Kommentar: Corona zerstört alle Vorurteile über die Millenials | Kommentare | DW | 19.03.2020
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Corona-Pandemie

Kommentar: Corona zerstört alle Vorurteile über die Millenials

Nach der neuesten Theorie von Donald Trump sind die Millenials an der Verbreitung des Coronavirus schuld. Dabei ist es genau diese Generation, die für die älteren Babyboomer die größten Opfer bringt, meint Joel Dullroy.

Deutschland Corona-Krise | Jugendliche draußen (picture-alliance/dpa/M. Balk)

Der Englische Garten in München: Nicht alle halten sich an die Regeln zur sozialen Distanz

Der einzige leicht zu verschmerzende Verlust durch das Coronavirus ist der Mythos der verwöhnten und selbstsüchtigen Millenials. Alle Vorwürfe über zuviel Individualismus, Egoismus und übermäßigen Genuss von Avocados seitens der älteren Generationen haben ab sofort keine Grundlage mehr. Denn viele der älter gewordenen Babyboomer sowie die ganz Alten verdanken ihr weiteres Leben der Selbstlosigkeit dieser jungen Leute.

Die in ganz Europa verhängten Verbote und Beschränkungen der bürgerlichen Freiheiten sollen die Verbreitung von COVID-19 verlangsamen, damit Krankenhausbetten und Beatmungsgeräte für kritische Fälle verfügbar bleiben. Aber diese Einschnitte berauben zugleich die ganze junge Generation ihrer Aufstiegschancen und ihres Einkommens. Denn selbst wenn die Restriktionen - wie derzeit geplant - nur einen Monat dauern, werden die Auswirkungen über Jahre hinweg ökonomisch nachwirken. Schon jetzt sind viele Arbeitsplätze verloren gegangen, wurden Unternehmen geschlossen und Karrieren zerstört.

Eine Generation opfert sich

Dieser Corona-Lockdown ist ein herausragendes Beispiel, wie eine Generation Opfer zugunsten einer anderen bringt. Das Virus befällt zwar Menschen aller Altersgruppen, aber es ist für die Schwachen, die Kranken und die Alten am gefährlichsten und tödlichsten. Wir vollziehen als Gesellschaft eine bewusste Überreaktion, um das Leben der Schwächsten zu retten. Das ist auch gut und richtig so.

Aber sagen wir es klar und deutlich: Viele junge Menschen geben gerade ihre Lebensgrundlage auf, damit die Alten weiterleben können.

Kommentar Joel Dullroy (Hermano Silva)

DW-Redakteur Joel Dullroy

Zugegeben - nicht jeder ist über den Stillstand glücklich. Viele Menschen aller Altersgruppen ignorieren immer noch die Verbote und die Aufforderung, bitte zu Hause zu bleiben. Aber ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung folgt ihnen. Und vor allem junge Menschen können nicht zur Schule, zur Universität oder zur Arbeit - egal, ob sie wollen oder nicht.

Denjenigen, die nun Einkommensverluste erleiden, verspricht die Bundesregierung Hilfe und Entschädigung. Hoffen wir, dass sie das einhält - insbesondere gegenüber Kreativen, Freiberuflern und Kleinunternehmern. Denn verlorenes Vertrauen und tief verwurzelte Unsicherheit können eine Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg prägen: Noch heute werden die Deutschen von der Erinnerung an eine heftige Währungskrise vor fast einem Jahrhundert heimgesucht.

Doch mitten in diesen ungewöhnlichen Zeiten gibt es Zeichen der Hoffnung für die Zukunft nach Corona: Die Menschen sind wieder menschlicher geworden. Abgesehen vom Streit um die letzten Vorräte in den Supermärkten hat die Mehrheit der Menschen den Appell angenommen, sich zum Wohle der Schwachen massiv einzuschränken. Die Behauptung, dass die Menschen nicht mehr bereit seien, etwas für das Allgemeinwohl zu tun, ist widerlegt. Vielmehr zeigen die Menschen, dass sie in Wirklichkeit zu radikalen Veränderungen bereit sind.

Für eine grüne, ökologische Zukunft

Plötzlich scheinen sogar neue Wirtschaftsmodelle möglich. Dinge wie staatliche Regulierung, Aussetzung der Marktwirtschaft, öffentliche Gelder für Unternehmen wie Bürger, Re-Nationalisierung von Schlüsselindustrien, die Stundung von Schulden und Mieten und sogar das bedingungslose Grundeinkommen werden in diesen Tagen wie selbstverständlich als Zukunftsoptionen diskutiert. Noch vor einer Woche wäre das undenkbar gewesen.

Da nun also alle ökonomischen Denkbarrieren durchbrochen sind, können wir weiter voranschreiten und auch neue, nachhaltige Formen des Konsums, der Produktion, der Verteilung und der Energieversorgung konzipieren. Diejenigen, die für einen grünen New Deal plädieren, sollten die Gelegenheit nutzen: Fordert einen Sanierungsplan, der zu einer nachhaltigen Gesellschaft führt, die ihre ökologischen Grenzen nicht sprengt! Denn auch das Ökosystem Erde leidet an einer Krankheit, die unsere menschliche Existenz gefährdet. Perspektivisch ist die Klimakrise noch tödlicher als COVID-19. Noch kennen wir ihre Opfer nicht - aber dass es sie geben wird, ist genauso sicher wie bei Corona.

Was unsere Entschädigung sein sollte

Die junge Generation hat in den zurückliegenden Monaten drastische Reaktionen auf den Klima-Notstand gefordert. Doch die starrsinnigen Älteren haben das ignoriert und jeden wirklichen Kurswechsel vereitelt. Und nun gibt die Jugend Freiheit, Wohlstand und ihre Chancen zum Wohle eben dieser Senioren auf, welche inzwischen sowohl körperlich als auch argumentativ schwach sind. Als Entschädigung für ihre Opfer in der Coronakrise sollte die Jugend das erhalten, was sie schon die ganze Zeit fordert: eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe.

 

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