Kolumne: Der Dollar bestimmt den Alltag der Kubaner | Welt | DW | 24.07.2020
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Welt

Kolumne: Der Dollar bestimmt den Alltag der Kubaner

Vom Unglauben zur Empörung: In Kuba können Geschäfte Lebensmittel in einer anderen Währung als der kubanischen anbieten. Ein neuer Tiefpunkt in der ökonomischen Realität der Insel, meint Yoani Sánchez.

Es war noch früh am Morgen, als die ersten gespannten Kunden vor den speziellen Devisenläden Schlange standen. Anfang dieser Woche begannen sie mit dem Verkauf von Lebensmitteln und Hygieneartikeln gegen Fremdwährungen. Nach Monaten eines tief greifenden Versorgungsengpasses in den Geschäften des Landes betraten Dutzende von Kubanern diese neuen Geschäfte mit vollen Regalen und überfüllten Kühlschränken, in denen man nur in Dollar, Euro oder anderen Fremdwährungen bezahlen kann - und zwar mit Magnetkarten.

Ungläubigkeit war die erste Reaktion, als in der unabhängigen Presse die Nachricht durchsickerte, dass die Regierung den Betrieb von neuen Läden erlauben wolle, in denen die Bürger Lebensmittel mit einer anderen Währung als der kubanischen kaufen können. Später, als Präsident Miguel Díaz-Canel die Gerüchte bestätigte, kam es zu einer Welle der Empörung, die in dem Maße zunahm, wie neue Details bekannt wurden.

Es handelt sich um einen neuen Graben quer durch das ökonomische Leben der Menschen auf der Insel: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die ihre Gehälter in kubanischen Pesos erhalten, und auf der anderen stehen diejenigen, die Verwandte im Ausland haben, die ihnen Geld überweisen können.

Ein Feind, der nach wie vor im Zentrum des Propagandakrieges steht, aber dessen Banknoten nun zu einer Rettungsleine und Stütze für Kubas gescheitertes Wirtschaftsmodell geworden sind. Die Parteiführer, die sich so sehr der nationalen Souveränität rühmen, sind von der Realität besiegt worden: Das eigene Geld ist wertloses buntes Papier und nur die grünen Dollarnoten erlauben es ihnen, sich weiter auf ihren weichen Regierungsbänken breit zu machen, bis ihnen die Leinen-Hemden am Bauchnabel aufplatzen.

Das Misstrauen der Bevölkerung wächst

DW-Kolumnistin Yoani Sanchez

DW-Kolumnistin Yoani Sanchez

Nun, da sie gezwungen sind, ihre Hoffnungen auf das Ausland zu setzen, das sie lange angeprangert haben, greifen sie wieder zu Versprechungen. Sie versichern, dass die Einkünfte aus den Devisenläden es ihnen ermöglichen werden, andere staatliche Geschäfte zu beliefern, wo noch mit Pesos gezahlt wird. Doch das Misstrauen der Bevölkerung lässt sich nicht so leicht abbauen.

Auf den Straßen Kubas weiß man, dass der Dollar die lokale Währung komplett verdrängt. Er ist die tragende Stütze des Schwarzmarktes, hat eine führende Rolle bei den informellen Transaktionen, und schließt einen Großteil der Bevölkerung der Insel von der Kaufkraft aus.

Der Prozentsatz der Bevölkerung, der in diesen neuen Geschäften einkaufen kann, ist noch schwer vorherzusagen. Die Zahl der staatlichen Magnetkarten, die zum Kauf von Produkten in diesen Geschäften verwendet werden, überstiegen Ende letzten Jahres kaum 15.000 und erreichten so in den letzten Monaten nur einen winzigen Teil einer Bevölkerung von 11 Millionen Einwohnern. Die Zahl der kubanischen Emigranten übersteigt jedoch zwei Millionen, und ein guter Teil von ihnen schickt Überweisungen auf die Insel. 

Allein im Jahr 2018 erhielten die Kubaner 6,6 Milliarden Dollar (etwa 5,7 Milliarden Euro) als Waren oder Bargeld aus dem Ausland, wie die in den USA ansässige Firma The Havana Consulting berichtet. Ein Teil dieses Geldes dürfte jetzt in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einfließen - zusammen mit den Einnahmen aus den Auslandsmissionen Tausender Gesundheitsfachkräfte oder den Waren, die von Reisenden (den sogenannten "Maultieren") zum Weiterverkauf auf dem informellen Markt importiert werden.

Ausgeschlossen

Kubaner mit Masken in einer Schlange vor einem Dollar-laden in Havanna

Auf den Straßen Kubas weiß man, dass der Dollar die lokale Währung komplett verdrängt

Doch die Verbreitung des Dollars, der durch persönliche Anstrengungen oder Überweisungen auf die Insel gelangt, ist trotzdem begrenzt. Außerhalb seines Macht-Radius sind alle Staatsangestellten ohne Familienangehörige im Ausland, Rentner ohne ausgewanderte Kinder, alle die kein Unternehmen besitzen, das ihnen erlaubt Banknoten mit dem Konterfei Abraham Lincolns oder Benjamin Franklins einzutreiben. Für sie sind die in ausländischer Währung verkauften Produkte praktisch unerreichbar.

Die Shampooflaschen, das Rindfleisch, die reichhaltige Auswahl an Konserven, die Zerealien für alle Altersgruppen, die verschiedenen Wurstwaren, der gute Kaffee, das Olivenöl, die Trockenfrüchte, die Soßen zum Anrichten der Speisen, die Nudeln in allen verschiedenen Formen, der Joghurt und die ersehnte Milch, die in den Regalen dieser Geschäfte ausgestellt werden, sind tausend Lichtjahre von diesen Händen entfernt.

Als die Kunden Anfang der Woche ihre Einkaufswagen füllten, an den Kassen vorbeikamen und mit einer Magnetkarte und einer fremden Währung zahlten, markierten sie damit einen klaren Einschnitt, von dem jeder in Kuba weiß, wann und wie er begonnen hat, der die Gräben in der Gesellschaft weiter aufreißt, und dessen langfristige Konsequenzen sich kaum jemand vorstellen kann.

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Corona-Pandemie verschärft Kubas Nahrungsmittelkrise

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