Kein Frieden für Akademiker in der Türkei | Deutsch-jüdisches Kulturerbe in der Türkei | DW | 29.04.2019
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Türkei

Kein Frieden für Akademiker in der Türkei

"Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein", heißt es in einem Aufruf von türkischen Akademikern - sie kritisierten eine Militäroffensive in den Kurdengebieten. Hunderte wurden daraufhin entlassen oder verurteilt.

Zafer Güzey arbeitet dreimal die Woche in einem Atelier für Saiteninstrumente. Der 49-Jährige sitzt gebückt auf einem hölzernen Schemel. Mit stoischer Ruhe und viel Fingerspitzengefühl werkelt er an einem Griffbrett. Er bohrt, schleift und leimt mit minutiöser Genauigkeit - aus verschiedenen Hölzern entsteht nach und nach eine Viola. Letztes Jahr habe er einen internationalen Preis gewonnen, "für die Viola mit der schönsten Ästhetik und dem schönsten Klang", zitiert Güzay stolz das Urteil der Jury. Nebenbei hat er ein Restaurant für "Cig Köfte" eröffnet - kräftig gewürzte, rote Weizenbällchen, in der Türkei eine Delikatesse. Das ließe sich gut mit dem Geigenbau verbinden, meint er, denn die Wände in dem Imbiss könne er mit seinen Instrumenten schmücken. 

Zafer Güzey (DW/B. Karakas)

Zafer Güzey - vom Akademiker zum Geigenbauer

Eigentlich ist Güzay weder Geigenbauer, noch Verkäufer in einem Imbiss. Er war 21 Jahre lang Professor an der Anadolu Universität in der anatolischen Stadt Eskisehir. Bis vor gut einem Jahr. Weil er im Januar 2016 die Petition "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein" unterschrieb, verlor er seinen Job. "Zunächst wurde mein Arbeitsvertrag nicht verlängert, dann wurde ich per Notstandsdekret entlassen", berichtet Güzay.

Entlassungen per Notstandsdekret

Ähnlich wie ihm erging es vielen der rund 2200 Kollegen, die ebenfalls den Friedens-Aufruf der "Akademiker für den Frieden" 2016 unterschrieben. Der von ursprünglich 128 Professoren initiierte Aufruf kritisierte eine Großoffensive des türkischen Militärs im Südosten der Türkei. Im Sommer 2015 begannen blutige Ausschreitungen gegen die verbotene Terrororganisation PKK. Auch viele Zivilpersonen litten unter dem Einsatz, denn die Regierung verhängte monatelange Ausgangssperren. "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein. Wir fordern, dass der Staat seine Gewalt gegen seine Bürger beendet. Als Akademiker dieses Landes erklären wir, dass wir keine Komplizen dieses Massakers sein werden", lautete die Stellungnahme der Akademiker.

Die Aktion blieb nicht ungestraft. "Wir werden sicherlich nicht die Erlaubnis von diesen Möchtegern-Akademikern einholen. Diese sollten ihre Grenzen kennen", lautete die Reaktion des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Auch die türkische Justiz konnte der Aktion nicht viel abgewinnen: Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden tausende Staatsbedienstete per Notstandsdekret entlassen, weil sie verdächtigt wurden, Verbindungen zu Terrororganisationen zu haben. Dabei traf es auch viele Unterzeichner des Aufrufs der Akademiker für den Frieden - sie wurden mit Entlassungen, Verhören und Prozessen konfrontiert. Seit Dezember 2017 wurden 549 Akademiker entlassen, gegen 505 von ihnen wurden Disziplinarverfahren eingeleitet und gegen 691 Akademiker laufen bereits Prozesse. 32 von ihnen wurden zu bis zu drei Jahren Haft verurteilt. 

Waren die Gerichtsprozesse ordnungsgemäß?

Die Istanbuler Politikwissenschaftlerin Füsun Üstel von der Galatasaray Universität ist die erste Unterzeichnerin, die ihre Strafe antreten muss - ein Istanbuler Gericht hat sie zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt.

Prof. Füsun Üstel (DW/B. Karakas)

Füsun Üstel wird die erste "Akademikerin für den Frieden" sein, die ins Gefängnis kommt.

Die Akademiker für Frieden beklagen jedoch, dass die gerichtlichen Verfahren nicht ordnungsgemäß abgelaufen seien. "Der Prozess ist reine Fiktion. Wir sind unschuldig. Der Gerichtsprozess ist eine Schande für unsere Gesellschaft", beklagt sich der Verfassungsjurist Ibrahim Kaboglu. Er wurde selber von seiner Fakultät entlassen, nachdem er den Aufruf unterschieben hatte. Auch Anwalt Ali Soydan, der zwanzig der angeklagten Akademiker vertritt, zeigt sich skeptisch über den Ablauf des Verfahrens. Die Anklagen seien bei all seinen Mandanten identisch gewesen (Terrorvorwurf), die Strafen jedoch grundverschieden. 

Die entlassenen Akademiker für Frieden gehen heute den verschiedensten Berufen nach, um weiterhin durchs Leben zu kommen - diejenigen, die keine Ausreisesperre erhielten, sind ins Exil gegangen. Gegen den Geigenbauer und Restaurant-Gründer Zafer Güzey wurde noch kein Gerichtsverfahren eröffnet. Ob er jemals an die Universität zu seinem alten Beruf zurückkehren wird, ist für ihn ungewiss. Dennoch gibt er sich optimistisch. "Das Leben geht weiter, am Ende werde ich bestimmt wieder zurückkehren", sagt er. Dass man ihn von seinen Studenten getrennt habe, bereite ihm jedoch großen Trauer.