Judentum und Karneval: Die ″Kölsche Kippa Köpp″ | Kultur | DW | 01.03.2019
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Gesellschaft

Judentum und Karneval: Die "Kölsche Kippa Köpp"

Zum ersten Mal seit dem Ende der NS-Zeit gibt es in Deutschland wieder einen jüdischen Karnevalsverein: den "Kölsche Kippa Köpp". Sie wollen zeigen: Auch Juden sind seit jeher fester Bestandteil des Kölner Karnevals.

Die Kölsche Kippa Köpp stehen aufgereiht in einer Halle. Vorne in scharf zu sehen: Präsident Aaron Knappstein. (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Die "Kölsche Kippa Köpp" beim Besuch einer Karnevalssitzung der Blauen Funken

Spätestens wenn es in der Karnevalssaison auf Weiberfastnacht und Rosenmontag zugeht, kommen wieder Menschen sämtlicher Altersgruppen und verschiedenster Backgrounds zusammen, um bunt kostümiert zu feiern - Junge und Alte, Einheimische und Zugewanderte, Christen, Muslime und Juden. 

Dass Letztere ebenfalls am Karneval teilnehmen, darüber haben wahrscheinlich die wenigsten schon mal nachgedacht. Angesichts der Tatsache, dass schätzungsweise gerade mal 200.000 Juden in Deutschland leben, sie selten erkennbar sind und von ihnen meist nur dann die Rede ist, wenn es um Übergriffe oder gar den Holocaust geht, ist das nur nachvollziehbar. 

"Ganz lebendiges Judentum in Köln"

Und genau hier setzt Aaron Knappstein mit seinem Verein "Kölsche Kippa Köpp" (Hochdeutsch: Kölner Kippa-Köpfe) an: "Wir wollen zeigen, dass es heute ein ganz lebendiges Judentum in Köln gibt. Wir sind eine Gruppe von Leuten, die einfach wahnsinnig gern Karneval feiern!" Ehe Knappstein, Präsident der "Kölschen Kippa Köpp", den jüdischen Verein im November 2017 gründete, waren die Mitglieder in anderen Karnevalsvereinen aktiv. Von Christoph Kuckelkorn, dem Präsidenten des Festkomitees, das für die Traditionspflege des Kölner Karnevals zuständig ist, sei dann der Anstoß für die Gründung eines jüdischen Vereins gekommen.

Die aufgeklappte Narrenkappe der Kölschen Kippa Köpp in Nahaufnahme (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Im Inneren der Narrenkappe der "Kölschen Kippa Köpp": der Davidstern, der siebenarmige Leuchter "Menora" und ein hebräisches Gebet für Sicherheit auf Reisen

Doch bis sich Knappstein und seine derzeit elf Mitstreiter auch tatsächlich zu den "Kölschen Kippa Köpp" zusammenschlossen, hat es etwas gedauert. Ein wichtiges Argument für die Gründung war dann letztlich die Tatsache, dass es in den 1920er und frühen 30er Jahren schon einmal einen jüdischen Karnevalsverein in Köln gab: den "Kleinen Kölner Klub". An ihn wollen Knappstein und seine "Kölsche Kippa Köpp" erinnern - auch mit den drei Ks im Namen. "Es war uns wichtig, dass nicht in Vergessenheit gerät, dass Jüdinnen und Juden immer Teil des Kölner Karnevals gewesen sind", erklärt der 48-Jährige.

Sukzessiver Ausschluss aus dem Karneval

Erste jüdische Karnevalisten gab es bereits ab dem frühen 19. Jahrhundert, erläutert Historiker Marcus Leifeld im Gespräch mit der DW. Sogar wichtige Rollen hätten sie ausgefüllt, Karnevalswagen und Maskenzüge entworfen oder Bühnenstücke geschrieben und aufgeführt. Darunter der Liedertexter Hans David Tobar oder die Büttenrednerin Gertie Ranshoff.

Porträt von Aaron Knappstein von den Kölschen Kippa Köpp. (picture-alliance/dpa/O. Berg)

Aaron Knappstein, Präsident der "Kölschen Kippa Köpp"

Doch mit der Wirtschaftskrise, für die die Menschen in der Weimarer Republik einen Schuldigen zu finden versuchten, begann das friedliche Miteinander von Juden und Nichtjuden im Karneval allmählich zu bröckeln: Um 1922 gab es auf den Karnevalssitzungen die ersten antisemitischen Karnevalslieder und Büttenreden zu hören; die Vereine stritten über die Mitgliedschaft von Juden, schlossen diese aus oder duldeten sie nur noch als passive Mitglieder. So war es sicherlich kein Zufall, dass in jene Zeit auch die Gründung des "Kleinen Kölner Klubs", des ersten jüdischen Karnevalsvereins in Deutschland, fiel.

Leifeld vermutet, dass der KKK - genau wie heute die "Kölsche Kippa Köpp" - wahrscheinlich sogar der einzige jüdische Karnevalsverein auf der ganzen Welt gewesen sei. 

Typisch jüdisch? Fehlanzeige!

Der KKK um die Gründerbrüder Willi und Max Salomon setzte sich vor allem aus jüdischen Textilkaufleuten zusammen. Jede Session veranstalteten sie mindestens ein großes Kostümfest, bei dem mit den Roten Funken  - sie sind der älteste Kölner Karnevalsverein - und dem Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau zwei der wichtigsten Institutionen des Kölner Karnevals zu Gast waren. Kein jüdischer Karneval also, sondern Juden, die wie alle anderen auch den ganz normalen Kölner Karneval feierten.

Lesen Sie hier unseren ausführlichen Artikel zum Karneval während der NS-Zeit. 

Der Aufstieg der Nationalsozialisten brachte das jähe Ende des Klubs. Willi und Max Salomon flohen nach Palästina und in die USA, andere Mitglieder wurden deportiert und ermordet. Die letzte feststellbare Aktivität des KKK, so erklärt Marcus Leifeld, gehe auf die Karnevals-Session von 1930 zurück. Es sei unklar, ob der Verein danach noch weiter existiert habe.

Wagen auf dem Kölner Rosenmontagsumzug von 1934: Als orthodoxe Juden verkleidete Männer stehen auf dem Wagen. Dieser ist mit einem Schild versehen, auf dem steht: Die Letzten ziehen ab. (NS-DOK Köln)

Köln 1934: Der erste antisemitische Wagen rollt über den Rosenmontagszug. Er verhöhnt die Emigration zahlreicher Juden nach Palästina.

 Bewusstmachung statt Abgrenzung

Heute, rund 90 Jahre später, machen Aaron Knappstein und seine Vereinsfreunde mit den "Kölschen Kippa Köpp" die Präsenz von Juden im Karneval erstmals wieder bewusst. Es geht ihnen nicht um Abgrenzung zu anderen Karnevalisten, sondern darum, Normalität zu demonstrieren. Deshalb ist auch jeder willkommen - rund 30 neue Mitgliedsanträge von Juden und Nichtjuden, Männern und Frauen sind bei den "Kölschen Kippa Köpp" bereits eingegangen.

"Wenn wir als Verein auftreten und sagen, wir machen jetzt mal eine Sitzung oder komm doch mal als interessiertes Neumitglied zu den Stammtischen", erklärt Knappstein mit einem Augenzwinkern, "dann werden die Leute sehen: Hm, die sitzen genauso dumm rum um den Tisch und trinken ein Kölsch wie die anderen Karnevalsvereine auch. Und das ist eine Normalität."

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