Kommentar: Corona bleibt, aber Deutschland macht wieder auf | Kommentare | DW | 06.05.2020
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COVID-19

Kommentar: Corona bleibt, aber Deutschland macht wieder auf

Der Druck aus der Wirtschaft und auch aus den Bundesländern wirkt: Die drastischen Beschränkungen wegen Corona werden gelockert. Jetzt kommt es auf jeden Einzelnen an, damit das nicht schiefgeht, meint Jens Thurau.

Deutschland Bund-Länder-Konferenz im Video-Chat (picture-alliance/dpa/S. Stache)

Der Ministerpräsident von Brandenburg (ganz rechts) folgt der Videokonferenz von Bund und Ländern. Auf dem Monitor der Bundesgesundheitsminister

Es geht also wieder los: Geschäfte öffnen, Schulen und Kindergärten auch. Es wird wieder Fußball im Fernsehen zu sehen sein, wenn auch ohne Zuschauer im Stadion. Es wird Sommer, die Biergärten machen wieder auf. Wer mag, kann im Inland bald wieder Urlaub machen - sogar im Hotel.

Die Virologen geben ihr vorsichtiges Ja dazu. Es bleibt ihnen auch kaum etwas anderes übrig, auch wenn sie die Gefahr sehen sollten, dass Deutschland sich mit den Lockerungen eine zweite Infektionswelle einhandelt. Denn das Land, seine Experten, die Ärzte und Pfleger, die Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern, und ja, auch die Politiker haben ganze Arbeit geleistet: Kaum ein Land ist so gut durch die bisherigen Corona-Wochen gekommen wie Deutschland. Jetzt gibt es angesichts der geringen Neu-Infektionen kaum noch ein Argument, die drastischen Beschränkungen weiter aufrecht zu erhalten.

Die Kanzlerin bleibt skeptisch

In den vergangenen Tagen hat die Bundeskanzlerin teils fassungslos beobachtet, wie ein Landespolitiker nach dem anderen forsche Lockerungen verkündete - von Biergärten in Bayern bis zu Hotels in Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt hat Angela Merkel die Verantwortung für das, was daraus folgen könnte, genau dorthin gegeben: in die Länder. Falls die Infektionen wieder rapide steigen, dann müssen die Länder schnell erneute Beschränkungen und Kontaktsperren beschließen. Darauf hat die Kanzlerin bestanden.

Thurau Jens Kommentarbild App

DW-Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Merkel ist skeptisch, ob das alles klappt. Von diversen Kommentatoren musste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre Bevölkerung wie Kinder zu behandeln. Im Ausland wird Merkel gefeiert, im Inland ist die große Rückendeckung für die Regierungschefin erst einmal dahin. Auch deshalb hat sie sich entschieden, jetzt dem gesellschaftlichen Großversuch ihren Segen zu geben: Öffnungen, so weit es geht, Abstand und Maskenpflicht bleiben.

Mit anderen Worten: Bislang hat Vater Staat die Deutschen gezwungen, wegen der Pandemie runter zu fahren, und die Menschen sind dem in großer Mehrheit gerne gefolgt. Jetzt kommt es auf jeden Einzelnen an. So oder ähnlich geschieht das gerade in vielen Ländern.

Jetzt erst kommt die Bewährungsprobe

Was wir gelernt haben in diesen Wochen: Die Dinge sind fragil, sie ändern sich von Tag zu Tag. Gesichtsmasken, zu Beginn der Pandemie von den Experten als eher nutzlos bezeichnet, bestimmen inzwischen das Straßenbild. Die Menschen nehmen erstaunt zur Kenntnis, wie viel Macht in Deutschland die 16 Bundesländer haben. Zum eher zögerlichen, vorsichtigen Vorgehen der Kanzlerin passt die Wucht kaum, die jetzt aus den Ländern kommend die Lockerungen quasi erzwingt.

Dass die Bundesliga - mit Spielern unter Quarantäne und exklusivem Test auf das Virus - bald wieder spielen darf, gehört zu den vielen Zumutungen in diesen verwirrenden Zeiten. Wie auch immer: Jetzt erst kommt die richtige Bewährungsprobe für die Deutschen, die bislang so glimpflich davon gekommen sind in der Pandemie. Ab jetzt ist Bürgersinn gefragt, Verantwortungsgefühl: Abstand halten, vielleicht noch mehr als bislang, Masken tragen, sich kümmern vor allem um die Menschen, die die Opfer sein könnten von einer womöglich zu schnellen Lockerung. Den Risikogruppen, den Alten, den Vorerkrankten. Hoffentlich kriegen wir das hin.

Was nicht passieren darf: Dass jetzt das Gefühl die Runde macht, der Spuk sei vorbei, das Leben gehe so weiter wie zuvor. Das Virus bleibt noch lange da.

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