Wie der Klimawandel die Landwirtschaft in Europa verändert | Wissen & Umwelt | DW | 18.08.2020
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Wissen & Umwelt

Wie der Klimawandel die Landwirtschaft in Europa verändert

Es regnet zu wenig, unter Dürre leiden die Landwirte in Europa. Ernteverluste gibt es nun im dritten Jahr. Wie können sie sich anpassen?

Italien historisches Saatgut (DW/Angelo van Schaik)

Historische Olivensorten in Italien - der Klimawandel setzt nicht nur Olivenbauern unter Druck

Die Prognosen für die europäische Landwirtschaft zeigen: Häufigkeit und Intensität von Dürren werden bis Ende des Jahrhunderts deutlich zunehmen, besonders im Frühling und Sommer. Laut Hochrechnungen steigt dabei die jährliche Durchschnittstemperatur zwischen einem und 5,5 Grad Celsius. Die stärkste Erwärmung wird während der Sommermonate in Südeuropa erwartet. 

Schon jetzt, so zeigt ein Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA, haben Hitzestress, Starkregen, Hagelstürme und Wassermangel die Anbaubedingungen für viele Kulturpflanzen in Europa verändert. Das gilt besonders für Pflanzen im Mittelmeerraum, wie Oliven oder Weintrauben. 

Neue Chancen für Europas kühlen Norden? 

Im Norden Europas könnte der Klimawandel der Landwirtschaft dagegen auch Vorteile bringen. Längere Wachstums- und kürzere Frostperioden könnten den Anbau neuer Kulturen und Sorten ermöglichen, so der Bericht. Geeignete Anbauflächen rund um die Ostsee könnten sich bis 2100 mehr als verdoppeln, von heute gut 32 auf dann mehr als 75 Prozent. 

Video ansehen 04:27

Deutschland: Sorge vor der nächsten Dürre

Die klimatischen Veränderungen haben bereits Früchte getragen - im wahrsten Sinne des Wortes. Im norddeutschen Bundesland Niedersachsen sind die Durchschnittstemperaturen in den letzten Jahrzehnten um fast zwei Grad Celsius gestiegen. Inzwischen bauen dort einige Obstbauern auch wärmeliebende Aprikosen und Nektarinen an. Und der Weinanbau, bisher vor allem auf sonnige Länder wie Frankreich, Spanien oder Italien konzentriert, nimmt jetzt auch in Dänemark, Schweden und Großbritannien Fahrt auf. 

Wein aus Großbritannien und Skandinavien 

Im Vereinigten Königreich hat sich die Weinproduktion in den vergangenen 20 Jahren vervierfacht. Allein im Jahr 2018 produzieren die englischen Anbaugebiete rund 13,2 Millionen Flaschen Wein. Doch das sich verändernde Klima bringt auch viele Probleme: ungewohnte Wetterlagen und feuchtere Sommer, die auf den Klimawandel zurückgeführt werden, machen die Trauben anfälliger für Krankheiten. 

Das Weingut Ryedale Vineyards im Nordosten von Yorkshire produziert seit 2006 britische Weine. Bisher setzt man dort vor allem auf hybride, krankheitsresistente Traubensorten, die an die kühleren Regionen Nordeuropas angepasst sind. 

Weinernte auf Ryedale Vineyard im Norden Englands

Auf Ryedale Vineyard wachsen Trauben, die zum lokalen Klima passen - bislang

Betrieben wird das Weingut von Jon Fletcher und seiner Familie. Auf Ryedale Vineyards, so schreibt Jon Fletcher der DW, machen sich vor allem die negativen Auswirkungen des Klimawandels bemerkbar. "Unvorhersehbare Wetterereignisse, Dürren und schwere Sommerstürme sind ein echtes Problem und scheinen an Häufigkeit zugenommen zu haben. Dieses Jahr hatten wir den sonnigsten Mai seit langem und seit zwei Monaten keine Niederschläge mehr." Auch Spätfröste und Hagelstürme zerstörten die Trauben, berichtet Fletcher.

Wein- und Olivenindustrie unter Druck

"Der Klimawandel ist ein Risiko für die Weinwirtschaft weltweit, und insbesondere in Europa", konstatiert Josep Maria Sole von VISCA (Vineyards Integrated Smart Climate Application), einem EU-Projekt, das die europäische Weinindustrie bei der Entwicklung mittel- und langfristiger Anpassungsstrategien unterstützen soll. 

Weinanbauregionen würden in Zukunft unter immer mehr Hitzewellen und Dürren leiden, während in einigen Teilen Spaniens intensivere Frostperioden im Frühling die Knospen der Weinreben schädigen, so Sole.  

Olivenzweige und Olivenöl in Glasflaschen auf einem Tisch

Olivenöl: lecker, gesund und bald ein knappes Gut?

Und nicht nur die Weinbauern haben mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen, berichtet Blaz Kurnik, Experte für Klima-Anpassungsstrategien bei der EEA. Insbesondere die milderen Winter begünstigten die Verbreitung neuer Krankheiten und Schädlinge. So bedrohten wachsende Schwärme der Olivenfruchtfliege die europäische Olivenölindustrie, die rund drei Viertel des weltweiten Bedarfs deckt.

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"Im schlimmsten Fall könnten jedes Jahr bis zu 80 Prozent der [italienischen] Olivenbäume davon betroffen sein", sagt Kurnik. Auch die spanischen Olivenhaine würden von Fliegen befallen, fügt er hinzu.

Italien, das weltweit an zweiter Stelle in der Olivenölproduktion steht, erlebte 2018 eine katastrophale Ernte. Schlechtes Wetter und Frost führten zu einem Rückgang der Produktion um 57 Prozent - ein Verlust von fast einer Milliarde Euro (1,13 Milliarden Dollar).

Mango, Avocado und Litschi aus europäischem Anbau

Bisher ist Sizilien neben Kalabrien und Apulien eine der wichtigsten Olivenölregionen Italiens. Doch inzwischen bauen dort einige Landwirte Mangos, Avocados und Litschis an, die ursprünglich in tropischen Regionen heimisch sind.

Tropische Obstsorten wurden in den 1970er Jahren erstmals in Sizilien angebaut, in den letzten Jahren sei der Anbau exponentiell gewachsen, sagt Vittorio Farina, Dozent für Landwirtschaft an der Universität Palermo. Und auch neue Arten wie etwa Papaya würden eingeführt, um Zitrusfrüchte zu ersetzen, die "nicht mehr rentabel sind".

Drei Mädchen gehen an Mangobäumen vorbei

Mangos sind ursprünglich in tropischen Regionen beheimatet, wie hier in Bangladesch

Vor allem die milderen Winter begünstigen die Ausdehnung der ursprünglichen Anbaugebiete für Mango-, Avocado- und Papayaplantagen von den Tropen aufs Mittelmeergebiet, besonders in Ägypten, Israel, Spanien und Italien, berichtet Farina. Doch die trockeneren Sommer und extremen Wetterereignisse stellten Herausforderungen für den Anbau dar. 

Wenn das Wasser fehlt, sind neue Sorten gefragt 

Denn die meisten Tropenfrüchte benötigen sehr viel Wasser. Farina testet deswegen gezielte Bewässerungsstrategien, um den Wasser-Fußabdruck tropischer Arten zu begrenzen. Dennoch prognostiziert er: "Das Problem der knappen Wasserressourcen für die Landwirtschaft wird zunehmend die Einführung von Arten mit geringem Wasserbedarf erzwingen." Als Beispiel dafür nennt Farina die Kaktusbirne.

Früchte des Feigenkaktus'

Der Feigenkaktus kommt gut mit Hitze und Trockenheit zurecht

Auch in Spanien werden derzeit neue Nutzpflanzen getestet, darunter Pistazien, sagt Margarita Ruiz-Ramos, Assistenzprofessorin am Forschungszentrum für das Management von Agrar- und Umweltrisiken der Polytechnischen Universität Madrid der DW. Priorität aber habe die Suche nach verbesserten Sorten heimischer Nutzpflanzen, die mit den Anbaubedingungen standhalten könnten. 

Heimische Pflanzen resistenter machen

"Es gibt Möglichkeiten, die traditionellen Anbaukulturen kurz- bis mittelfristig anzupassen, statt ganz auf sie zu verzichten", betont Ruiz-Ramos, etwa Pfirsicharten, die nicht so stark auf Winterkälte angewiesen seien, um im Frühjahr zu blühen. Auch könne man den Anbau von Pflanzen innerhalb eines Landes in besser geeignete Gebiete verlagern.

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Blühende Pfirsichzweige am Gardasee in Italien

Pfirsichblüte am Gardasee - viele Pfirsichsorten brauchen Frost vor der Blüte

Im Rahmen ihrer Arbeit analysiert Ruiz-Ramos Pflanzensorten, Pflanzpläne, Bodenbedingungen, Bewässerungsoptionen und viele andere Variablen, um "optimale lokale Anpassungsstrategien" für die Landwirtschaft im Klimawandel zu finden. Die vielversprechendsten Lösungen werden dann auf dem Feld getestet. "Wir müssen einen Kompromiss zwischen verschiedenen Bedürfnissen finden. Lediglich auf ein paar afrikanische Nutzpflanzen zu setzen - das reicht nicht", zeigt sich die Agrarwissenschaftlerin überzeugt.

Einen weiteren Aspekt bringt Yves Madre, Mitbegründer des in Brüssel ansässigen Think-Tanks Farm Europe, ins Spiel. Europas Landwirtschaft müsse offener für neue Züchtungstechniken werden, sagt Madre - und meint damit die Gentechnik. So können man die Gene heimischer Nutzpflanzen derart verändern, dass sie toleranter gegenüber Dürre und Krankheiten würden. Nur mit mehr Innovationen und Investitionen könne es Europa schaffen, Ernährungssicherheit und Wachstum zu erreichen.

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