Wegen Unwahrheiten: Berlins Regierungschef Wegner gibt auf
10. Juli 2026
Am Ende war es die eine kleine Unwahrheit zu viel, war der Unmut über die letzten Monate voller Ungereimtheiten selbst bei seinen engsten Freunden zu groß geworden: Kai Wegner, Regierender Bürgermeister der deutschen Hauptstadt Berlin, Parteifreund von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), verzichtet darauf, bei der Neuwahl zum Berliner Landesparlament im September noch einmal für das höchste politische Amt in der Hauptstadt zu kandidieren.
Das gab der konservative Politiker am Freitagnachmittag bekannt. Bis zum Herbst will er aber im Amt bleiben: "Ich bin als Regierender Bürgermeister gewählt", verkündete er fast trotzig auf einer Pressekonferenz. Ob er das wirklich durchhalten kann, scheint aber mehr als zweifelhaft.
Ein Brandanschlag mit schlimmen Folgen
Seit April 2023 leitet Wegner in Berlin eine Koalition aus Konservativen und Sozialdemokraten. Zunächst mit Erfolg, der 53 Jahre alte Politiker kam bei den Bürgern der Hauptstadt gut an. Auch als er bekanntgab, dass er und seine Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch ein Liebespaar seien. Bis er dann im Januar dieses Jahres urplötzlich negative Schlagzeilen produzierte.
Denn am 3. Januar 2026 fiel im Südwesten der größten Metropole Deutschlands plötzlich der Strom aus. Der Grund: Unbekannte hatten einen Brandanschlag auf eine wichtige Kabelbrücke im Südwesten der Stadt verübt. Rund 100.000 Menschen waren betroffen.
Wegner sagt schon früh die Unwahrheit
Der Stromausfall betraf Krankenhäuser, Pflegeheime und Schulen - und besonders dramatisch: Über einige Tage waren viele Wohnungen nicht beheizbar. Die mysteriöse Gruppe von Linksextremisten mit dem Namen "Vulkangruppe" bekannte sich zunächst zu dem Anschlag, dementierte das später aber. Bis heute sind die Urheber des Stromausfalls unbekannt, der Generalbundesanwalt ermittelt.
Und Kai Wegner? Ging an diesem Tag Tennisspielen. Was er erst auf drängendes Nachfragen von Journalisten zugab. Aber er erklärte, er habe sich davor und danach sofort ans Telefon gesetzt und die Hilfsangebote der Stadt für die Menschen koordiniert.
Junge Union und CDU-Mitglieder wenden sich ab
Aber immer wieder verstrickte er sich bei diesen Schilderungen in Halbwahrheiten und gab nur zu, was Medien über seine dubiose Rolle an diesem bitterkalten Tag im Januar herausfanden. Der fatale Eindruck blieb: Der politisch wichtigste Mann Berlins hatte den schlimmsten Stromausfall in der Stadt seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht ernst genommen.
Und in dieser Woche stellte sich dann heraus, dass Wegner nicht wie behauptet noch am Tag selbst, also dem 3. Januar, zum Telefon gegriffen hatte. Jetzt war plötzlich nur noch von einigen Textnachrichten die Rede. Und da riss dann den Konservativen in der Hauptstadt der Geduldsfaden: Die CDU-Nachwuchsorganisation Junge Union rief Wegner dazu auf, auf eine Kandidatur für die Neuwahl im September zu verzichten, das Gleiche forderten auch CDU-Mitglieder der Hauptstadt in einem offenen Brief.
Merz und Wegner: Ein Nicht-Verhältnis
Für Bundeskanzler Friedrich Merz ist die Aufgabe Wegners in Berlin zunächst einmal natürlich eine schlechte Nachricht, aber der deutsche Regierungschef wird sicher auch Erleichterung spüren: Merz und Wegner kamen nie gut miteinander aus. Als Bundestagspräsidentin Julia Klöckner im vergangenen Jahr das Hissen der Regelbogenfahne, dem Symbol der queeren und homosexuellen Community, auf dem Reichstagsgebäude untersagte, stimmte Merz ihr zu: "Der Bundestag ist kein Zirkuszelt", verkündete der konservative Kanzler. Und Wegner posierte wenig später auf einem Volksfest mit einem T-Shirt mit eben genau dem Reichstagsgebäude nebst Regenbogenfahne.
Und auch daran, dass Merz nach seiner Wahl zum Kanzler im Mai 2025 neue Schulden im großen Maßstab unter anderem für die Bundeswehr auf den Weg brachte, störte sich Wegner öffentlich. Schon seit Monaten galt das Verhältnis der beiden als zerrüttet, erst recht nach den Vorkommnissen rund um den Stromausfall.
CDU in den Umfragen weit zurück
Noch ist unklar, wer statt Wegner nun für die CDU in die Neuwahl zieht. Der bisherige Finanzsenator Stefan Evers wird als Favorit gehandelt. Dazu sagte Wegner am Freitag: "Die Berliner CDU hat viele kluge Köpfe. Sie wissen, dass ich mit Stefan Evers seit vielen Jahren vertrauensvoll zusammenarbeite."
Evers müsste, wird er ernannt, schon eine kräftige Aufholjagd starten, will die CDU auch in Zukunft den Regierungschef in der Hauptstadt stellen. Auch wegen der Skandale rund um Wegner war die CDU in den Umfragen zuletzt auf den vierten Platz zurückgefallen. Hinter die Linkspartei, hinter die Grünen und die in Teilen rechtsextreme "Alternative für Deutschland" (AfD). Schon allein deshalb ist es schwer vorstellbar, dass Wegner bis zur Wahl einfach im Amt bleiben kann.