Klimawandel: Arbeiten in extremer Hitze senkt die Produktivität | Wissen & Umwelt | DW | 01.07.2021
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Klimawandel: Arbeiten in extremer Hitze senkt die Produktivität

Studien zeigen: Hitzestress als Folge des Klimawandels könnte Arbeit in Zukunft bis zu 20 Prozent weniger produktiv machen - wenn die globale Erderwärmung nicht schnell gestoppt wird.

Indische Arbeiter trinken Wasser vor einer Wand aus Sandsäcken

Hitze ist schon jetzt in vielen Ländern ein Problem - durch die Klimakrise wird sie noch ansteigen, so Prognosen

Als die Temperaturen in Europa vergangene Woche für ein paar Tage die Marke von 30 Grad Celsius und mehr erreichten, waren die Klagen über Hitzeerschöpfung kaum zu überhören.

Doch in den vielen Ländern Afrikas, vor allem südlich der Sahara , aber auch in Südasien zwingt die globale Erwärmung die Menschen regelmäßig dazu, den größten Teil des Jahres unter großem Hitzestress zu arbeiten. Geringverdiener, die in der Landwirtschaft oder auf dem Bau beschäftigt sind und hauptsächlich im Freien arbeiten, sind besonders anfällig für Hitzestress. Die gesundheitlichen Folgen: Hitzeerschöpfung, Hitzschlag und manchmal der Tod.

Jenseits der dramatischen Auswirkungen von Hitze auf unsere Gesundheit sehen Forscher die Folgen von Hitzestress auch als ein immer stärkeres wirtschaftliches Argument für rasche Klimaschutzmaßnahmen.

Steigende Temperaturen - sinkende Produktivität

In Südafrika wird das Bruttoinnlandsprodukt (Maß für den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen - Anm.d.Red.) pro Kopf bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 20 Prozent sinken, wenn die Erderwärmung bei den heute prognostizierten 3,5 Grad Celsius liegt, so eine Studie des Euro-Mediterranean Center on Climate Change (CMCC) in Venedig von Februar.

In der Zwischenzeit dürfte Hitzestress in einem sich verändernden Klima das globale Produktivitätsniveau um umgerechnet  80 Millionen Vollzeitarbeitsplätze bis zum Jahr 2030 senken - so eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer von den Vereinten Nationen finanzierten Organisation, die sich für die Belange von Arbeitnehmern einsetzt. Mit anderen Worten: 2,2 Prozent der weltweiten Arbeitsstunden werden bis zum Ende des Jahrzehnts durch extreme Hitze verloren gehen.

In heißen Ländern Südasiens und Westafrikas, wo es viele Arbeiterinnen und Arbeiter mit niedrigem Einkommen gibt, könnte der resultierende Produktivitätsverlust sogar rund fünf Prozent betragen.

Und das ist noch konservativ geschätzt, denn der ILO-Bericht verwendet Vorhersagen, die auf einem globalen Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 basieren - ein Szenario, das im besten Fall nur durch eine schnelle Dekarbonisierung erreicht werden kann. Außerdem wird davon ausgegangen, dass die Arbeitsplätze im Bau- und Landwirtschaftssektor im Schatten liegen, was in der Realität meist nicht der Fall ist.   

Ein Mann auf einer Baustelle in der Nähe der Ägyptischen Hauptstadt Kairo trinkt aus einem Kanister

Bei Arbeit im Freien ist die Gefahr eines Hitzeschlags besonders hoch

"Bereits bei 24 bis 25 Grad Celsius beginnen unsere Produktivität und unser Tempo zu sinken", erklärt Catherine Saget, eine in Genf ansässige Forscherin und Hauptautorin des ILO-Berichts "Working in a warmer planet". Bei 35 Grad Celcius verlieren Landwirtschafts- oder Bauarbeiter mit einer "hohen körperlichen Arbeitsintensität" jede Stunde 30 Minuten ihrer Produktivität durch Hitzestress. Hitze ist jedoch nicht überall gleich, an Orten mit hoher Luftfeuchtigkeit "verschlimmert" sie sich noch.  

Tausende Tote durch extreme Hitze in Katar

Der Tod von Tausenden von Wanderarbeitern, die in den letzten zehn Jahren an der Infrastruktur für die Fußballweltmeisterschaft in Katar gearbeitet haben, hat für Schlagzeilen gesorgt. Viele von ihnen starben an den Folgen von Hitzestress.

Katar Doha Baustelle Arbeiter

Die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die FIFA-WM in Katar sorgten für viel Empörung

Die vorwiegend aus Nepal stammenden Menschen - alle in ihren Zwanzigern und Dreißigern- hätten in Katar vermutlich Herzinfarkte erlitten, für die höchstwahrscheinlich der Hitzestress bei der Arbeit verantwortlich war, so ein Bericht von Herz-Kreislauf-Experten aus dem Jahr 2019.  

Eine ILO-Studie über die Hitzebelastung in Katar zeigte, dass Bauarbeiter oft bei Temperaturen über 45 Grad Celsius und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent arbeiten - Faktoren, die durch intensive Sonneneinstrahlung noch verschlimmert werden.

Halbherzige Gesetze in Sachen Hitzeschutz

Zwar gibt es in Katar Vorschriften, die besagen, dass die Arbeit während der heißesten Tageszeit im Hochsommer einzustellen ist. Doch diese Regeln aus dem Jahr 2007 berücksichtigten nicht, dass in dem Land mindestens vier Monate pro Jahr Temperaturen über 35 Grad Celsius herrschen.

Ein aufgemaltes Bild eines Flugzeugs mit der Aufschrift Quatar auf einer Straßenwand in der Stadt Janakpur in Nepal

Mit Werbung versuchte Katar, Menschen aus Nepal als Arbeitskräfte für die WM-Baustellen zu gewinnen

Erst rund 15 Jahre später reagierten die katarischen Behörden endlich mit einem Gesetz gegen Hitzestress, das im Mai verabschiedet wurde. Das Verbot im Freien zu arbeiten, wurde von Juni bis September auf die Zeit von 10 Uhr bis 15:30 Uhr ausgeweitet. Und wenn die Temperaturen am Arbeitsplatz 32,1 Grad Celsius übersteigen, muss die Arbeit eingestellt werden.

Im Juni traten im gesamten Mittleren Osten, darunter in Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Verbote in Kraft, die das Arbeiten in den Mittagsstunden im Sommer untersagen. Für Migrant-Rights.org, einer am persischen Golf ansässigen Organisation, die sich für die Rechte von Arbeitsmigrantinnen und -migranten einsetzt, gehen diese Regeln jedoch nicht weit genug.

"Mit Ausnahme von Katar basieren die Verbote auf willkürlichen Kalenderdaten und nicht auf den tatsächlichen Tagestemperaturen, wodurch die Arbeitenden einem gefährlichen Hitzestress ausgesetzt sind", kritisiert Migrant-Rights.org im DW-Interview. So gilt das Sommerarbeitsverbot etwa in Bahrain nur von Juli bis August - doch die Temperaturen erreichten in diesem Jahr bereits im Mai, dem heißesten seit 100 Jahren, bereits einen Spitzenwert von fast 52 Grad Celsius.

Mehrere Bauarbeiter in blauen Arbeitsanzügen auf einer Baustelle in Doha

Baustelle in Doha: In vielen Staaten des Mittleren Ostens bleibt der Hitzeschutz eher halbherzig

In Katar dagegen hätten jahrelange Lobbyarbeit und ein gestiegenes Bewusstsein für das Problem von der Hitzebelastung von Bauarbeitern dazu geführt, dass die Regierung "das Thema Hitzestress jetzt besonders ernst nimmt", so Max Tunon, Leiter des ILO-Projektbüros in Katar. Die Tatsache, dass 90 Prozent der ausländischen Arbeitnehmer in Katars Baugewerbe arbeiten, habe das Thema Hitzestress stark in den Fokus gerückt.

Laut Catherine Saget gibt es auf der ganzen Welt ein "gestiegenes Interesse der Politik", sich mit dem Thema Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zu befassen, also auch mit der Hitzebelastung. Auslöser dieses neuen Interesses sei in erster Linie der Fabrikbrand 2013 im Rana Plaza in Bangladesch gewesen. Damals kamen tausend Menschen ums Leben - vor allem Näherinnen, die für die internationale Textilindustrie tätig waren.

Hitzestress verschärft Armut

Geringverdienende und Geringqualifizierte, die bereits jetzt unter der zunehmenden wirtschaftlichen Ungleichheit leiden, tragen die Hauptlast in Sachen Hitzestress.

"Geringqualifizierte sind den Elementen stärker ausgesetzt", sagt Shouro Dasgupta. Der Forscher und Dozent am CMCC ist Mitautor zahlreicher Berichte über dieAuswirkungen von Hitzestress auf die Arbeit in Südafrika und Uganda. Fazit: Weil sie in einer sich aufheizenden Welt immer weniger lange arbeiten können, werden die Armen noch weniger Geld durch ihre Arbeit verdienen können.

Eine Familie in Südafrika steht auf einem völlig ausgetrockneten Stück Land

Hohe Temperaturen und Dürren machen den Anbau von Lebensmitteln in manchen Regionen Südafrikas schon jetzt fast unmöglich

Wie Studien aus Uganda zeigen, reduziert die Armut den Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln und damit zu ausreichenden Kalorien, die der menschliche Körper benötigt, um kühl zu bleiben und ein gleichbleibendes Produktivitätsniveau aufrechtzuerhalten.

Forscher rechnen mit vielen Hitze-Flüchtlingen

Das sei ein Teufelskreis, der sich wahrscheinlich fortsetzen werde, da es in den meisten afrikanischen Ländern südlich der Sahara und im südlichen Asien keinerlei Schutz vor der Belastung durch Hitze gebe, fügt Shouro Dasgupta hinzu. Dies werde letztlich zu einer demografischen Verschiebung in die bereits überfüllten Städte führen. "Die Menschen werden aus heißeren und ärmeren Gebieten in reichere und kühlere Gebiete ziehen."

Eine Möglichkeit, die vielfältigen Folgen von klimabedingtem Hitzestress zu bekämpfen, sei der Klimaschutz, sagt Tord Kjellstrom, Honorarprofessor am Institute for Global Health des University College London und Autor zahlreicher Studien über Hitzebelastung am Arbeitsplatz.

"Die wirtschaftlichen Verluste könnten größer sein als die Kosten für die Umstellung der Stromproduktion auf erneuerbare Energien", sagte er. "Solche Daten könnten die Länder, die viele Treibhausgase emittieren, überzeugen, den Klimaschutz in ihrem eigenen nationalen Interesse zu beschleunigen."

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