Kommentar: Antisemitismus im Aufwind | Kommentare | DW | 21.02.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Judenhass

Kommentar: Antisemitismus im Aufwind

Europa ist entsetzt über den antisemitischen Angriff auf den Philosophen Alain Finkielkraut in Paris. Doch wer sich jetzt wundert, hat die vergangenen Jahre verschlafen, meint Martin Gak.

Der ungarisch-amerikanische Finanzier George Soros und der Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker (picture-alliance/P. Gorondi)

"Du hast das Recht zu wissen, was Brüssel mit Dir vor hat!" heißt es auf diesem Plakat mit den Porträts von George Soros und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker

Die Bilder des Angriffs auf Alain Finkielkraut vom vergangenen Samstag (16.02.) in den Straßen von Paris zeigen alle typischen Merkmale der Gewalt eines Mobs gegen Juden in den Straßen Europas, wie wir sie aus den 1930er- und 1940er-Jahren kennen. Ein älterer Mann mit Brille, der von einer Gruppe uniformierter Marschierender umzingelt wird - dieser Anblick ist einer der schockierendsten Momente, welche die wachsende Welle des Antisemitismus auf beiden Seiten des Atlantiks aktuell hervorgebracht hat. Doch dieses Phänomen eines grassierenden Nationalismus, der sich nach seinem Feldzug gegen Migranten nun erneut seinem traditionellen Hassobjekt zuwendet, kann nicht wirklich überraschen.

Der Vorfall von Paris reiht sich ein in ein größeres Gruselkabinett: Dieses reicht von der Aussage des AfD-Fraktionschefs im Bundestag, der Holocaust sei nur ein "Fliegenschiss" der deutschen Geschichte, dem von Neonazi-Gruppen geprägten Marsch der polnischen Staatsspitze zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit, den Attacken der ungarischen Regierung gegen Juden und jüdische Institutionen, der Belagerung einer jüdischen Gemeinschaft durch Neonazis im schwedischen Umea, bis zu Donald Trumps Rechtfertigung der rechtsradikalen und antisemitischen Demonstrationen in Charlottesville und natürlich dem Massaker in der Synagoge in Pittsburgh vom vergangenen Oktober.     

Das Wiederaufleben der jüdischen Weltverschwörung

Wer von alledem überrascht ist, war offensichtlich lange Zeit nicht sehr aufmerksam. Während sporadische Ausbrüche von islamischem Antisemitimus zu einer endlosen Reihe von Studien und Umfragen zur Haltung der Muslime gegenüber Juden geführt haben, greifen amerikanische und europäische Rechtspopulisten bei ihrer Propaganda gerne auf die altbewährte jüdische Weltverschwörung zurück. Aktuell heißt das: An der muslimischen Einwanderung sind vor allem die Juden schuld!.

Gak Martin Kommentarbild App

DW-Redakteur Martin Gak

Von Washington bis Budapest wurde das Opus Magnus des Antisemitismus abgestaubt und wiederentdeckt: Die gesamte Judenverfolgung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stützte sich auf die angeblichen "Protokolle der Weisen von Zion" - von den Pogromen in Russland bis zum millionenfachen Massenmord in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Jetzt ist die Legende von der internationalen jüdischen Verschwörung zurück, die abermals die altbekannten Ziele haben soll: Wirtschaftskriege entfachen, den einfachen Bürger versklaven, die Zerstörung christlicher Werte vorantreiben und die Identität der Nationen auslöschen! Viktor Orban, Nigel Farage, die Verbündeten von Marine Le Pen, Donald Trump und diverse republikanische Senatoren in den USA, Mitglieder der deutschen AfD und der Schwedendemokraten haben der angeblichen jüdischen Bedrohung neues Leben eingehaucht. Und es sind genau die Anschuldigungen, denen Alain Finkielkraut in Paris ausgesetzt war: "Frankreich gehört uns - und nicht dir, Du verräterischer Jude!"   

Doch es geht nicht nur um den Mob auf der Straße. Als er über George Soros sprach, verwendete der britische Europaabgeordnete und frühere UKIP-Chef Nigel Farage fast dieselben Worte wie Henry Ford. Der erfolgreiche Automobil-Fabrikant hat zwischen 1920 und 1922 ein vierbändiges, in vielen Sprachen verlegtes Buch herausgegeben: "Der internationale Jude - das dringlichste Problem der Welt". Heute stellt für Farage der jüdische US-Investor Soros "die größte Gefahr für die ganze westliche Welt" dar. Die neuerliche Warnung vor der Bedrohung durch den internationalen Juden war nicht zu überhören.

Die Protokolle der Weisen von Brüssel

Bereits in den vergangenen Jahren waren keine anderen antisemitischen Kampagnen so offensichtlich in ihren Absichten wie jene von Viktor Orban gegen George Soros, den Juden ungarischer Herkunft. Doch im anlaufenden Europawahlkampf ist Orbans Partei "Fidesz" noch einen Schritt weiter gegangen: Orban fordert die ungarischen Wähler nicht nur dazu auf, seiner Partei ein Mandat zu geben, um Ungarn vor der jüdischen Bedrohung zu verteidigen. Sondern jetzt greift die Partei auch das an, was sie als Instrument der globalen Herrschaft über Ungarn darstellt: Jean-Claude Junckers EU-Kommission. Auf einem Plakat, das an bösartige Juden-Karikaturen früherer Zeiten erinnert, grinsen Soros und Juncker Seite an Seite. "Du hast das Recht zu wissen, was Brüssel mit Dir vor hat" heißt es unter dem Foto. Orban fährt also ganz offen eine antisemitische Kampagne gegen die EU, der man vorwirft, ein Instrument der jüdischen Weltverschwörung zu sein.

Schon seit Wochen wird diskutiert, ob "Fidesz" weiterhin als Teil der Parteienfamilie der europäischen Konservativen akzeptiert werden kann, zu der auch Jean-Claude Juncker gehört. Dabei ist die viel dringlichere Frage, ob Ungarn in seiner heutigen Form überhaupt noch in die EU gehört.        

Die Redaktion empfiehlt