Klassiker für alle: Reclam-Museum öffnet in Leipzig | Bücher | DW | 23.10.2018
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Literatur

Klassiker für alle: Reclam-Museum öffnet in Leipzig

Shakespeare, Goethe oder Rilke im handlichen Taschenformat: Das gelbe Reclam-Heft kennt jeder deutsche Schüler. Nun bekommt es ein Museum. Initiator Hans-Jochen Marquardt findet ein Leben ohne die Taschenbücher sinnlos.

Deutsche Welle: Herr Marquardt, Reclam und Leipzig verbindet eine lange Geschichte, hier wurde der Verlag vor 190 Jahren gegründet. Seitdem gibt es Klassiker der Literatur im Taschenbuchformat, handlich, viele von ihnen in leuchtendem Gelb. Was ist das Erfolgsgeheimnis des Reclam-Verlags?

Hans-Jochen Marquardt: Ich denke, es ist die Mischkalkulation. Es wurde nicht nur die sogenannte hohe Literatur gedruckt, sondern auch, was gefällig ist, was man mag. Es sind außerdem handliche, preiswerte Bücher und die Hemmschwelle gegenüber großen Namen in der Literatur ist relativ gering. Es ist etwas anderes, ob ich Goethe und Tolstoi in einer Prachtausgabe oder einem Reclam-Heft gegenüber stehe. Außerdem hat Reclam immer sehr zielgruppenorientiert gearbeitet, die Zielgruppe sind Studierende und Schülerinnen und Schüler, aus guten Gründen: Man druckt die Texte nicht einfach nach, sondern legt größten Wert auf die Textgestalt, die bei jeder Neu- und Nachauflage überprüft wird. Und die Kommentierungen sind sehr gut. Neulich hat mich jemand gefragt, ob es möglich sei, ohne Reclams Universalbibliothek Literatur zu studieren.

Was haben Sie geantwortet?

Das ist ein bisschen wie bei Loriot: Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.

Reclams Universalbibliothek existiert seit 151 Jahren. Welcher Titel ist der älteste im Reclam-Museum?

Es hängt davon ab, wie man herangeht: Das älteste Heft der Universalbibliothek, das gedruckt wurde, ist die Nummer 5, nicht die Nummer 1. Die Nummer 5 ist Shakespears "Romeo und Julia", das wurde bereits im März 1865 gedruckt, also zwei Jahre, bevor es mit der Nummer 1 - "Faust I" - und anderen am 10. November 1867 ausgeliefert wurde. Reclam hat also auf Halde gedruckt. Wenn wir nach dem Datum des Erstdrucks gehen, ist die Nummer 5 das älteste Heft, das wir im Museum haben. Bei der Nummer 1 in erster Auflage gibt es wohl nur noch drei Exemplare weltweit: eines im Archiv des Reclam-Verlags, eines im Besitz der Stadt Leipzig im stadtgeschichtlichen Museum und das dritte ist im Besitz der Ur-Ur-Enkelin des Verlagsgründers.

Die Bände im Museum stammen aus Ihrer Privat-Sammlung. Ihr Vater war Leiter des Reclam-Verlags in der DDR: Können Sie sich an Ihr erstes Reclam-Heft erinnern?

Ich bin nicht bei meinem Vater aufgewachsen, meine Eltern waren geschieden. Ich hatte Kontakt zu ihm, trotzdem hat er mit meiner Sammlung nichts zu tun. Natürlich bin ich durch seinen Beruf zum Thema gekommen, er hat mir auch als Kind einige Reclam-Hefte gebracht, das erste war "Faust I", aber auch "Die Abenteuer des Till Eulenspiegel" und "Das Nibelungenlied".

In welchem Alter haben Sie bewusst angefangen, zu sammeln?

Ich habe mit 14 angefangen, die ersten Hefte bekam ich ungefähr mit 12. Das waren Stoffe, die man gerade in dieser Jugendzeit verschlingt, in einem Alter, in dem man auf die großen Fragen Antworten sucht, da ist "Faust" eine große Hilfe.

Wohl alle Schüler in Deutschland haben irgendwann eines der gelben Hefte im Ranzen gehabt. Sie werden gehasst oder geliebt. Können Sie sich noch an Ihr erstes Buch in der Schule erinnern oder kannten Sie die alle schon von Zuhause?

Nein, ich kannte nicht alle. Was im Unterricht mit Reclam-Heften behandelt worden ist, waren Lessings "Emilia Galotti", "Wieviel Erde braucht der Mensch?" von Tolstoi, Friedrich Wolfs "Die Matrosen von Cattaro" und "Dubrowski" von Puschkin.

Verlagsgründer Anton Philipp Reclam muss ein selbstbewusster Mann gewesen sein, sein Slogan lautete: Reclam braucht keine Reklame. Hat sich daran etwas geändert?

Ein tolles Wortspiel! Ein Unternehmen, das damit Reklame macht, keiner zu bedürfen, hat es natürlich geschafft. Insofern gilt es nach wie vor, es gibt kaum jemanden im deutschsprachigen Raum, der nicht im Laufe seines Lebens mit dieser Universalbibliothek konfrontiert worden wäre.

Was sind die Höhepunkte in Ihrem Museum, auch für Sie beim Kuratieren?

Zunächst gibt es einen Überblick über die Vorgeschichte und die Geschichte bis zur Gegenwart. Wir stellen auch Nebenreihen vor, die man landläufig nicht so kennt. Reclam hat für jeden Geldbeutel und Geschmack produziert: in Leder, Halbleder, in Leinen gebunden, in Pergament, in abwaschbarem Pergamentkarton. Ein herausragendes Objekt ist die Druckfreigabe von Hermann Hesses Erzählung "In der alten Sonne", von ihm persönlich 1943 unterzeichnet. Von Thomas Manns Festrede zum 100. Verlagsjubiläum 1928 in Leipzig, gehalten im Alten Theater, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, gibt es eine Lithographie von Eugen Spiro: Thomas Mann am Rednerpult. Die haben beide signiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Stuttgart eine Dependance gegründet, 1950 wurde sie Stammsitz, während Reclam in Leipzig unter staatliche Verwaltung kam. Nach der Wende fanden beide Häuser zusammen, der Reclam-Verlag zog jedoch aus Leipzig weg. Schließt die Eröffnung des Museums einen Kreis zur Stadt?

Ja, denn der Verlag ist seit 2006 nicht mehr in Leipzig zugegen, was natürlich bitter war für Leipzig als Buchstadt. Das ist alles eine Folge des Zweiten Weltkriegs, weil viele Verlage von großer Bedeutung nicht mehr nach Leipzig zurückgekehrt sind, mit Ausnahme des Musikverlags Edition Peters - aber Reclam, Insel, Brockhaus und viele andere eben nicht. Reclam hatte acht, neun Jahre vor dem Mauerfall in Ditzingen bei Stuttgart ein neues Verlagsgebäude eingeweiht, insofern überlegt man es sich dann, ob man zurückkehrt. Die im Museum gezeigten Bücher aus der Zeit bis 1945 waren allemal in Leipzig und sind aus aller Welt zusammengetragen worden: aus Budapest, Prag, Riga, Windhouk, Johannesburg, Ljubljana, Sydney, den USA. Seit über 50 Jahren sammele ich Reclams Universalbibliothek, überall suche ich Antiquariate auf. Da entdeckt man natürlich einiges.

Bücher erfreuen sich noch immer einer großen Nachfrage. Trotzdem müssen sich alle Verlage der Digitalisierung stellen: Bedroht sie auf lange Sicht das gelbe Heft?

Ich glaube es auf gar keinen Fall. Es gab in den 1920er Jahren von Brecht eine Theorie über das Radio, weil man die Befürchtung hatte, das Schauspiel und das gedruckte Buch könnten aussterben. Dann kam das Fernsehen, dann das Internet - es gibt das Buch und das Theater immer noch. Es gibt außerdem das haptische Bedürfnis, das gedruckte Buch in der Hand zu halten. Und zum Zweiten möchte auch nicht jeder gerne etwas am Bildschirm lesen. Man hat, frei nach Goethe, lieber das, was man Schwarz auf Weiß nach Hause tragen kann.

Hans-Jochen Marquardt ist Vorsitzender des Vereins Literarisches Museum in Leipzig. Er ist Initiator des Hauses, in dessen Mittelpunkt "Reclams Universal-Bibliothek" als älteste noch existierende deutschsprachige Taschenbuchreihe steht.

Das Reclam-Museum eröffnet am 24. Oktober 2018 in Leipzig.

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