Jeffrey Epstein: Der Sexualstraftäter, der lange davon kam | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 18.07.2019
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Sexueller Missbrauch

Jeffrey Epstein: Der Sexualstraftäter, der lange davon kam

Jeffrey Epstein hat beste Verbindungen in Politik und Gesellschaft, er hat Macht und Geld. Und er soll Sexhandel mit Minderjährigen betrieben haben. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten - dank einer Reporterin.

Jeffrey Epstein (Imago Images/ZumaPress/U. Sanghvi)

Jeffrey Epstein (Archivbild)

Ein mutmaßlicher Krimineller, eine Justiz, die versagt, und eine mutige Heldin, die den Bösewicht zur Rechenschaft zieht: Der Fall Jeffrey Epstein in den USA klingt fast zu sehr nach klassisch-fiktionalem Drama, um wahr zu sein. Es ist die schwer zu fassende Geschichte eines Mannes, der jahrelang junge Mädchen missbraucht und mit ihnen gehandelt haben soll, und der lange Zeit damit durchkam, weil er beste Kontakte in die höchsten Ebenen der amerikanischen Gesellschaft besitzt. Aber es ist auch die Geschichte einer hartnäckigen Frau, die die Arbeit der Justiz übernommen und dem Schrecken möglicherweise ein Ende bereitet hat.

Der mutmaßliche Kriminelle

Als Jeffrey Epstein, 66 Jahre, Investmentbanker und Multimillionär, am 6. Juli am Teterboro Airport in New Jersey aus seinem Privatjet steigt, wird er festgenommen. Vom Frankreich-Urlaub direkt in ein New Yorker Gefängnis. Beamte hatten zudem seine 40-Zimmer Wohnung in New York durchsucht und Hunderte Nacktfotos von vermutlich minderjährigen Mädchen sichergestellt. Die New Yorker Staatsanwaltschaft wirft Epstein Sexhandel mit Minderjährigen und Verschwörung zum Sexhandel vor. Der 66-Jährige soll jungen Mädchen laut Anklage Geld gezahlt haben, damit sie mit ihm Sex haben. Dann soll er die Mädchen dazu aufgefordert haben, weitere Opfer zu rekrutieren, die er laut einer Zeugin auch an Freunde und Bekannte weitervermittelte. Einige der Mädchen sollen erst 14 Jahre alt gewesen sein. Epstein bestreitet die Vorwürfe und plädiert auf nicht schuldig.

USA New York Jeff Berman bei Pressekonferenzu zu Jeffrey Epstein (Imago Images/UPI Photo/J. Angelillo)

Bundesstaatsanwalt Jeff Berman während einer Pressekonferenz zur Verhaftung Epsteins

Jeffrey Epstein wuchs im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf. Er studierte Physik und Mathematik, schloss aber nie ein Studium ab. Anfang der 1970-er arbeitete er als Mathematiklehrer an einer Privatschule in Manhattan. Dort soll ihn der Vater eines Schülers mit einem Partner der Investmentbank Bear Stearns in Kontakt gebracht haben. Dort arbeitete Epstein schließlich als Börsenspekulant, stieg schnell auf und startete sein eigenes Business als Vermögensverwalter von Milliardären. So jedenfalls wird es erzählt, über seine Finanzberatungsfirma ist nämlich nur wenig öffentlich bekannt.

Dubiose Vermögensverhältnisse

Ähnlich unklar ist, wie groß das Vermögen des 66-Jährigen ist. In manchen Medienberichten wurde er als Milliardär bezeichnet. Aus Gerichtsakten lässt sich schlussfolgern, dass er zumindest Multimillionär ist. Er hat diverse Anwesen und zwei Privatjets - einer davon soll den Spitznamen "Lolita Express" tragen. Wie genau er zu dem Vermögen gekommen ist? Auch darüber wird spekuliert. Nur durch seine Zeit an der Wall Street? Verschiedene Quellen gehen davon aus, dass Epstein seine Kunden mit Sexpartys köderte und anschließend erpresste. Bestätigt ist das bisher allerdings nicht.

Schon 2007 hatten mehrere Frauen Epstein wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Doch er entging einem Prozess, weil er sich schuldig bekannte und einen Deal mit der Staatsanwaltschaft auf Bundesebene einging. Für Epstein bedeutete der Deal gerade einmal 13 Monate Haft mit extremen Erleichterungen: So durfte er unter der Woche jeden Tag von seinem Büro aus arbeiten. Dem Deal stimmte der damalige Staatsanwalt in Florida, Alexander Acosta, später Arbeitsminister unter US-Präsident Donald Trump, zu. Seit 2008 wird Epstein außerdem als Sexualstraftäter geführt. Der Deal-Maker Acosta ist mittlerweile zurückgetreten - wegen seiner Verbindungen zu Epstein.

Durch den Deal kam Epstein nach gut einem Jahr im (Teilzeit-)Gefängnis frei. In der Presse tauchten im Anschluss daran immer wieder Verdachte gegen den Investmentbanker auf - richtig verfolgt hat das aber niemand.

Die Heldin

Zehn Jahre später liefert die Heldin in dieser Geschichte schließlich Beweise. Eineinhalb Jahre lang recherchierte Julie K. Brown, Investigativjournalistin beim Miami Herald, zu den Verdachten gegen Epstein. Brown machte Dutzende mutmaßliche Opfer ausfindig, sprach mit Polizisten, die auf Anweisung von höherer Stelle damals nicht richtig gegen den Verdächtigen ermitteln durften. Brown sah Gerichtsakten ein und veröffentlichte im November 2018 schließlich eine Serie über die mutmaßlichen Verbrechen Epsteins. Sie brachte das ganze Ausmaß der Vorwürfe an die Öffentlichkeit - als einzige. "Es gab wirklich niemanden, der das Ganze verfolgte", sagte Brown in einem WNYC-Podcast-Talk mit Schauspieler und Moderator Alec Baldwin im April diesen Jahres. "Das war eines der Dinge, die mich an diesem Fall fasziniert haben. Warum steht niemand auf und schreit?" Brown wollte den mehr als 80 mutmaßlichen Opfern Epsteins nach eigener Aussage eine Stimme geben.

Die New Yorker Staatsanwaltschaft sprach bei der Anklageerhebung von "herausragendem investigativen Journalismus". Brown schaffte das, was die amerikanische Justiz zuvor nicht konnte oder wollte: Beweise gegen Epstein zu sammeln. "Sie haben es vertuscht", sagte Brown in dem Podcast-Talk. "Sie haben dafür gesorgt, dass niemand das Ausmaß dieses Verbrechens wirklich kennt."

Die Verbindungen nach Oben

Der gesamte Fall könnte ein Beispiel dafür sein, wie ein Multimillionär sich an der Justiz vorbeimogeln konnte - auch wegen seiner engen Verbindungen nach ganz oben. Diese reichen bis in die höchsten Riegen der amerikanischen Politik und Gesellschaft. Der frühere US-Präsident Bill Clinton soll Medienberichten zufolge mehr als 20 Reisen mit Epsteins Privatjet unternommen haben. Clinton selbst erklärte, es seien deutlich weniger Flüge gewesen, er habe seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr mit Epstein gesprochen und wisse nichts über die "schrecklichen Verbrechen".

Prinz Andrew aus Großbritannien soll laut Miami Harald-Recherchen ebenfalls lange zum Freundeskreis von Epstein gehört haben. Gegen den Prinzen gibt es Anschuldigen, mit einem von Epsteins Mädchen Sex gehabt zu haben. Prinz Andrew bestreitet das.

Epstein gilt als extrem gut vernetzt, er soll die Nummern von hochrangigen Schauspielern, Wissenschaftlern, Superreichen und Unternehmern besitzen. Multimilliardär Les Wexner, unter anderem Besitzer des Victoria's Secret Imperiums, soll lange zu seinen Kunden gehört haben.

Wie stehen Epstein und Trump zueinander?

Spekulationen gab es im Zuge der Ermittlungen auch über das Verhältnis des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump und Epstein. Trump soll ebenfalls an Bord seines Flugzeuges gewesen sein. Epstein war Mitglied in Trumps privatem Club Mar-a-Lago. Auf Videoaufnahmen sieht man die beiden bei einer von Trumps Partys miteinander reden. Diverse Medien veröffentlichten außerdem ein von Trump stammendes Zitat aus dem Jahr 2002, in dem Trump den Multimillionär als "fantastischen Typen" bezeichnete, auch wegen seiner Vorlieben für junge Frauen. Heute distanziert sich Trump von dem Investmentbanker, sagt er sei "nie ein Fan" gewesen. Tatsächlich gibt es Berichte darüber, dass Trump Epstein eines Tages aus seinem Club werfen ließ, weil der Investmentbanker ein Mädchen sexuell belästigt haben sollte.

Und natürlich Alexander Acosta, der Deal-Maker, der keine Woche nach der Festnahme Epsteins seinen Rücktritt als Arbeitsminister erklärte. Den Deal von 2008 verteidigte er kurz zuvor aber noch einmal. Die Beweislage damals sei zu dünn gewesen, ohne Deal wäre Epstein freigekommen, behauptete Acosta vor wenigen Tagen.

USA Washington Weißes Haus | Präsident Donald Trump & Alex Acosta, Arbeitsminister (picture-alliance/AP Photo/A. Harnik)

Alexander Acosta (rechts) tritt als Arbeitsminister unter Trump zurück

Im Falle einer Verurteilung drohen Epstein nun bis zu 45 Jahre Haft. Beobachter blicken gespannt darauf, ob er auch dieses Mal einen Deal aushandeln wird: Informationen gegen Strafminderung. Sollte Epstein die Namen seiner Kunden und Mitwisser preisgeben, könnte das für viele einflussreiche Persönlichkeiten noch weitreichende Folgen haben.

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