Julius von Bismarck und der andere Blick auf die Naturgewalten | Kunst | DW | 23.05.2020
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Interview

Julius von Bismarck und der andere Blick auf die Naturgewalten

Für seine Werke peitschte er das Meer und sprach mit dem Donner. Nun muss die Ausstellung von Julius von Bismarck in der Bundeskunsthalle ausgerechnet wegen einer Naturgewalt, der Corona-Pandemie, verschoben werden.

Er fing Blitze in Venezuela ein, jagte Hurrikans in den USA und fühlt sich auch sonst magisch von Naturgewalten angezogen. Der Urururgroßneffe Otto von Bismarcks, des ersten deutschen Reichskanzlers, gilt als wegweisender Vorreiter der Medien- und Digitalkunst. "Ich ziehe meine Inspiration aus der Wissenschaft und arbeite künstlerisch", sagt Julius von Bismarck über seine Werkstrategie.

Der Forscher und Konzeptkünstler stellt mit spektakulären Bildern und Experimenten unsere Wahrnehmung von Natur infrage. So verheerend und gewaltig Naturkräfte auch sind, nehmen wir in von Bismarcks Werken auch eine grenzenlose Schönheit in der Katastrophe wahr. Mit der DW sprach er über seine Arbeit und die oftmals bedrohte künstlerische Freiheit.    

DW: Sie arbeiten oft an unwirtlichen Orten und auf sich allein gestellt. Ähnlich einem Krisenreporter? 

Ziel meiner Arbeit ist es, unsere Sichtweise als Menschen auf die (Um-)Welt - etwa auf Naturgewalten - zu untersuchen und zu beeinflussen. Ich muss dort sein, wo Dinge passieren, die noch eine Interpretation brauchen. Diese Nähe zum Geschehen gehört auch zur Arbeit von Krisenreportern. Im Unterschied zum Journalisten greife ich vor Ort in das Geschehen ein. Ein Reporter sollte ja eigentlich neutral bleiben.

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Kunst als Forschung – Julius von Bismarck

 

Ihr künstlerisches Ziel ist es, die Wahrnehmung zu verändern. Wozu dient das?   

Durch meine Arbeiten möchte ich die Menschen einen Perspektivenwechsel erleben lassen. Und zwar ohne das gesprochene Wort, nur mit Mitteln der Kunst. Bei Worten reagieren wir oft mit fertigen Ansichten, etwa bei "Klimaleugner" oder "Klimaaktivist". Da funktioniert Perspektivenwechsel nicht mehr gut. Wir bewegen uns oft in unserer jeweiligen medialen oder persönlichen Meinungskammer und das potenziert einseitige Wahrnehmung. Natürlich nutzen wir Medien, aber daraus allein wächst keine Meinungsvielfalt. Unser Miteinander ist fragil. Der einseitigen Wahrnehmung und den raschen Verurteilungen muss der Reichtum der Vielseitigkeit entgegengesetzt werden. Für unser globales wie einzelstaatliches Miteinander ist die Fähigkeit zum Wechsel der Perspektiven elementar.
  
Ein Problem ist sicherlich auch, dass sich in den jeweiligen "Meinungskammern" selten ausgewogene Nachrichten und Informationen finden ...

Persönlich mache ich mir große Sorgen um die Zunahme von Populismus. Und ich bin überzeugt, die jüngsten Anschläge in Deutschland sind auch passiert, weil Populismus in den Medien Einzug hält. Und zwar auch in Printmedien - mal offener, mal subtiler und nicht weniger wirkungsvoll. Hetze beschränkt sich nicht nur auf Hetze im Netz, sondern es gibt sie auch im etablierten Journalismus. Da will man Nachrichten verkaufen, meint zu wissen, ‘diese Schlagzeile, die kommt an'. So schlicht ist Populismus. Meine Frage lautet daher: Was kann man dem entgegensetzen? Welche Mechanismen gibt es hierzulande, welche in anderen Ländern, die zu Hass führende Nachrichten verhindern? Und wie kann man sicherstellen, dass die Pressefreiheit dabei nicht Schaden nimmt?

In einer Felslandschaft explodieren Gesteinsformationen (Julius von Bismarck & Julian Charrière)

Explosionen von nachgebildeten Gesteinsformationen ließ Julius von Bismarck für "Canyonlands, I am afraid I must ask you to leave" wie einen terroristischen Anschlag erscheinen

Die Lage der Pressefreiheit ist kritisch. Wie steht es um die künstlerische Freiheit?   

Im Grunde ist das Potenzial gleich, ob man Filmemacher, Künstler, Satiriker oder Journalist ist. Natürlich gibt es im Einzelnen Unterschiede. Für einen politisch arbeitenden Künstler ist die Bedrohung höher als für einen nicht politisch arbeitenden Journalisten et vice versa. So einfach ist das.
 
Ihre Arbeiten provozieren auch immer wieder. Gab es rechtliche Konflikte oder wurden Sie schon bedroht?   

Bei meiner Arbeit muss ich schauen, wie sie am stärksten wirkt. Kunst ist widerständig. Ich überschreite also Grenzen - der Wirksamkeit wegen. Vor diesem Hintergrund habe ich auch schon auf Arbeiten verzichtet. Weil ich nicht Zielscheibe werden wollte für Leute, vor denen ich Angst habe. Das Recht, also etwa das deutsche Gesetz, hilft da nicht. Hierzulande erachtet man Kunstfreiheit als für die demokratische Grundordnung wesentlich. Es nutzt aber nichts, im Recht zu sein und nachher von einem Islamisten erschossen, vom russischen Geheimdienst vergiftet oder von einem Kartell umgebracht zu werden. Das sind reale Bedrohungen für Künstler und da hilft dir kein Recht. Natürlich agiere ich im Rahmen des Möglichen vorausschauend. Ich musste etwa eine unserer Aktionen in den USA rechtlich absichern und habe vorher prüfen lassen, inwiefern unser Vorhaben eine Straftat ist.  
 
Das Interview führte Martina Bertram.

Julius von Bismarck, geboren 1983, studierte Visuelle Kommunikation in Berlin und New York, USA, und war 2012 bis 2013 Schüler der Meisterklasse von Olafur Eliasson. Von Bismarcks Arbeiten waren bereits in zahlreichen Einzelausstellungen zu sehen, unter anderem im Palais de Tokyo in Paris oder der Villa Medici in Rom. Ein neuer Termin für die verschobene Schau "Feuer mit Feuer" in der Bundeskunsthalle in Bonn steht noch nicht fest.

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