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Politik

Vergeblicher Einsatz für die Ukraine

Jurij Andruchowytsch
5. Februar 2022

Weder die ukrainische Sprache und Kultur noch die Ukraine selbst ist im deutschen Bewusstsein vorhanden. In 30 Jahren Unabhängigkeit hat sich das nicht verändert, meint Jurij Andruchowytsch.

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Pictureteaser Ukrainische Autoren Kolumne Yuri Andrukhovych
Jurij Andruchowytsch gilt als eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen seines LandesBild: Tetiana Davydenkon

An Corona will man als Ukrainer gerade jetzt nicht wirklich erkranken, denn ausgerechnet dann könnte ja auch noch Putin angreifen. Man würde mit fast 40 Grad Fieber flachliegen und nicht zum bereitgelegten Karabiner greifen können, wenn die Besatzer vor den Fenstern die Straße entlang marschieren und "Katjuscha" oder andere Lieder aus der Zeit des Weltkriegs singen.

Unangenehm wäre es für mich auch, weil ich täglich dringende Anfragen aus ganz Europa bekomme - und das haufenweise: von einem spanischen Magazin, einer italienischen Zeitung, einer rumänischen Agentur, einem französischen Unternehmen, vom norwegischen Radio… Tag für Tag werden es immer mehr.

Alle auf einmal und zur gleichen Zeit

Acht Jahre lang hat sich niemand für das Land interessiert und die Ukraine schien nicht zu existieren. Doch plötzlich sind sie alle da, auf einmal und zur gleichen Zeit: "Beantworten Sie schriftlich eine Reihe von Fragen." "Kontaktieren Sie uns per Telefon, Skype oder Zoom." "Schreiben Sie ein Essay über die historischen Wurzeln der aktuellen Konfrontation." "Widersprechen Sie Putin." "Überzeugen Sie die Deutschen." "Gewinnen Sie die Aufmerksamkeit der Österreicher." "Bringen Sie sich den Kroaten in Erinnerung." "Erläutern Sie alles den Montenegrinern."

Puh. Bis wann? "Natürlich noch heute! Spätestens bis morgen." Wissen Sie, wenn ich auf Englisch schreibe, dann wird es länger dauern… "Kein Problem! Schreiben Sie in Ihrer Muttersprache! Wir können auch aus dem Russischen übersetzen!"

Es ist frustrierend, so wie schon damals, vor acht Jahren, als in der Ukraine auf dem Maidan Menschen erschossen wurden, die inzwischen "Himmlische Hundertschaft" genannt werden. Am Telefon hieß es ständig: "Schreiben Sie einen Kommentar zum Thema Nationalisten! Bei Ihnen auf dem Maidan herrschen doch nationalistische Banden, erzählen Sie uns Genaueres darüber!"

Annalena Baerbock geht mit einem Strauß roter Rosen mit einer schwarz-rot-goldenen Schleife auf das Denkmal der Himmlischen Hundertschaft zu
Mitte Januar legte Bundesaußenministerin Baerbock am Denkmal der Himmlischen Hundertschaft Blumen niederBild: Janine Schmitz/photothek.de/imago images

Weder Dank noch Unterstützung

Du zitterst am ganzen Leib und weißt nicht, wo sich deine Liebsten gerade befinden. Doch im gleichen Moment wird von Dir eine kühle, distanzierte, sachliche Analyse mit möglichst vollständiger Darlegung der Positionen "beider Seiten" verlangt - worum es bei uns eigentlich gehe?

Dann sammelt man sich wieder und schreibt etwas - und zwar auf Englisch. Um absolut genau zu sein, versinkt man immer wieder in Wörterbüchern, wägt Begriffe und formuliert. Man verschickt Antworten an fast alle, von denen Anfragen kamen. Ignoriert werden nur ganz offensichtliche Ablenkungsmanöver.

Alles verschickt. Und das war's. Alle sind verschwunden. Das heißt: überhaupt keine Rückmeldung, nicht einmal eine kurze Empfangsbestätigung. Darauf kann man lange warten. Erst recht gibt es keine Worte des Dankes oder der Unterstützung. Nicht für mich persönlich, sondern für mein Land. Bis zum nächsten Mal in acht Jahren. Tschüss!

Die Deutsche Einheit endlich verwirklicht

Heute ist alles ruhiger: In den Straßen wird (noch) niemand erschossen und ich weiß, wo meine Liebsten sind. Aber wenn mich ein spanisches Magazin fragt, was wir, die ukrainischen Schriftsteller, jetzt unternehmen, um mit dem russischen Volk zusammenzukommen, dann trifft mich der Schlag.

Und wenn ich lese, dass "die überwiegende Mehrheit der deutschen Bürger gegen die Lieferung von Waffen an die Ukraine durch ihr Land ist", dann ist auch das für mich sehr frustrierend. Zumal dies nicht das Ergebnis irgendeiner uralten Umfrage ist, sondern einer sehr aktuellen von dieser Woche: Demnach sind die Wähler der Linkspartei (86 Prozent) mit den Wählern der Sozialdemokraten (76 Prozent) und der Grünen (72 Prozent) völlig einer Meinung. Und auch die Wähler der rechtspopulistischen "Alternative für Deutschland" (63 Prozent) stimmen mit den Konservativen von der CDU/CSU (67 Prozent) und den Liberalen (62 Prozent) überein.

Infografik Deutschlandtrend Waffenlieferung Ukraine DE

Die nationale Einheit der Deutschen - hier ist die nun endlich verwirklicht! Wer sagt, dieses Land sei gespalten? Die Deutschen sind sich einig. In meinen Augen sind sich darin einig, zuzulassen, dass unbewaffnete Ukrainer getötet werden können. Wenn sie nicht akzeptieren wollen, zu "Putins Volk" zu gehören, dann sollen sie doch verrecken. Ohne sie wird unser Leben ruhiger und bequemer sein.

Ich übertreibe? Verzerre ich vielleicht alles absichtlich?

Tragische Bilanz

Hier ein Zitat aus einem Brief eines Redakteurs einer der besten deutschen Zeitungen: "Ich glaube, den meisten Deutschen ist eben wirklich noch nicht klar, dass Putin ein neues russisches Imperium errichten will. Was meinen Sie, was man in - selbst gebildeten - Kreisen hier alles zu hören bekommt: Er wolle doch nur seinen legitimen Einflussbereich, die Ukraine habe immer schon zu Russland gehört, er wolle bloß Respekt und so weiter. Die Leute sind aus 2014 nicht schlau, sondern dumm geworden."

Das ist eine sehr traurige, für mich persönlich eine tragische Bilanz der vergangenen 30 Jahre. Ich habe niemals deutschen Medien abgesagt und gerne Kontakt aufgenommen. Ich habe meine Romane und Gedichte zurückgestellt und auf Wunsch von Redaktionen andere Texte geschrieben, einflussreichen überregionalen Zeitungen Interviews gegeben, aber auch lokalen - einfach allen. Und dann war da noch das Radio mit seinem Millionenpublikum und das Fernsehen, sowohl live als auch aufgezeichnet. Ich dachte, man würde mich verstehen. Zumindest anfangen, mich zu verstehen.

Drei Bücher von Jurij Andruchowytsch
Buchtitel von Jurij Andruchowytsch - neue Projekte hat er zugunsten aktueller Einschätzungen zurückgestelltBild: DW/A. Cizmecioglu

Und jetzt? Nach mehr als drei Jahrzehnten riesigen Aufwands an Zeit und Mühe, nach Hunderten und Aberhunderten, wie mir schien, gelungener Gespräche, steht mein Karren, wie sich herausstellt, immer noch da, wo ich anfing, als ich 1992 in München gefragt wurde, was es eigentlich mit der ukrainischen Sprache auf sich habe. Sei das nicht nur ein russischer Dialekt? Ich bin mir sicher, dass ich diese Frage auch noch in diesem Jahr 2022 mehr als einmal zu hören bekommen werde. Weder die ukrainische Sprache und Kultur noch die Ukraine selbst - nichts davon ist vorhanden, nichts hat sich im deutschen Bewusstsein verändert!

Wie auch? Der Respekt vor Einflusssphären steht für die Deutschen an oberster Stelle. Und Putins Einflussbereich wird besonders respektiert. Er ist heilig und unantastbar.

 

Jurij Andruchowytsch ist ukrainischer Schriftsteller, Dichter, Essayist und Übersetzer. Er gilt heute als eine der wichtigsten kulturellen und intellektuellen Stimmen seines Landes. Andruchowytschs Werke werden international übersetzt und verlegt.

Übersetzung aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk