Julia Skripal meldet sich: Rätselraten um erste Videobotschaft | Aktuell Europa | DW | 24.05.2018
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Zurück im Leben

Julia Skripal meldet sich: Rätselraten um erste Videobotschaft

Die vergiftete Julia Skripal hat sich erstmals in einem Video zu Wort gemeldet. Sie spricht von ihrer Genesung und einer möglichen Rückkehr nach Russland. Ihre öffentliche Botschaft lässt einige Fragen offen.

Interview mit Julia Skripal (Foto: picture-alliance/PA Wire/D. Martinez)

Julia Skripal bat wohl die britische Polizei, den Kontakt zu Reuters herzustellen

Julia Skripal will trotz des Giftanschlags auf sie und ihren Vater Sergej eines Tages in ihre Heimat zurückkehren. Das sagte sie in ihrem ersten Medienauftritt seit dem Angriff. "Längerfristig hoffe ich, in mein Land zurückzukehren", sagte sie und fügte an: "Ich danke der russischen Botschaft für die Hilfe, die mir angeboten wurde. Zurzeit bin ich aber nicht bereit und willens, das in Anspruch zu nehmen."

Mit Blick auf ihren langsamen Genesungsprozess erklärte Skripal, sie versuche, mit den verheerenden Veränderungen zurechtzukommen, denen sie körperlich und emotional ausgesetzt sei. Die Tatsache, dass der Anschlag mit Nervengift verübt worden sei, sei schockierend. "Mein Leben wurde auf den Kopf gestellt." Nach vielen Tagen im Koma habe ein langsamer und extrem schmerzhafter Genesungsprozess eingesetzt. Sie wolle jetzt dabei helfen, sich um ihren Vater zu kümmern, bis er sich vollständig erholt habe.

"Wir sind so glücklich"

Julia und ihr Vater Sergej Skripal, ein ehemaliger russischer Doppelagent, waren Anfang März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Stadt Salisbury entdeckt worden. "Wir sind so glücklich, dass wir beide diesen versuchten Anschlag überlebt haben", sagte Julia Skripal in der auf Russisch und Englisch gehaltenen und von der Nachrichtenagentur Reuters verbreiteten Stellungnahme. Nach ihrer Erklärung unterschrieb sie beide Dokumente. Nach dem Anschlag lag Julia Skripal 20 Tage im Koma. Etwa fünf Wochen nach dem Attentat wurde sie im April aus dem Krankenhaus entlassen.

Der Aufenthaltsort von Julia Skripal und ihrem Vater, der Mitte Mai das Krankenhaus verlassen konnte, wird streng geheim gehalten. Sie steht unter dem Schutz des britischen Staats und befindet sich nach Angaben der britischen Behörden an einem sicheren Ort. In den Medien trat sie seit dem Anschlag bislang nicht auf. Den Kontakt zu Julia Skripal an einem geheimen Ort hatte laut Reuters die britische Polizei vermittelt. Fragen waren nicht zugelassen.

Freie Äußerungen oder unter Druck? 

Die russische Botschaft in London bezweifelte in einer ersten Stellungnahme, dass die 33-Jährige die Videobotschaft freiwillig aufgezeichnet habe. Man fordere, mit Julia Skripal direkt zu sprechen, "um sicherzustellen, dass sie nicht gegen ihren Willen festgehalten wird und die Aussagen nicht unter Druck entstanden" seien. "Bislang haben wir allen Grund dazu, das Gegenteil zu vermuten", teilte die Botschaft auf ihrer Website mit. Man sei froh, zu sehen, dass es ihr gut gehe.

Auch das Außenministerium in Moskau äußerte sich. "Wir möchten, dass Julia Skripal weiß: Es gab nicht einen Tag, an dem das russische Außenministerium und die russische Botschaft in London nicht versucht hätten, den Kontakt zu ihr herzustellen", sagte Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa der Agentur Interfax. Julia Skripal bekräftigte hingegen in dem Video, dass sie und ihr Vater für sich selbst sprächen. Laut eine von Scotland Yard verbreiteten Mitteilung lehnt Julia Skripal den Kontakt zur russischen Botschaft und zu einer Cousine in Russland ab. Die diplomatische Vertretung in London zweifelt die Echtheit des Schreibens an.

Quittung für ein Doppelleben?

Das Motiv für den Anschlag ist bis heute unklar. Nach Angaben britischer und internationaler Chemiewaffeninspektoren wurden die Skripals mit dem in der Sowjetunion in den 70er und 80er Jahren entwickelten flüssigen Nervengift Nowitschok attackiert. Der Stoff war aber auch im Westen bekannt. Spuren davon wurden an Orten entdeckt, die Vater und Tochter besucht hatten. Die höchste Konzentration stellten Experten an einer Türklinke am Wohnhaus des Ex-Spions fest. Die britische Polizei sucht mit Hochdruck nach den mutmaßlichen Attentätern. Befürchtet wird aber, dass sie sich längst ins Ausland abgesetzt haben.

London bezichtigt Moskau, hinter der Tat zu stecken. Der Kreml weist das zurück. Das Attentat löste eine schwere diplomatische Krise zwischen Russland und westlichen Staaten aus. Skripal hatte früher für den russischen Militärgeheimdienst GRU gearbeitet und dem britischen MI6 Informationen weitergeleitet. 2004 flog er auf. Er wurde in Russland zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Bei einem Gefangenenaustausch kam er 2010 nach Großbritannien.

sam/rb (afp, dpa, rtr)