Kevin Kuranyi: ″Wo ist die Dominanz der deutschen Elf?″ | Sport | DW | 26.06.2018
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WM 2018

Kevin Kuranyi: "Wo ist die Dominanz der deutschen Elf?"

Ex-Nationalspieler Kevin Kuranyi ist noch nicht überzeugt von der Trendwende im DFB-Team. Gegen Südkorea fordert er in seiner WM-Kolumne personelle Umstellungen, mehr Souveränität - und Selbstbewusstsein à la Kroatien.

So eine WM kann auch mal persönliche Sehnsüchte neben dem reinen Erfolgserlebnis des Lieblingsteams erfüllen. Auf dem Flughafen von Kasan war es jetzt bei mir soweit. Ich habe erstmals und ganz zufällig Carlos Valderrama getroffen, meinen kolumbianischen Helden der WM 1994. Seine Spielweise - und auch seine Haare - haben mich früher fasziniert. Also bin ich zu ihm hingegangen und habe ihn um ein Foto gebeten. Er hat mich etwas verdutzt angeschaut und wohl gedacht: 'Den habe ich schon mal irgendwo gesehen...' Erkannt hat er mich letztlich aber nicht. Für ihn war ich dann auch nur ein normaler Fan, der ein Foto mit ihm machen wollte. Und der war ich in diesem Moment auch: Für mich ist am Flughafen Kasan ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen. 

Der deutschen Mannschaft fehlt noch viel

Wie ein Traum war für mich auch das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Schweden. Ich habe beim Last-Minute-Sieg in Sotschi gebangt und total mitgefiebert. Aber ehrlich gesagt: Auch wenn das deutsche Spiel in der zweiten Halbzeit gegen die Skandinavier besser geworden ist und Toni Kroos ganz Deutschland und natürlich auch mich mit seinem spektakulären Treffer erlöst hat - da fehlt noch viel. Die deutsche Mannschaft muss ihre Souveränität zurückgewinnen. Wo ist die spielerische und körperliche Dominanz, die die Mannschaft in der Vergangenheit ausgezeichnet hat?

Aber Respekt vor Toni Kroos, der in solch einer Situation die Nerven behalten und Verantwortung übernommen hat, ein echter Führungsspieler. Apropos Torgefahr: Meiner Ansicht nach wird es Zeit, dass Mario Gomez die Chance bekommt, von Beginn an zu spielen. Denn seine Torgefährlichkeit hat er jetzt in beiden WM-Partien angedeutet. Wo ist dagegen Thomas Müller? Ich habe ihn in beiden Spielen kaum wahrgenommen. Auch Julian Draxler bleibt bislang blass. Ich glaube, er müsste weiter hinten, im zentralen Mittelfeld spielen, damit er seine Fähigkeiten voll einbringen kann. Da sollte Joachim Löw etwas umstellen. 

WM 2018 Russland | Thomas Müller (picture-alliance/dpa/sampics/S. Matzke)

Es müllert noch nicht: Kevin Kuranyi hat Thomas Müller bisher "kaum wahrgenommen"

Ich hoffe und glaube allerdings, dass die deutsche Elf einen mentalen Schub aus dem letzten Spiel mitgenommen hat. So ein Erlebnis gibt den Spielern viel Kraft und Euphorie. Gegen Südkorea gilt es jetzt, die Konzentration hochzuhalten und mit viel Selbstbewusstsein in die Partie zu gehen. Aber es wird auch ein ganz schweres Spiel.

Kroatien spielt mit einem Weltklasse-Doppelherz

Die Leichtigkeit, die der deutschen Mannschaft bislang gefehlt hat, legt dagegen das kroatische Team an den Tag. Die Mannschaft ist bärenstark; die Kroaten zeigen Charakter. Kroatien hat mit Ivan Rakitic und Luka Modric ein Weltklasse-Doppelherz im Zentrum. Vor allem für Ivan freut es mich, mit dem ich ja beim FC Schalke 04 zusammengespielt habe. Vor der WM hatte ich mit ihm noch telefoniert. Da war er bereits sehr zuversichtlich. Er scheint Recht zu behalten. Die Kroaten haben einige weitere echte Typen im Team: Dejan Lovren, Mario Mandzukic, Ante Rebic. Das ist ein wichtiger Teil des Erfolgsgeheimnisses - Kroatien hat Spieler, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzen. Für mich ist das Team ein gar nicht mehr so geheimer Favorit auf den Titel.

Kevin Kuranyi begleitet die WM in Russland als DW-Kolumnist und TV-Experte der ARD. Er besitzt drei Staatsbürgerschaften von WM-Teilnehmern: Deutschland, Panama und die seines Geburtsland Brasilien. Für die DFB-Elf hat er 52 Spiele absolviert, wurde 2008 mit ihr Vize-Europameister. Nach einem Zerwürfnis mit Bundestrainer Joachim Löw, das Kuranyi im DW-Interview als "größten Fehler, den ich in meiner Fußballkarriere gemacht habe", bezeichnete, spielte er fünf Jahre lang in Russland und beendete 2017 seine aktive Laufbahn.

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