Kommentar: Das Dunkel in einer hellen Welt | Kommentare | DW | 29.05.2018
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Migration und Integration

Kommentar: Das Dunkel in einer hellen Welt

Deutschland gedenkt des Brandanschlags von Solingen vor 25 Jahren, bei dem fünf junge Frauen und Mädchen starben. Und eine einzige, beeindruckende Frau macht klar, worum es dabei geht, meint Jens Thurau.

Kann man das eigentlich ertragen, als deutscher Bürger, als Politiker, als Medienvertreter? Am Mikrofon in der Staatskanzlei in Düsseldorf steht Mevlüde Genc, 74 Jahre alt. Vor 25 Jahren hat diese Frau zwei Töchter, zwei Enkelinnen und ein Nichte verloren, in einer einzigen grausamen Brandnacht, weil Rechtsextreme ihr Haus in Solingen anzündeten. Und jetzt spricht sie hier von der Liebe, davon, wie wichtig ihr Heimat ist, in der Türkei und in Deutschland. Aber sie sagt dann auch diesen Satz, bei dem man keinen Laut hört in der Staatskanzlei, bei dem die Zeit still zu stehen scheint: "Nur Gott weiß, was das für ein Schmerz ist. In einer hellen Welt lebe ich im Dunkeln. Je älter man wird, desto größer wird der Schmerz."

Solingen ist Heimat geblieben

Wie diese Frau das sagt, voller Würde und Wahrheit, da werden all die Diskussionen, die hierzulande immer wieder geführt werden, so unglaublich klein: über das Deutschland von heute und wer angeblich dazugehört und wer nicht. Über eine Leitkultur und was das eigentlich sein soll. Und über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Mevlüde Genc ist mit ihrer Familie hier geblieben, in diesem Deutschland. In Solingen, sagt sie, wo ihre Familie zerrissen wurde, ist ihre Heimat. Aber eben auch in der Türkei. Ja, das geht. So einfach und schlicht und wahr. Und sie will nach vorn blicken, in die Zukunft, will mithelfen, dass die Kulturen und Nationalitäten zusammenfinden. Eine Kraft strahlt das aus, deren Größe sprachlos macht.

Thurau Jens Kommentarbild App

Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Und es ist sicher die Anwesenheit dieser Frau, die auch die Politiker dazu bringt, das große Ganze zu sehen, die Realität zwischen Deutschland und der Türkei, bei allen Schwierigkeiten. Der türkische Außenminister Cavusoglu erweist der Familie seinen Respekt. Und verzichtet auf Wahlwerbung für die AKP des Autokraten aus Ankara, Präsident Erdogan, was vorab viele befürchtet hatten. Die Kanzlerin spricht von der Schande, die Ausländerhass, Rassismus und Antisemitismus für dieses Deutschland bedeuten. So klar und scharf, wie sie das im Bundestag kaum tut. Sie spricht vom aktuellen Rechtspopulismus, der Tabubrüche sehr kalkuliert austeste und nennt das ein Spiel mit dem Feuer.

Und auch in Solingen, dem Ort des schrecklichen Verbrechens von damals, geht der Blick nach vorn. Außenminister Heiko Maas ließ dort erklären: "Solange Brandsätze in Moscheen fliegen, junge Männer mit Kippa auf offener Straße angegriffen oder Homosexuelle, die Hand in Hand gehen, zusammengeschlagen werden, gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Das sind Angriffe auf das, was Deutschland ausmacht in seiner großen Mehrheit." Aber auch Maas hat wieder diese Frau im Blick, Mevlüde Genc, wenn er betont, dass Solingen heute eben nicht nur für den Ort des Schreckens steht, sondern auch ein Symbol ist für die Versöhnung, ein Ort, an dem neuer Zusammenhalt gewachsen ist.

Horizonte öffnen

Und immer wieder gehen die Gedanken zurück zu diesem Satz: "In einer hellen Welt lebe ich im Dunkeln." Ja, sie ist hell, die Welt in Deutschland, verglichen mit all den vielen anderen Welten allemal. Kaum jemand leidet Hunger in Deutschland, wir leben in Frieden - auch wenn viele Menschen Angst haben, ob dieser Zustand sich nicht bald ändern kann. Für Mevlüde Genc kann auch dieses Deutschland nicht mehr richtig hell strahlen. Aber diese Frau schafft es, den Horizont zu öffnen. In einer Zeit zunehmender Feindseligkeit und des Nationalismus zündet sie ein Licht an, ausgerechnet sie. Das ist wirklich kaum zu ertragen.

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