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PolitikEuropa

Italien ermittelt gegen "Hobby-Scharfschützen" von Sarajevo

Samir Huseinovic (Sarajevo)
13. November 2025

Drei Jahrzehnte nach der Belagerung der bosnischen Hauptstadt ermittelt die italienische Justiz gegen "Wochenend-Scharfschützen". Sie sollen dafür bezahlt haben, bei "Sarajevo-Safaris" Menschen erschießen zu können.

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Ein Mann und ein Kind rennen Hand in Hand über eine Straße in einer städtischen Umgebung. Im Hintergrund sind zwei weitere rennende Menschen sowie ein stark beschädigtes Hochhaus mit zerbrochenen und verrußten Fenstern zu sehen
Sarajevo, 18.12.1994: Ein Einwohner der bosnischen Hauptstadt rennt mit seinem Kind an der Hand über die Straße, um sich vor den Kugeln von Heckenschützen in Sicherheit zu bringenBild: picture-alliance/ dpa

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Belagerung von Sarajevo haben italienische Staatsanwälte Ermittlungen eingeleitet, die ein Licht auf einen der dunkelsten und unbekanntesten Aspekte des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 werfen könnten: sogenannte "Hobby-Scharfschützen". Es geht um ausländische Staatsangehörige, die bei "Sarajevo-Safaris" angeblich dafür bezahlten, um auf Zivilisten in der von Truppen der bosnischen Serben umzingelten Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas zu schießen.

Eingeleitet wurden die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Heckenschützen nach einer Anzeige des italienischen Journalisten und Schriftstellers Ezio Gavazzeni. Er stellte der Mailänder Staatsanwaltschaft Dokumente und Zeugenaussagen aus jahrelangen Recherchen zur Verfügung. Gegenüber dem Westbalkan-Medienprovider N1 erklärte Gavazzeni, der 2022 erschienene Dokumentarfilm "Sarajevo Safari" des slowenischen Regisseurs Miran Zupanic sei Ausgangspunkt seiner Arbeit gewesen.

Bisher laufen die Ermittlungen gegen unbekannt - doch die italienische Justiz könnte bald konkrete Namen nennen. "Ich hatte Kontakte zu Personen, darunter ein Mitglied des bosnischen Geheimdienstes während der Belagerung von Sarajevo, die über Gruppen italienischer 'Scharfschützentouristen' berichteten, die in die Berge um Sarajevo kamen, um auf Zivilisten zu schießen", sagt Gavazzeni.

Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen der ROS, einer Spezialeinheit der Carabinieri, übertragen, die für ihre Arbeit an komplexen internationalen Fällen bekannt ist. Italien ist das erste Land, das gerichtliche Ermittlungen gegen die auch "Wochenend-Scharfschützen" genannten zeitweiligen Kriegsteilnehmer eingeleitet hat.

Aussage eines Ex-Geheimdienstmitarbeiters

Edin Subasic, ein ehemaliger Offizier des Geheimdienstes der bosnischen Armee, berichtet im Film "Sarajevo Safari" vom Verhör eines gefangengenommenen Serben 1993, der die Existenz ausländischer "Scharfschützentouristen" bestätigt habe. "Der Gefangene, ein 20-Jähriger aus der serbischen Stadt Paracin, gab an, er sei auf Einladung der [ultranationalistischen, Anm.d.Red.] Serbischen Radikalen Partei mit einer Gruppe Freiwilliger nach Bosnien gekommen."

Ein Mann mit grauen Haaren steht vor einem weiten Panorama einer Stadt, die sich in einem Tal zwischen grünen Hügeln und Bergen erstreckt. Die dicht bebauten Wohn- und Geschäftsgebäude zeigen eine Vielfalt an Farben und Baustilen
Ex-Geheimdienstler Edin Subasic in einer Szene im Film "Sarajevo Safari" Bild: Sarajevo safari, Arsmedia

Während der nächtlichen Fahrt durch das serbisch kontrollierte Gebiet fielen dem Serben fünf Ausländer im Bus auf, die offenbar einen Sonderstatus besaßen und besonders gut ausgerüstet waren. Drei von ihnen seien Italiener gewesen, einer davon aus Mailand, während die beiden anderen ihre Herkunft nicht preisgegeben hätten, so Subasic. "Diese Männer wurden nicht fürs Kämpfen bezahlt, sondern zahlten dafür, um Zivilisten zu erschießen - als Menschen-Safari."

Im bosnischen Fernsehsender FTV behauptet Subasic weiter, er habe während des Krieges Informationen über Italiener gesammelt, die am Beschuss Sarajevos durch Scharfschützen beteiligt waren. "Dabei wurden die Namen einiger Täter gefunden, weitere Ermittlungen könnten Aufschluss darüber geben, wie die Reise, die Bezahlung und die Rückkehr der Teilnehmer organisiert wurden", so Subasic. FTV berichtet außerdem von einer "speziellen Preisliste", deren Preise davon abhingen, wer das Ziel war: "ein Mann, eine Frau, eine Schwangere oder ein Kind."

"Snajper", "Wochenend-Tschetniks" und die Erinnerungen der Überlebenden

"Wochenend-Tschetniks" nannten die Einwohner Sarajevos - in Anlehnung an die Selbstbezeichnung serbischer Nationalisten, die während der Jugoslawien-Kriege kämpften - diejenigen serbischen Belagerer, die nur an Wochenenden in die serbischen Stellungen kamen, die die Stadt von Juni 1992 bis Dezember 1995 umgaben. Dzemil Hodzic war zehn Jahre alt, als sein damals 16jähriger Bruder Amel 1995 von einem "Snajper" - so der vom englischen Wort für Heckenschützen, "Sniper", abgeleitete bosnische Begriff - getötet wurde. Heute leitet Hodzic das Fotoprojekt "Sniper Alley", in der er vom Leben unter der Belagerung berichtet.

Viele Menschen ducken sich eng zusammengedrängt neben einem offenen Fahrzeug, offenbar in einer Schutzposition. Ein Mann mit einer roten Baskenmütze zielt mit seinem Gewehr auf etwas, während andere ihre Köpfe mit den Armen bedecken
Sarajevo, 6.04.1992: Umringt von Schutz suchenden Zivilisten erwidert ein bosnischer Soldat das Feuer eines serbischen HeckenschützenBild: picture-alliance/dpa

"Wir wissen von Söldnern und Freiwilligen aus Russland und Griechenland sowie aus der serbischen Diaspora", so Hodzic gegenüber der DW. "Der deutsche Fotojournalist Peter Kullmann hat beschrieben, wie er Serben begegnete, die nur für zwei Tage aus Deutschland kamen, um - wie sie behaupteten - ihr Land zu verteidigen. Sie reisten freitags nach der Arbeit an und kehrten sonntags spät zurück, um montags wieder bei der Arbeit zu erscheinen."

Ob diese Personen für ihre Beteiligung bezahlt haben oder selbst bezahlt wurden, sei nicht bekannt - aber ihre Aktivitäten hätten "blutige Spuren in den Straßen von Sarajevo hinterlassen". Während der Belagerung Sarajevos kamen mehr als 11.000 Menschen ums Leben, darunter 1601 Kinder. Der gesamte Bosnienkrieg forderte über 100.000 Todesopfer.

Beteiligung ausländischer Söldner gut dokumentiert 

Mirsad Tokaca, Direktor des Forschungs- und Dokumentationszentrums in Sarajevo, erklärte gegenüber der DW, Analysen der zivilen Opferzahlen hätten ergeben, dass Scharfschützen in Sarajevo zwischen 300 und 350 Menschen getötet hätten. "Fast alle Opfer waren Zivilisten", so Tokaca. 

Obwohl es keine genauen Daten über die Zahl der Scharfschützentouristen gibt, ist die Beteiligung ausländischer Söldner in den Streitkräften der bosnischen Serben gut dokumentiert: "In unserer Datenbank sind rund 300 Personen aus Griechenland, Russland, der Ukraine und anderen Ländern verzeichnet, die in der serbischen Armee gekämpft haben." 

Die aktuellen italienischen Ermittlungen gegen die Hobby-Scharfschützen im Bosnienkrieg könnten zu den ersten Prozessen gegen europäische Staatsbürger führen, die außerhalb formaler militärischer Hierarchien, aber mit Unterstützung oder dem Wissen einer Kriegspartei - in diesem Fall der bosnisch-serbischen Streitkräfte - an Kriegsverbrechen beteiligt waren. 

Porträt eines Manns mit braunem Haar, der in die Kamera blickt
Samir Huseinovic Korrespondent, Autor und Reporter, vor allem für DW Bosnisch/Kroatisch/Serbisch