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Judo-WM: Erstmals ein Mixed-Flüchtlingsteam am Start

Farid Ashrafian
10. Mai 2023

Sie sind Flüchtlinge aus Iran, Afghanistan und Syrien und bei der Judo-WM in Katar treten sie als Flüchtlingsteam aus Frauen und Männern gemeinsam an. Ein Novum bei einer Weltmeisterschaft - folgen weitere Sportarten?

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Teile des Judo-Flüchtlingsteams bei der WM 2023 in Katar: Nigara Shaheen, Kavan Majidi, Vahid Sarlak (Cheftrainer), Arab Sibghatullah, Muna Dahuok und Jörn Becker (Physiotherapeut) (l.-r.)
Nigara Shaheen (l.), IRF-Cheftrainer Vahid Sarlak (3.v.l.) und Muna Dahuok (2.v.r.) bei der Judo-WM 2023 in KatarBild: Farid Ashrafian/DW

Seit Sonntag kämpfen bei den Judo-Weltmeisterschaften in Doha über 600 Kämpfer aus rund 100 Ländern um insgesamt 15 Weltmeister-Titel. Neben den Kämpfen im Einzelwettbewerb treten auch die Nationalteams in der Mannschaftsdisziplin gegeneinander an.

Die internationale Sportwelt erlebt dabei auch eine Premiere besonderer Art: Erstmals in der Geschichte konkurriert bei einer Weltmeisterschaft ein vollständiges Mixed-Team von geflüchteten Sportlern im direkten Duell mit anderen Nationalmannschaften ums Weiterkommen. 

Das International Refugee Team (IRF) besteht paritätisch aus jeweils drei Athletinnen und Athleten. Auch Nigara Shaheen ist Teil des IRF. Für die 29-Jährige ist die Teilnahme an der Judo-WM 2023 ein weiterer Meilenstein in ihrer sportlichen Karriere.

Flucht vor Taliban

Knapp zwei Jahre nach ihrer Olympiateilnahme in Tokio steht die Afghanin nun in Doha ein weiteres Mal auf einer großen Bühne des Weltsports. Ihre Geschichte ist maßgeblich von Flucht und Migration geprägt. 

Die ersten 18 Jahre ihres Lebens verbrachte sie mit ihrer Familie als Flüchtling in Pakistan, wo sie mit 11 Jahren mit dem Judosport begann. Nach einer zwischenzeitlichen Rückkehr nach Afghanistan musste sie abermals vor den Taliban fliehen. Gegenwärtig lebt und trainiert sie in Kanada.

"Eine WM-Teilnahme mit meinem Heimatland ist für mich als Frau unter der frauenfeindlichen Herrschaft der Taliban leider unmöglich", erzählt Shaheen im Gespräch mit der DW. "Die Nominierung eines WM-Mixed-Teams für Flüchtlinge ist eine goldene Chance für geflüchtete Spitzensportler und wertet sie auf."

Team als "Repräsentant aller Flüchtlinge"

Als bekennende Feministin sei sie glücklich, als Teil einer paritätisch aus drei Athletinnen und drei Athleten besetzten Mannschaft bei der WM aufzulaufen. "Der Zusammenhalt innerhalb unseres Mixed-Teams ist beispielhaft. Unsere Mannschaft repräsentiert quasi alle Flüchtlinge auf der Welt", betont die studierte Politologin, die nun einer akademischen Weiterqualifizierung im Fach Internationale Entwicklung in ihrer Wahlheimat Kanada nachgeht.

Nigara Shaheen (l.) beim Kampf auf der Matte
Judo ist für Nigara Shaheen (l.) viel mehr als "nur" der KampfBild: Farid Ashrafian/DW

Mit in Shaheens Mannschaft kämpfen die Iranerin Mahboubeh Barbari und Muna Dahuok aus Syrien. Unter Verweis auf die Herkunftsländer ihrer beiden Mitstreiterinnen im Mixed-Team unterstreicht Shaheen: "Wir drei kommen aus Ländern, in denen Frauen vom Staat systematisch diskriminiert werden und um ihre Grundrechte kämpfen. Deshalb spiegelt unser Auftritt im IRF auch den Widerstand der Frauen in unseren Heimatländern wider."

Widerstandskraft im Leben durch Judo

Judo sei für sie viel mehr als nur eine Sportart. "Judo hat nicht nur eine Sportlerin aus mir gemacht, sondern mir auch Widerstandskraft bei der Bewältigung meiner persönlichen Lebensprobleme verliehen." 

Mahboubeh Barbari* ist die erste iranische Judo-Kämpferin, die nun im Dress des IRF und ohne die vom Mullah-Regime vorgeschriebene Kopfbedeckung bei einer Judo-WM teilnimmt.

Die 32-Jährige lebt nach ihrer Flucht aus der Heimat seit 2018 in Deutschland. Im Interview mit der DW sagt sie: "Aus der Konstituierung des IRF-Mixed-Teams geht die Botschaft der Solidarität der Welt mit allen Geflüchteten hervor."

Mahboubeh Barbari im Porträt
Die Iranerin Mahboubeh Barbari ist stolz, Teil des Flüchtlingsteams zu seinBild: privat

Barbari war vor ihrer Flucht aus Iran Mitglied der dortigen Nationalmannschaft. Die im Schwergewicht kämpfende Sportlerin bekennt: "Natürlich bevorzugen alle Top-Sportler eines Landes, in der Formation ihrer eigenen Nationalmannschaft und unter eigener Landesflagge mitzuwirken. Aber dies ist manchmal aus unnachvollziehbaren Gründen nicht möglich."

Daher sei die Gründung eines Flüchtlingsteams eine "wunderbare Geste im Sinne der Olympischen Werte, um die Welt zusammenzuführen", fährt sie fort.

Olympia 2024 im Fokus

Mit der Teilnahme an der Judo-Weltmeisterschaft habe sie zudem die Möglichkeit, ihren Lebenstraum zu erfüllen und sich für die Olympischen Spiele 2024 in Paris zu qualifizieren, betont Barbari stolz.

Die Olympia-Teilnahme mit seinem Team hat auch IRF-Cheftrainer Vahid Sarlak fest im Visier. Er sehe "realistische Chancen" für die erfolgreiche Olympia-Qualifikation seiner Schützlinge.

Neben Barbari und Shaheen habe auch die aus Syrien stammende und in den Niederlanden lebende Muna Dahuok gute Aussichten, in ihrer Gewichtsklasse ein Ticket für Paris zu ergattern, behauptet Sarlak gegenüber der DW.

Das Mixed-Team der Flüchtlinge komplettieren der in Schottland lebende iranische Athlet Kavan Majidi sowie die in Deutschland  aufgenommenen Arab Sibghatullah aus Afghanistan und Adnan Khankan aus Syrien. Außerhalb des Mixed-Teams sollte zudem noch Mohammad Rashnozadeh an der WM in Katar teilnehmen. Doch dem in den Niederlanden als Flüchtling anerkannten Iraner wurde die Einreise von den katarischen Behörden wegen fehlender Dokumente verwehrt.

Flucht und Migration als Lebenswirklichkeit

Auch das Leben von Vahid Sarlak ist von einer Fluchtgeschichte gekennzeichnet. Der IRF-Cheftrainer war einmal selbst als Kämpfer Teil der iranischen Judo-Nationalmannschaft. Vor 14 Jahren setzte sich der heute 42-Jährige in Deutschland ab, nachdem er sich den strengen Vorgaben seiner Staatsführung widersetzt und bei einem Turnier "unerlaubt" gegen einen Israeli gekämpft hatte.

Sarlak, der auch als Bundesligatrainer des 1. JC Mönchengladbach sowie als NRW-Landestrainer aktiv ist, findet lobende Worte für die  Zusammenarbeit der Internationalen Judo-Föderation (IJF) und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Beide Verbände zeichnen sich maßgeblich für die Gründung des Judo-Flüchtlingsteams verantwortlich.

"Migration und Flucht ist weltweit eine Lebenswirklichkeit. Davon sind Profisportler nicht ausgenommen", hebt er im Gespräch mit der DW hervor. Umso erfreulicher sei es, dass die IJF und das IOC dieser Realität inzwischen nachhaltig gerecht geworden seien und geflüchtete Athleten intensiv förderten, ergänzt Sarlak.

Aber ist es denkbar, dass irgendwann auch Flüchtlingsmannschaften in weiteren Sportarten mit anderen Nationalteams gemeinsam an Weltmeisterschaften teilnehmen? "Warum nicht", entgegnet Vahid Sarlak und betont: "Wir sind Vorreiter für die Umsetzung dieser Idee. Eine Nachahmung durch andere Sportarten halte ich für nicht abwegig."

Nach dem Freilos in der ersten Runde der Judo-WM trifft das International Refugee Team am kommenden Sonntag in Runde 2 auf die Nationalmannschaft Usbekistans. Es könnte der Beginn eines neuen sportlichen Kapitels bei Weltmeisterschaften sein.

*Hinweis der Redaktion: Am Donnerstag (11. März 2023) teilte Mahboubeh Barbari der DW mit, dass sie die Reise nach Katar aufgrund unzureichender Dokumente nicht antreten konnte.