Juden in Polen warnen vor Antisemitismus | Europa | DW | 19.04.2018
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Antisemitismus

Juden in Polen warnen vor Antisemitismus

Die jüdische Gemeinschaft in Polen lebt seit Jahren wieder auf. Immer mehr Polen entdecken ihre jüdischen Wurzeln. Doch heute fürchten sich viele vor dem wachsenden Antisemitismus.

Polen Fahrradtour Krakau (Jewish Community Center Kraków/Jakub Wlodek)

Teilnehmer der Fahrradtour, die das Jüdisches Zentrum in Krakau jedes Jahr zum Auschwitz-Museum organisiert

In der Wohnung von Joanna Sobolewska-Pyz stapeln sich Einladungen zu Feierlichkeiten, die in diesen Tagen anlässlich des 75. Jahrestages des Ghetto-Aufstandes in Warschau stattfinden. Am 19. April 1943 erhob sich eine Gruppe von Kämpfern gegen die deutschen Besatzer. Einen Monat später wurde der Aufstand niedergeschlagen und das Ghettogelände in Schutt und Asche gelegt. Sobolewska-Pyz ist eine der wenigen Überlebenden und seit 2012 Vorsitzende im Verein der Holocaust-Kinder.

Der Jahrestag im Schatten der Politik

Die 79-jährige wird skeptisch, wenn sie über die Gedenkfeierlichkeiten spricht. „Es gibt viel zu viel Veranstaltungen und viel zu wenig Reflektieren" und kritisiert das polnische Holocaustgesetz vom Ende Januar. Damit ist sie nicht alleine. Israel, die USA und jüdische Organisationen fürchten um die Folgen dieses Gesetzes: dass es zu Geschichtsfälschung verleitet, zur Leugnung von polnischen Verbrechen an den Juden. Polens Präsident Andrzej Duda hat das umstrittene Gesetz unterzeichnet, deshalb werden die offiziellen Ghetto-Gedenkfeiern mit seiner Teilnahme von vielen boykottiert.

Joanna Sobolewska-Pyz, Überlebende des Warschauer Ghettos (DW/M. Sieradzka)

Joanna Sobolewska-Pyz: Geschichte ist nicht nur schwarz oder weiß

Sobolewska-Pyz will trotzdem teilnehmen. "Ich mache das nicht für die Politiker, sondern für die Verstorbenen, auch meine Eltern", sagt sie im Gespräch mit DW. Sie wurde als dreieinhalbjähriges Kind einen Tag vor dem Ghetto-Aufstand auf die "arische" Seite geschmuggelt und von einer polnischen Familie aufgenommen. Derjenige, der sie gerettet hat, war ein Beamter der polnischen Polizei, die den deutschen Nazis unterstellt war, eigentlich also ein "böser" Pole, ein Kollaborateur. Ihre Geschichte ist alles andere als schwarz-weiß.

Der wachsende Antisemitismus

Doch der seit Monaten schwelende Konflikt um das Holocaustgesetz und damit um die Interpretation der Geschichte polarisiert die polnische Gesellschaft und überschattet die Aktivitäten des Vereins der Holocaustkinder und anderer jüdischen Organisationen. Auch die 1997 reaktivierte Warschauer Religionsgemeinde, die zahlreiche Treffen organisiert und eigene Schulen betreibt, ist betroffen. "Was in der letzten Zeit passiert, ist eine Hetze gegen die Juden. Es gibt Aussagen von öffentlichen Personen und von Privatleuten, die die Juden erniedrigen und dämonisieren", sagt die Gemeindevorsitzende Anna Chipczynska, die seit Monaten beleidigende Emails bekommt.

Das Warschauer Ghetto-Ehrenmal (Imago/Eastnews)

Die Spuren der Vergangenheit: Das Warschauer Ghetto-Ehrenmal

Laut Chipczynska wachse die Tendenz seit der Demo der Nationalisten und Rechtsextremen in Warschau am 11. November 2017, die trotz antisemitischer Parolen von den Regierenden als „patriotisch" bezeichnet wurde. "Das jüdische Leben in unserer Region Europas ist in den letzten 25 Jahren zum Blühen gekommen. Es stellt sich aber heraus, dass die Vorurteile schnell ans Licht kommen, wenn der Antisemitismus von oben geduldet wird", sagt die Gemeindevorsitzende. Sie bedauert, dass der Gemeindesitz unter Polizeischutz stehen muss.

Das jüdische Leben ist wieder da

Doch im Jewish Community Center im südpolnischen Krakau herrscht eine andere Stimmung. "In Polen geschieht ein Wunder. Jüdisches Leben entwickelt sich hier seit Jahren. Es ist heutzutage einfacher, sicherer und besser ein Jude in Polen zu sein als irgendwo anders in Europa", sagt der Direktor des Zentrums Jonathan Ornstein.

Polen Jonathan Ornstein (Jewish Community Center Kraków)

Jonathan Ornstein: "Jüdisches Leben in Polen blüht auf"

Der gebürtige New Yorker ist 1994 nach Israel emigriert und 2001 nach Polen gekommen. Vor einem Jahr hat er eine gebürtige Krakauerin geheiratet, die wie viele polnische Juden, erst im Erwachsenenleben ihre jüdischen Wurzeln entdeckt hat. Die Holocaust-Überlebenden haben früher oft ihre Herkunft vor den Kindern verheimlicht, um sie vor dem Antisemitismus zu schützen.

Polen entdecken jüdische Wurzeln

Jonathan Ornstein schätzt die Zahl der Polen mit jüdischen Wurzeln auf etwa 100.000. "Fast jeden Tag kommen zu uns Menschen, die irgendwelche jüdische Vorfahren entdeckt haben und wollen wissen, was das bedeutet, Jude zu sein", sagt Ornstein.

Als er nach Polen kam, gab es in Krakau kaum Anzeichen von jüdischem Leben. Jetzt organisiert das Zentrum, das er seit zehn Jahren leitet, hunderte Veranstaltungen pro Jahr. Es sind nicht nur die jährlichen Fahrradtouren zum 60 Kilometer entfernten Auschwitz-Museum oder Workshops über die jüdische Küche, sondern auch Debatten zum umstrittenen Holocaustgesetz.

Er gibt zu, dass die letzten Spannungen auch in Krakau nicht ohne Echo bleiben. Vor allem jüngere Mitglieder des Jüdischen Zentrums würden sich die Frage stellen, ob Polen der richtige Ort zum Leben für sie sei. "Wir wollen, dass die Regierung sicher stellt, dass Juden in Polen willkommen sind", sagt Ornstein. Er könne sich ein Polen ohne Juden nicht vorstellen, da sie hier die letzten 1000 Jahre gelebt hätten.

Jüdisches Leben in Polen (DW/R. Soloveitchik)

Jüdische gemeinde in Warsawa: Sabbat-Essen am Freitagabend

Überleben wie ein Wunder

Auch für die Ghetto-Überlebende Joanna Sobolewska-Pyz sind Juden ein Teil der polnischen Geschichte. Polen ist ihre Heimat, die sie nie verlassen würde, auch wenn sie immer häufiger böse Witze und Kommentare über die Juden hört. Sie sieht Ähnlichkeiten zwischen dem heutigen Fremdenhass in Europa und der rassistischen Ideologie, die zum Holocaust geführt hat. "Menschen wie ich müssen über ihre Schicksale reden. Es ist eine Mahnung. Es darf nicht wieder passieren", sagt Sobolewska-Pyz, während sie sich auf ein Treffen mit einer Schulklasse vorbereitet.

Auch wenn sie vom Erzählen ihres Schicksals oft müde wird, will sie nicht aufgeben, weil sie ihr Überleben für ein „Wunder" halte. Denn von den 3,5 Millionen Juden, die im Vorkriegs-Polen ein Zehntel der polnischen Bevölkerung ausmachten, haben nur wenige den Holocaust überlebt. 

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