Jacques Chirac - Der menschliche ″Bulldozer″ | Europa | DW | 26.09.2019
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Nachruf

Jacques Chirac - Der menschliche "Bulldozer"

Mit Kanzler Schröder bot er im Irakkrieg den USA die Stirn, an der Europäischen Verfassung scheiterte er und die Justiz verurteilte ihn. Nun ist Frankreichs Ex-Staatspräsident Jacques Chirac mit 86 Jahren verstorben.

Am Ende wagte er sich nur noch selten an die Öffentlichkeit. Der Mann, den politische Gegner und Unterstützer "den Bulldozer" nannten, war nach einem Schlaganfall angeschlagen - körperlich und seelisch. Allenfalls über seine Frau Bernadette, seine treue Begleiterin aus Studienzeiten, erfuhren die Franzosen von Zeit zu Zeit Neuigkeiten aus seinem luxuriösen Appartement am linken Seine-Ufer. Nun gab die Familie den Tod des 86-Jährigen bekannt.

Mehr als 40 Jahre stand Jacques René Chirac im politischen Rampenlicht. Begonnen hatte seine Karriere 1962. Nach dem Abschluss an den beiden Elite-Hochschulen Sciences Po und ENA ergatterte der 30-Jährige eine Stelle als Mitarbeiter der Regierung von Premierminister Pompidou. Unter seiner Führung übernahm Chirac wenige Jahre später erste Ministerposten, um dann unter Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing für zwei Jahre zum Premierminister aufzusteigen.

Den ersten Anlauf ins höchste Staatsamt unternahm der ehrgeizige Konservative im Alter von 49 - und scheiterte: 1981 und 1988 musste er sich dem Sozialisten François Mitterrand geschlagen geben. 

Präsident im dritten Anlauf

Seine politische Heimat fand der am 29. November 1932 in Paris Geborene in der ländlichen Corrèze, was seiner Vorliebe für Bier und deftige Gerichte zugute kam. Doch seine Machtbasis war die Hauptstadt. Hier studierte er, hier gründete er in den 1970er Jahren mit dem "Rassemblement pour la République" (RPR) eine eigene gaullistische Bewegung, und hier wurde er 1977 zum Bürgermeister gewählt.

FILE PHOTO: File photo of French President Chirac attending ceremony at Jardin du Luxembourg in Paris (REUTERS)

Jacques Chirac war von 1995 bis 2007 Staatspräsident Frankreichs

In Paris stieg Chirac auf - und in Paris sank auch sein Stern. Schon mit den ersten Entscheidungen seiner Präsidentschaft erntete er heftigen Widerstand. Im Wahlkampf hatte Chirac angekündigt, den "Bruch in der französischen Gesellschaft" zu heilen; einmal im Elysée-Palast angekommen, brachte er das Volk aber gegen sich auf. Die Pläne für umfassende Sozialreformen seiner Regierung führten zu schweren sozialen Auseinandersetzungen, und Chirac trat, wie immer wieder in seiner Präsidentschaft, den mehr oder weniger geordneten Rückzug an.

In der Hauptstadt erlebte er nach dem Ende seiner politischen Laufbahn auch die schwerste Demütigung. Als er seine schützende Immunität als Staatspräsident verloren hatte, verurteilte ihn 2011 ein Pariser Gericht wegen "Veruntreuung, Vertrauensbruch und illegaler Vorteilsnahme" zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Das erste Strafverfahren in der Geschichte der Republik gegen einen Altpräsidenten war eine juristische Abrechnung mit Chiracs 18 Jahre währender Ära als Bürgermeister von Paris.

Sein Nein zum Irak-Krieg trifft den Nerv des Volkes

Erfolgreicher als in der Innenpolitik agierte Chirac in der Außenpolitik. Aber auch hier begann seine Präsidentschaft mit Irritationen: Nachbarstaaten, aber auch viele Verbündete protestierten gegen die Ankündigung neuer Atomtests im Mururoa-Atoll. Dass Chirac seine deutschen Partner nicht vorher konsultierte, verübelte Bundeskanzler Helmut Kohl dem neuen Präsidenten.

Auch Kohls sozialdemokratischer Nachfolger Gerhard Schröder fremdelte zunächst mit dem Neogaullisten, bevor beide als Führer der Anti-Irakkriegsfront zu einer engen Zusammenarbeit fanden und US-Präsident George W. Bush die Stirn boten. Chirac war 2003 auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Seinen erneuten Wahlsieg - wenige Monate zuvor - verdankte er allerdings vor allem der Tatsache, dass mit Jean-Marie Le Pen ein Rechtsextremist überraschend in die Stichwahl gelangt war.

Frankreich Paris Friedensvertrag 1995 - Clinton & Chirac & Kohl

Chirac (Mitte), mit US-Präsident Bill Clinton und Bundeskanzler Helmut Kohl (r.), 1995 bei der Unterzeichnung des Abkommens von Dayton, der den Krieg in Bosnien und Herzegowina beendete.

Aber auch in seiner zweiten Amtszeit verließ Chirac mehrfach sein ansonsten ausgeprägter machtpolitischer Instinkt. Obwohl die französische Verfassung ihn dazu nicht verpflichtete, ordnete der pro-europäische Präsident siegesgewiss eine Volksabstimmung über das Projekt einer Europäischen Verfassung an, die die Befürworter im Mai 2005 krachend verloren. Ein Rücktritt des Präsidenten wäre angemessen gewesen, doch Chirac blieb und erlebte die letzten beiden Jahre seiner Amtszeit, in die auch die schweren Vorstadt-Unruhen fielen, ohne die Kraft zu einem politischen Neustart zu finden.

Chirac mutet den Franzosen Veränderungen zu

Als 2007 sein Nachfolger Nicolas Sarkozy in den Elysée-Palast einzieht, veränderte sich noch einmal der Blick der Franzosen auf den ehemaligen Präsidenten. Genervt vom als hyperaktiv und geldfixiert wahrgenommenen Sarkozy, sehnten viele den feinsinnigen Liebhaber asiatischer Kunst zurück, der mit seiner Volksnähe und jovialen Art den Franzosen ans Herz gewachsen war.

Seinem Volk hinterließ Chirac nach zwölf Jahren Präsidentschaft einen Berg an unerledigten Sozialreformen, aber auch wichtige Weichenstellungen. Die Abschaffung der Wehrpflicht und der Aufbau einer schlagkräftigen Einsatzarmee gehören genauso dazu wie die Einführung eines Kopftuchverbots an staatlichen Schulen und Universitäten.

Große Anerkennung im In- und Ausland erhielt der Präsident auch für eine zentrale Korrektur des offiziellen Geschichtsbildes. Als erster französischer Staatschef bekannte sich Chirac offen zur Verstrickung Frankreichs in die Verfolgung und Ermordung französischer Juden während der Nazi-Besatzung. Vor allem dieses historische Erbe überdauert seine Präsidentschaft bis heute.

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