Kann Nasenspray süchtig machen? | Wissen & Umwelt | DW | 14.10.2020
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Erkältungskrankheiten

Kann Nasenspray süchtig machen?

Schnupfen? Nase zu? Das Atmen fällt schwer? Da greifen wir schon mal zu Nasenspray, das macht die Nase frei. Aber einige werden dadurch zum Nasenspray-Junkie, und das kann durchaus unangenehm sein.

Sich bei einer verstopften Nase eine oder zwei Wochen lang mit abschwellendem Nasenspray Luft verschaffen, das machen viele von uns. Nach Meinung von HNO-Ärzten ist das auch vollkommen in Ordnung. Es schafft Erleichterung, wenn bei einem Schnupfen nicht mehr die ganze Nase zu und blockiert ist, wenn wir endlich mal wieder durchatmen können und entzündliches Sekret aus den Nebenhöhlen abfließen kann. Nasensprays sind eine beliebte und effektive Lösung, zumindest wenn wir es nicht übertreiben. 

Fließender Übergang

Nasenspray sorgt dafür, dass die Schleimhäute bei Erkältung und Schnupfen abschwellen. "Die Nasenmuscheln haben stark durchblutete Gefäße. Darauf wirken die Nasensprays", sagt Thomas Deitmer von der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. "Die Gefäße verengen sich, die Nasenmuscheln schwellen ab. Dadurch wird der Luftweg in der Nase freier." Bei den gängigen Sprays handele sich um Adrenalin-ähnliche Wirkstoffe, so der HNO-Arzt weiter. "Aber es sind keine, auf die Psyche einwirkenden, suchterzeugenden Medikamente." 

Die Riechzellen liegen in der Nasenschleimhaut unterhalb der knöchernen Siebbeinplatte (Wissen Media Verlag/picture-alliance)

Unsere Nase ist ein kompliziertes und äußerst empfindliches Organ

Wenn man die Nase voll hat

Die meisten Nasensprays enthalten vor allem Xylometazolin oder Oxymetazolin. Diese gehören zu den sogenannten Sympathomimetikawirkstoffen . Durch diese Stoffe ziehen sich die Blutgefäße zusammen, die unangenehme Schwellung geht zurück. Wir können tief durchatmen. Aber unsere Schleimhäute gewöhnen sich schnell an eine tägliche Dosis des Sprays, das ein so gutes Gefühl vermittelt.

Video ansehen 02:26

Nasenspray-Abhängigkeit - aus und vorbei!

Das kann zum sogenannten Rebound-Effekt führen, zu einem Teufelskreis: Je häufiger wir Nasenspray benutzen, umso schneller lässt die Wirkung nach und umso schneller benötigen wir eine neue Dosis. Irgendwann hilft aber auch die nicht mehr und es kann zu einem chronischen Schnupfen kommen mit ausgetrockneten Schleimhäuten, die nur noch sehr schwer feucht gehalten werden können.

Viele Betroffene verabreichen sich mindestens dreimal pro Tag eine Portion Nasenspray, viele wohl ohne groß darüber nachzudenken. Schließlich steht Nasenspray nicht auf der Liste der Suchtmittel und Drogen.

Nur eine Gewohnheit oder schon Sucht?

Das Gefühl, dass die Nase komplett dicht ist, verschwindet, wenn wir Nasenspray verwenden. Nimmt diese Wirkung ab, greifen wir zu einer weiteren Dosis. Das kann zu einer unendlichen Geschichte führen. Wer immer öfter und immer mehr Nasenspray nimmt, tut sich und seiner Nase auf Dauer nichts Gutes. Die Nase gewöhnt sich an die angenehme Wirkung und will immer mehr davon. 

Symbolbild | Kokain und Geld (picture-alliance/blickwinkel/McPHOTOs)

Anders als Nasenspray hat Kokain ein enorm hohes Suchtpotential

Die Grenzen zwischen reiner Gewohnheit und Abhängigkeit seien dabei oft fließend, gibt Heino Stöver  vom Institut für sozialwissenschaftliche Suchtforschung in Frankfurt (ISFF) zu Bedenken. "Nasensprays haben einen angenehmen Effekt, der unserer Stirn sozusagen Klarheit verschafft und an den man sich durchaus gewöhnen kann."

Stöver weiß, wovon er spricht. Er kann auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. "In meiner Jugend habe ich selber jahrelang Nasensprays im Übermaß benutzt: zwei bis drei Stöße Spray jeden Tag und das über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren. Davon habe ich trockene Nasenschleimhäute bekommen. Erholt haben sie sich davon bis heute nicht", erzählt der heute 64-jährige.

Er habe Nasenspray zu einer Zeit genommen, als es darüber kein Problembewusstsein gab. Man sei relativ unbedarft damit umgegangen. Heute weiß man, dass alles, was über einen Zeitraum von zwei Wochen hinausgeht, verschiedene negative Effekte haben kann. "In der Gefährlichkeitsskala aber würde ich Nasensprays eher am unteren Rand ansiedeln und nicht davon sprechen, dass es ein riesiges Suchtpotential hat", sagt der Experte. 

Das Pharmakon alleine schaffe noch keine Abhängigkeit. Der ständige Gebrauch von Nasenspray gelte nicht als Sucht, sei aber grenzwertig, sagt Stöver.

"Diese Medikamente haben keine psychotrope Wirkung, wie etwa Kokain, Cannabis oder auch Alkohol. Sie verlieren vielmehr an Wirkung", erläutert der HNO-Arzt Deitmer. "Das wiederum führt dazu, dass die Leute nicht mehr dreimal am Tag Spray in ihre Nasen sprühen, sondern vielleicht achtmal. " 

Illustration Geruch (Picture alliance/dpa/O. Berg)

Ganz unangenehm wird es, wenn sich eine sogenannte Stinkenase entwickelt

Wenn's einem so richtig stinkt

Die Wirkung von Nasenspray lässt schrittweise nach bis sie überhaupt keinen Effekt mehr hat. Was bleibt, sind trockene Schleimhäute, und die können ihre Schutzfunktion nicht mehr erfüllen. Unsere Nasenschleimhaut ist dazu da, Keime abzuwehren, und dafür ist Feuchtigkeit nötig.

Durch den Dauergebrauch von Nasenspray ist die Nasenschleimhaut so ausgedünnt, dass die Nase die Atemluft nicht mehr richtig anfeuchten kann. Aber genau das ist der Zweck unserer Nase, dass sie die Luft, die wir einatmen, anwärmt, reinigt und anfeuchtet. "Wenn sie das nicht mehr leistet, entstehen in der Nase viele Borken , die sich dann typischerweise bakteriell infizieren", weiß Deitmer. Es kann beispielsweise zur sogenannten Ozaena kommen, zu einer Stinknase. Die Bakterien, die in die Nase gelangen, verursachen einen fauligen Geruch", erklärt Deitmer. Die Nase stinkt.Die Betroffenen selbst riechen es meist nicht, wohl aber die Menschen in ihrer engeren Umgebung. Nasensprays sind da keine Lösung, sondern die Ursache. 

Symbolbild Geruchssinn (Fotolia/Jürgen Fälchle)

Nasenspray kann Einfluss auf den Geruchssinn haben

Von der Gewöhnung zur Entwöhnung

"Wenn es einem nicht gut geht oder man sich nicht wohlfühlt, dann merkt man, wie wichtig diese eine Substanz, das Nasenspray, im Alltagsleben geworden ist und dass man gar nicht leicht ohne sie auskommen kann. Sie fehlt einem einfach", erklärt Stöver. Bei so manch einem könne da schon regelrechte Verzweiflung aufkommen, wenn kein Nasenspray zur Hand ist. 

Eine Strategie vom Nasenspray loszukommen, ist sicherlich, das Mittel auszuschleichen, es sehr bewusst zu nehmen und immer weniger zu nehmen. Notfalls könne man ja sogar Buch darüber führen, wann man die letzte Dosis genommen hat, ob es überhaupt irgendwelche Krankheitszeichen gab oder ob man es einfach so reiner aus Gewohnheit weiter genommen hat, erklärt Stöver. Eine regelrechte Therapie, womöglich mit stationärem Aufenthalt gebe es nicht. Das muss jeder selber schaffen.

Video ansehen 03:23

Studiogespräch mit Dr. Rainer Stange: Nasenspray-Abhängigkeit vermeiden

Es könnte schlimmer kommen

Am besten funktioniert die Entwöhnung mit Meersalz-Spray, einer natürlichen Substanz. In dieser Phase haben viele dann immer wieder mit einer verstopften und trockenen Nase zu kämpfen. Aber vor dem erneuten Griff zum Fläschchen ist es ratsam, zum Arzt zu gehen.

Denn hinter trockener Nasenschleimhaut können sich ernsthafte Krankheiten verbergen und die sind im schlimmsten Fall nicht so harmlos wie ein Schnupfen. "Man muss versuchen herauszufinden, warum der Patient eine verstopfte Nase hat. Es kann sein, dass es in seiner Nase Schleimhautpolypen gibt. Die können wir dann vielleicht operativ entfernen", erläutert Deitmer. "Es kann aber auch sein, dass der Patient eine allergische Erkrankung hat, die dazu führt, dass sich die Nase zusetzt." Das könne man dann allergologisch untersuchen und einen entsprechenden therapeutischen Ansatz finden.

Eine weitere mögliche Ursache für eine ständig verstopfte Nase kann auch eine verkrümmte Nasenscheidewand sein. Die können Chirurgen operativ begradigen. Schlimmstenfalls könne es Tumoren in der Nase geben, aber das sei äußerst selten, so Deitmer.

Klar sei aber, dass eine ständig verstopfte Nase die Betroffenen schon beeinträchtige. "Man hat einen trockenen Mund, man schnarcht möglicherweise nachts und schläft nicht gut." Mehrmals täglich Nasenspray in unser Riechorgan zu befördern, ist aber offenbar keine Lösung, schon gar nicht in großen Mengen.

Der Arzt und Naturforscher Paracelsuswusste schon vor rund 500 Jahren: "Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift - allein die Dosis macht, das ein Ding' kein Gift ist."

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