Juden in Europa haben wieder Angst | Deutschland | DW | 10.12.2018
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Antisemitismus

Juden in Europa haben wieder Angst

Eine Studie der EU-Grundrechteagentur schockiert und überrascht doch wenig: Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in der EU fühlt sich massiv bedroht. Tätliche Übergriffe bleiben zwar selten, aber das Unwohlsein wächst.

Deutschland Tag der Kippa in Bonn (picture-alliance/dpa/F. Gambarini)

70 % der Juden fühlen sich in ihren EU-Heimatländern schutzlos gegenüber antisemitischen Angriffen.

Im Netz tauchen Listen mit Namen von in Europa lebenden Juden auf, die "weg müssen". Veröffentlicht wurde diese Hetzbotschaft auf dem Twitter-Kanal eines digitalen Hasspredigers. Nur eines von vielen tausend Beispielen von Antisemitismus, der sich in den sozialen Medien Tag für Tag Bahn bricht. Levi Salomon, Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie in Berlin, sagt dazu im Gespräch mit der DW: "Juden sind das perfekte Feindbild seit 2000 Jahren: Jetzt kommt das Ganze einfach in neuem Gewand und digital verstärkt."     

Europas Juden sind wachsam – und machen Auswanderungspläne

Das bleibt nicht ohne Folgen: Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in der Europäischen Union hat laut einer Studie der EU-Grundrechteagentur das Gefühl, dass der Antisemitismus stark zunimmt. 90 Prozent der Befragten aus zwölf EU-Mitgliedsstaaten gaben an, dass sie in den vergangenen fünf Jahren eine deutliche Zunahme von antisemitischen Hassreden und Belästigungen von Juden in der Öffentlichkeit wahrgenommen haben. 90 Prozent der Befragten sehen die sozialen Medien als den Hauptaktionsraum für diese antisemitischen Übergriffe. 38 Prozent gaben an, ganz konkret über Auswanderungspläne nachzudenken oder bereits erste Schritte in diese Richtung unternommen zu haben. Die in Deutschland lebenden Juden antworteten bei diesen Fragen ähnlich wie der Durchschnitt aller Befragten. Levi Salomon vom Jüdischen Forum überraschen die EU-Ergebnisse kaum. "Europa hat einfach jahrelang die Augen verschlossen und weggeschaut, wie jüdisches Leben Schritt für Schritt gefährdeter geworden ist."

Die Umfrage spricht hier eine deutliche Sprache: Jeder Dritte hat persönliche Erfahrungen mit Anfeindungen, Belästigungen oder sogar Übergriffen, vor allem, wenn sich die Betroffenen durch ein Symbol wie die Kippa als jüdisch zu erkennen geben. Die Ergebnisse stammen aus einer Online-Befragung, bei der 16.400 Jüdinnen und Juden zwischen Mai und Juni in diesem Jahr teilgenommen haben. Die Antworten repräsentieren die Situation in zwölf Mitgliedsstaaten, in denen Schätzungen zufolge über 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der EU leben. Die Umfrage richtete sich an Menschen, die sich selbst auf Grundlage ihrer Religion, Kultur oder aus anderen Gründen als jüdisch betrachten.

Über 4000 Antworten stammen aus den beiden Ländern mit der größten jüdischen Community in Europa, aus Großbritannien und Frankreich. Jeweils über 1000 Befragte stammen aus Deutschland, den Niederlanden und Schweden. In der Bundesrepublik leben aktuell rund 240.000 Jüdinnen und Juden, bei einer Gesamtbevölkerung von rund 82 Millionen. Die EU-Kommissarin für Justiz und Gleichstellung, Vera Yourova, fand bei der Vorstellung der Ergebnisse am Montag in Brüssel deutliche Worte: "Wir dürfen nicht nur an den Gräbern toter Juden weinen, sondern wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um die Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft in Europa heute zu garantieren."


EU-Staaten schützen jüdisches Leben unzureichend

Wie schlecht es jedoch um das Sicherheitsgefühl der Juden in Europa steht, zeigt eine weitere schockierende Zahl. 40 Prozent der Befragten hat die konkrete Sorge, in den kommenden Monaten Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. Die Studie hebt hervor, dass diese Gefahr in den vergangenen zwölf Monaten tatsächlich nur für zwei Prozent der Befragten bittere Realität geworden ist. Levi Salomon, Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie, warnt jedoch eindringlich: "Diese Statistiken stellen nicht die Realität dar, denn viele Übergriffe werden nicht gemeldet, nicht gezählt und damit später nicht wahrgenommen."

Die Umfrage zeigt: Knapp 80 Prozent der Befragten melden selbst schwerwiegende Vorfälle nicht der Polizei, weil der Eindruck vorherrscht, eine Meldung werde nichts bewirken. 70 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nicht das Gefühl haben, die Regierungen ihrer Länder würden ernsthaft gegen das Problem des Antisemitismus vorgehen. Die Täter gilt es dabei längst nicht mehr nur am rechten Rand zu suchen. Die Befragten zählen zu den häufigsten Tätergruppen vor allem Menschen mit extremen muslimischen Einstellungen (30 Prozent), gefolgt von Tätern aus der eher linken Szene oder Tätern aus dem Arbeits- und Schulumfeld. Interessanterweise nennen nur 13 Prozent der Befragten Menschen aus der rechtsextremen Szene als potentielle Haupttäter.

Chanukka-Leuchter am Brandenburger Tor Juden in Berlin (picture-alliance/dpa/W. Kastl)

Ein Chanukka-Leuchter im Herzen Berlins anlässlich des jüdischen Lichterfests

"Scheitert der Kampf gegen den Antisemitismus, scheitert Europa"

Vertreter beim Jüdischen Weltkongress (WJC), einer Interessenvertretung der jüdischen Gemeinden in 100 Ländern, forderten die Staats- und Regierungschefs der EU auf, jüdisches Leben in Europa zu schützen. WJC-Präsident Ronald S. Lauder schrieb in seiner Stellungnahme: "Wie sollten wir von den Ergebnissen überrascht sein, wenn es in Chemnitz in Deutschland offensichtlichen Antisemiten erlaubt wird, den Hitlergruß zu zeigen, und die Polizei steht abseits und lässt sie gewähren." Er zeigte sich überzeugt, dass "Sicherheitsmaßnahmen" allein den wachsenden Antisemitismus nicht stoppen könnten. Das könne nur in der Schule gelingen. Michael O'Flaherty, Direktor der EU-Grundrechteagentur, sieht auch die EU und die Regierungen der Mitgliedsstaaten in der Pflicht. Bei der Vorstellung des Berichts wählte er drastische Worte: "Scheitert der Kampf gegen den Antisemitismus, scheitert Europa."

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