuhr frohen Mutes zur Arbeit - nicht ahnend, was wirklich geschehen war.

Für diesen Tag hatte ich zwei Kommentare vorbereitet: Einen für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass das Vereinigte Königreich sich für den Austritt aus der EU entschlossen hätte, das andere für den quasi sicheren Fall, dass "wir" drin bleiben.

Ich bin normalerweise kein Freund solcher Formulierungen, aber ich war wirklich geschockt, als ich an diesem Morgen in die Redaktion kam. Meine deutschen Kollegen sagten mir später, ich hätte ausgesehen, als sei mir ein Gespenst begegnet.

Dreieinhalb Jahre sind seitdem vergangen. Und der Brexit ist wahr geworden. Lange habe ich mich - naiv, wie ich heute weiß - an die Hoffnung geklammert, mein Land werde noch zur Vernunft kommen und die Entscheidung wieder umkehren. Während Freunde und Kollegen um mich herum sich längst um die deutsche Staatsbürgerschaft bewarben, schob ich diese Entscheidung bis zum letzten Moment hinaus.

Das Empire schlägt zurück

Keine Frage - ich akzeptiere das Ergebnis einer demokratischen Abstimmung. Aber ich weigere mich, den Weg zu akzeptieren, wie wir hierhin gelangt sind: ein Weg gespickt mit Missverständnissen, Lügen und Desinformation. Viele haben sich einlullen lassen von Egozentrikern, zu denen Brexit-Wegbereiter David Cameron und Premierminister Boris Johnson gehören. Viele hängen einem Vereinigten Königreich der Vergangenheit nach. Dass eine Nation, die selbst lange ein koloniales Imperium unterjocht hat, sich nun aus den Fesseln der EU befreien müsse, ist eine lächerliche Vorstellung.

Viele gegenwärtige und frühere Mitglieder britischer Regierungen verachten die Regeln und Richtlinien aus Brüssel. Dabei hat Großbritannien sie alle auf die eine oder andere Weise mit erschaffen. Und wenn den Briten ein gemeinsamer Beschluss nicht passte, dann setzten sie eine Sonderregelung durch. Kein anderes Mitglied genießt so viele Ausnahmen - nicht umsonst ist "Briten-Rabatt" ein feststehender Begriff in der EU.

Mudge Robert Kommentarbild App PROVISORISCH

DW-Redakteur Rob Mudge

Die EU ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Aber zu glauben, Großbritannien bekäme als Einzelkämpfer bessere Deals mit den EU-Staaten und anderen Wirtschaftsräumen hin, ist wahnsinnig. Bisher hat das Vereinigte Königreich nur sogenannte Anschlussverträge mit Ländern wie Liechtenstein, den Färöer-Inseln, Georgien und Libanon geschlossen. Das soll nicht despektierlich klingen, aber wirtschaftliche Schwergewichte sind das nicht gerade. Trotzdem ist das für London zumindest bis heute noch kein Grund zur Panik. Der frühere Handelsminister Liam Fox hat behauptet, "der Deal mit der EU sollte einer der einfachsten der Menschheitsgeschichte sein". Und weiter: Er habe 40 Deals auf Lager, die nur auf  "die Sekunde nach dem Brexit" warteten, um unterzeichnet zu werden.

Aber wie attraktiv ist ein Land für Investoren von außen, das seine wichtigsten Industrien und Dienstleistungen im Zuge des Brexit ausbluten lässt? Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, warum die Autobauer Fabriken schließen und aufs europäische Festland verlegen, oder warum große Finanzdienstleister nach Paris oder Amsterdam abwandern. Nicht zu schweigen vom Brain Drain, der sich bemerkbar machen wird, wenn EU-Bürger, die bisher in Wissenschaft und Lehre tätig waren, ihre Taschen packen und der Insel den Rücken kehren.

Britischer Wein und ein paar Heringe für Boris Johnson

Aber keine Sorge, es gibt noch Hoffnung: In einem Paralleluniversum der Brexiteers lebt zum Beispiel Brexitminister Steve Barclay. Er merkte kürzlich an, dass 99 Prozent des im Vereinigten Königreich getrunkenen Weins importiert würden. Sobald der EU-Austritt vollzogen sei, könne diese "zentrale Branche" auf der Insel florieren. Kein Witz! Nur zwei Fragen: Hat Barclay sich je gefragt, warum soviel Wein importiert wird? Und seit wann halten sich die britischen Winzer für eine "zentrale Branche"?

Folgen Sie mir auf diesem Pfad der Ignoranz noch einen Schritt weiter - und auch das kann man sich kaum ausdenken: June Mummery, eine Europaabgeordnete der Brexit-Partei hatte kürzlich eine Erkenntnis. Sie beklagte in einem Tweet, dass Großbritannien nach dem EU-Austritt kein Mitspracherecht mehr in der Fischereipolitik der EU habe! Wenn die Ironie nicht schon tot wäre - das wäre ihr Todesstoß! Vielleicht sollte sie sicherstellen, dass Boris Johnson ein paar Heringe in der Tiefkühltruhe hat.

Nach dem Brexit wird Großbritannien ein gebrochenes, ein entzweites Königreich sein. Geografisch war es immer vom europäischen Festland abgetrennt - nun wird diese Entrücktheit auch politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich immer offensichtlicher.

Ich werde vermutlich schon im Ruhestand sein, wenn es geschieht: Aber ich bin mir sicher, dass Großbritannien innerhalb der nächsten 20 Jahre in Brüssel anklopfen und um eine Wiederaufnahme in die EU betteln wird - doch die Bedingungen werden dann um ein vielfaches schlechter sein als der "Briten-Rabatt" von einst.