Klimaschutz durch weniger Lebensmittel in der Mülltonne | Global Ideas | DW | 24.04.2019
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Klimaschutz durch weniger Lebensmittel in der Mülltonne

Ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel landet nie auf einem Teller. Dieser "Food Waste" verschwendet wertvolle Ressourcen und schadet massiv dem Klima.

Jonas Korn rettet in Leipzig Lebensmittel vor der Mülltonne. Hier holt er gerade die unverkauften Backwaren nach Ladenschluß von einer Bäckerei ab.

Jonas Korn rettet in Leipzig Lebensmittel vor der Mülltonne

An dem Tag, als Jonas Korn Backwaren vor der Mülltonne retten will, regnet es in Strömen. Es ist Samstag, 12 Uhr, Ladenschluss in der Bäckerei Falland im Leipziger Süden. Fünf Backbleche mit Kuchen, Donuts und Obstschnitten hat die Verkäuferin bereits an einem langen Tresen im Eingangsbereich aufgereiht. Dahinter stapeln sich zehn randvolle Bäcker-Kisten mit Brötchen, Croissants und Broten. "Wenn man das hier alles in eine Mülltonne packen würde, wäre die randvoll – eine 120-Liter-Mülltonne", überlegt der 26-jährige Student laut.

Damit die unverkauften Backwaren nicht in die Tonne wandern, sondern verteilt und zeitnah verspeist werden können, ist Jonas in Begleitung von drei weiteren Mitstreiterinnen der Organisation Foodsharing unterwegs. Die Online-Plattform vernetzt über 50.000 Lebensmittelretter mit Betrieben, die Lebensmittel kostenfrei abgeben wollen, statt sie wegzuwerfen.

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"Schätzungen aus dem Jahr 2011 zufolge, landet ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel auf dem Müll", sagt Rosa Rolle, Projektleiterin des Food Loss and Food Waste-Programms der Welternährungsorganisation FAO.

Insgesamt sind das 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr, die nicht gegessen werden. Zusammengenommen haben diese Lebensmittelabfälle einen CO2-Fußabdruck von 3,6 Gigatonnen Kohlendioxid, schätzt die FAO.

Noch nicht eingerechnet sind hier die CO2-Emissionen, die entstehen, wenn Wälder gerodet werden - etwa für die Viehhaltung oder um Soja- oder Palmölplantagen anzulegen. Wäre die Lebensmittelproduktion ein Land, wäre sie damit nach den USA und China der drittgrößte CO2-Emittent der Welt.

Wer viel hat, wirft viel weg

Den meisten Essensmüll produzieren die einkommensstarken Industrieländer. So werfen laut Schätzungen der FAO die Einwohner Europas im Schnitt 95 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr weg. In den einkommensschwächeren afrikanischen Ländern südlich der Sahara sind es lediglich 6 Kilogramm.

Infografik Lebensmittelverschwendung durch Konsumenten DE

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Vegetarier, die Klimaretter?

Manche Lebensmittelgruppen sind dabei per se ressourcenintensiver als andere. Fleisch ist der mit Abstand größte Klimakiller unter den Lebensmitteln, was unter anderem daran liegt, dass Rinder und andere Wiederkäuer große Mengen Methan generieren - ein Klimagas, das rund 25-mal klimaschädlicher ist als CO2. Im Fall von Kühen sind es mehrere hundert Liter des Gases jeden Tag. Dadurch werden pro Kilogramm Rindfleisch umgerechnet gut 13 Kilogramm CO2 freigesetzt, sagt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Bei einem typischen Mischbrot sind es dagegen nur 0,75 Kilogramm CO2. 

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Weggeworfenes Fleisch ist dadurch klimatechnisch gesehen um ein Vielfaches problematischer als die meisten anderen pflanzlichen Lebensmittel. Das macht es umso schlimmer, dass 20 Prozent der weltweit erzeugten Fleisch- und Wurstwaren im Müll landen. Diese Menge entspricht laut FAO umgerechnet 75 Millionen Kühen pro Jahr.

Lebensmittelabfälle sind eine riesige Ressourcenverschwendung und schaden dem Klima.

Die Mengen an Lebensmitteln, die jedes Jahr weltweit weggeworfen werden, sind gigantisch

Wohin mit den Lebensmittelmüllbergen?

"Trotz einiger Fortschritte und guter Initiativen zur Umverteilung landen immer noch zu viele Lebensmittel auf Müllhalden. Und dort tragen sie dazu bei, dass noch mehr klimaschädliche Gase in die Atmosphäre entweichen", sagt Rolle. Das Problem: Egal ob Brot oder Fleisch - auf Abfalldeponien heizen Lebensmittelabfälle den Klimawandel weiter an, denn organische Abfälle verrotten dort und setzen das klimaschädliche Methangas frei.

"Innerhalb der EU ist das beispielsweise in dem kleinen Inselstaat Malta noch immer der Fall", weiß Dr. Stefanie Siebert vom European Compost Network (ECN). Der Verein ist ein Interessenverband europäischer Unternehmen aus der Bioabfall-Branche. Methangase aus Deponien können zwar eingefangen und zur Stromerzeugung verwendet werden, aber das geht erst, wenn die Deponie geschlossen ist. "So lange noch Abfall auf die Deponie gefahren wird, entweichen die klimaschädlichen Gase ungehindert in die Atmosphäre", sagt sie. Doch was sind die Alternativen?

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Auf Müllhalden ist es unmöglich, das beim Verrotten der Lebensmittel entstehende Methangas einzufangen und zu nutzen, solange die Deponien noch aktiv genutzt werden

Auf Müllhalden entweicht das beim Verrotten der Lebensmittel entstehende Methangas in die Atmosphäre. Biogasanlagen sind eine bessere Alternative

Lebensmittel als Rohstoff für Ökostrom?

"Zuallererst muss man versuchen, Lebensmittelabfälle zu vermeiden", so Siebert, und der eigene Kompost im Garten sei sicher auch ein guter Beitrag. Aber letztendlich geht es nicht ohne eine umweltfreundliche Verwertung der Lebensmittelabfälle auf industriellem Niveau. Das kann beispielsweise in Biogasanlagen geschehen. Hier können die gasförmigen Zerfallsprodukte der Lebensmittelabfälle viel effektiver genutzt werden als auf der Deponie. Es entstehen fortlaufend Strom und Wärme, die je nach Anlage auch ins Netz eingespeist werden können. Übrig bleibt das Gärprodukt, eine Art Schlacke: "Dieses Restprodukt aus den Biogasanlagen ist sehr flüssig", sagt Siebert. Mit holzigem Material nachkompostiert, kann man daraus einen hochwertigen Kompost herstellen. Doch bisher werden nur 17 Prozent des organischen Mülls innerhalb der EU kompostiert oder vergärt.

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Das geschieht unter anderem auch in Leipzig, ist aber für Jonas Korn und seine drei Begleiterinnen kein Grund, Lebensmittel zu verschwenden: "Dann könnte man auch gleich den ganzen Supermarkt in die Biogasanlage werfen", scherzt Korn, der gerade schwer zu schleppen hat. Die vier tragen jeweils drei bis vier große, prall gefüllte Taschen aus der kleinen Bäckereifiliale heraus. "Manches esse ich selbst, vieles verteile ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, sagt Carolina, eine junge Frau, die ebenfalls fleißig eingepackt hat. Aber soziale Einrichtungen gehen vor, betont Korn.

Er überprüft nochmal, ob alle Taschen gut im Fahrradanhänger gesichert sind. Der Regen hat nicht nachgelassen. "Hoffentlich wird nix nass", überlegt er kurz und radelt davon.

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