Kalendergeschichten | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 05.03.2021
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Deutschland evangelisch-katholisch

Kalendergeschichten

Ein Kalender ist nicht nur etwas Individuelles, sondern stellt die Person, die ihn mit ihren Terminen füllt, in einen größeren Raum der Erde und der Geschichte und in ein Wir.

Dass sich das Leben und die Erfahrungen anderer in meinen Kalender schreiben, bin ich gewohnt. Ich trage die Hochzeiten, die Taufen, die Beerdigungen ein mit den Namen. Wir machen aus, wann wir uns begegnen, um Leben zu erzählen, es deuten zu lernen, um einen Feierraum zu eröffnen, tradierten Riten zu trauen, mit denen wir die ersten tastenden Wege eines Kindes begleiten, oder um in der Trauer einen Trost zu suchen …

Im vergangenen Jahr sind so manche Eintragungen wieder herausgetragen worden in dieses Jahr 2021 oder in eine unbestimmte Zukunft. Die Unverfügbarkeit von Leben und Zeit macht sich auch im Kalender bemerkbar.

In einen Kalender schreibe ich nie etwas, aber täglich schaue ich hinein. Lese, wann das Kerzenanzünden am Shabbat beginnt oder ein jüdisches Fest gefeiert wird, wann die Nacht der Verzeihung im Islam ist und wie parallel unsere christlichen Festzeiten sich eingeschrieben haben. Wie oft habe ich nach dem Blick in den Kalender jüdischen, muslimischen, koptischen Freunden geschrieben. Er ist mir zu einem Wegbegleiter geworden. Immer wieder erinnert er mich daran, wie sich Gott zeitigt, wie vielfältig unsere Zugänge zum Leben sind, wie wir es in Festzeiten und Tagen feiern und zu deuten suchen.  

In dem Kalender stehen auch manche Todestage bedeutender Persönlichkeiten und internationale Gedenktage. Weltartenschutztag, Weltwassertag, Welttag des Theaters, Weltfrauentag, Welttag des Buches, Weltfahrradtag, Weltumwelttag … Was es alles gibt! Manche laufen leicht über die Lippen und verbinden und wecken schöne Bilder. Andere lassen meinen Blick nicht los von dem Wort. Wie am 6. Februar: Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung. 

Ca. 8000 Mädchen und Frauen täglich.

Leben und Erfahrungen anderer schreiben sich in meinen Kalender ein. Mir wird bewusst, es ist unser Leben. Ja, „wir reisen gemeinsam“, wie Rose Ausländer es durch Generationen hindurch in verdichteter Sprache mitteilt.

„Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen“

Kalender haben etwas Besonderes, wenn sie nicht nur meine Zeiteinteilung fassen und Einträge, die mit meinem Leben und Beruf zu tun haben. Sie haben etwas Besonderes, wenn sie meine Zeit einordnen oder weiten in dieses „vergesst nicht …. wir reisen gemeinsam“. In einer Weggefährtenschaft ist es nicht gleichgültig, wie es der Anderen geht und ihr Lebensraum zur Enge und Qual wird. Wie entwürdigend, verletzend Menschen angesehen, behandelt werden.

Wie bekommen wir das „gemeinsam“ hin? Indem etwas einfach dasteht, bedeutet es noch lange nicht, dass sich etwas verändert. Und ich muss es lesen wollen. Ich muss es wahrnehmen. Aus der Fülle von Gedenktagen und Eintragungen wach sein. Es wird die Person geben, die es liest und die es nicht mehr loslässt. Die dem nachgeht, aktiv wird, beginnt, denen eine Stimme zu geben, die keine Stimme, die kein Gehör finden. Die Unrecht „Unrecht“, Folter „Folter“ nennt.  

Im Kalender finden sich auch die Textabschnitte der Bibel für die einzelnen Tage und die Gedenktage der Heiligen. Als stünden die Prophetinnen und Propheten wieder auf und würden Unrecht beim Namen nennen. Die alten Erzählungen oder auch die Leidenschaft des Paulus für die Gemeinde in Korinth nehmen mich mit und ich werde Teil davon. Weggeschichte durch die Wüste oder die Weisen, die einem Stern folgen, die alte Hanna, die den Säugling Jesus berührt und über ihn spricht … Folter, Anspucken, Kreuz, Quelle in der Wüste, Fest und Hochzeit zu Kana … Gilt dann das Wort an Mose, an Jeremia, an Maria oder an weitere biblische Personen auch uns: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir!“?

Kalender. Was ist nicht alles schon darin geschrieben, bevor ich beginne, meine Zeit hineinzuschreiben. Meine Lebenszeit wird hineinverwoben in das, was sich hinter jedem schon eingetragenen Wort verbirgt. Und immer wieder kommen mir die Verse in den Sinn: „Vergesst nicht … wir reisen gemeinsam“. Da ist es egal, in welcher Epoche wir uns bewegen. Ich kann mich verbunden wissen mit Menschen, mit Prophetinnen und Propheten lange vor meiner Zeit. Mich kann deren Leben berühren, ihr Entscheiden, ihr Einstehen für Recht und Gerechtigkeit oder auch ihr Sterben. Vorausgesetzt, ich trage nicht nur meine Termine ein und bewege mich nicht nur in meinem Jetzt und an meinem Ort. Ob es in Zukunft solch einen internationalen Gedenktag wie am 6. Februar braucht, hat viel zu tun mit dem „Vergesst nicht … wir reisen gemeinsam“.

(Gedichtausschnitt aus: Rose Ausländer, Ich höre das Herz des Oleanders. Gedichte 1977-1979, 1984)

 

Heinz Vogel ist katholischer Pfarrer und Leiter der Seelsorgeeinheit St. Radolt in Radolfzell am Bodensee.